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NDR Kultur Sachbuchpreis: Zwei Titel gewinnen

Stand: 17.11.2020 17:02 Uhr

Zum ersten Mal haben zwei Titel den NDR Kultur Sachbuchpreis gewonnen: "Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert" von Caroline Criado-Perez und "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" von Andreas Kossert. Ein Gespräch mit der Redakteurin für den NDR Kultur Sachbuchpreis, Stephanie Pieper.

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Frau Pieper, wie ist es zu dieser ungewöhnlichen Entscheidung gekommen?

Stephanie Pieper: Es ist in der Tat eine ungewöhnliche Entscheidung. Aber beide Siegertitel sind originell, beide sind fundiert recherchiert, beide sind sehr lesbar geschrieben, beide adressieren also ein breites Publikum. Kurzum: Beide erfüllen die Kriterien, die wir haben, um ein Werk mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis auszuzeichnen. Noch dazu befassen sich Caroline Criado-Perez und Andreas Kossert mit relevanten Themen, die in diesem Jahr - weil wir so viel über die Corona-Pandemie und ihre Folgen reden - nicht so viel Raum bekommen haben in der öffentlichen Diskussion wie sonst: zum einen die Chancengleichheit von Frauen und zum anderen die Fluchterfahrungen von Menschen. In der Jury gab es eine heiße Diskussion, und am Ende lagen beide Bücher gleichauf. Und statt weiter die Qual der Wahl zu durchleben, haben die Jurymitglieder entschieden: Lasst uns einfach ausnahmsweise beide auszeichnen.

Heißt das für die Gewinnerin und den Gewinner, dass sie sich das Preisgeld von 15.000 Euro teilen müssen - oder hat der NDR auch den Einsatz verdoppelt?

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
Stephanie Pieper

Pieper: Wir haben den Einsatz tatsächlich spontan verdoppelt - Caroline Criado-Perez und Andreas Kossert erhalten also jeweils 15.000 Euro. Damit setzt der NDR ein Zeichen, um eine Autorin und einen Autor zu unterstützen - denn das ist auch ein Berufsstand, der unter der Corona-Pandemie gelitten hat. Vielen Autorinnen und Autoren sind in diesem Jahr Auftritte, Lesungen und damit wichtige Einnahmen weggebrochen - das gilt in Deutschland wie in Großbritannien, wo Caroline Criado-Perez lebt. Das können wir mit unserem Preisgeld bei den beiden Preisträgern zumindest etwas kompensieren. Wir senden mit dieser Unterstützung aber auch das Signal aus, dass wir Sachbücher gerade in diesem Jahr für besonders wichtig halten, um eine öffentliche Debatte zu führen, die von Fakten und Argumenten geprägt ist - und nicht - wie leider so oft - von Stimmungsmache.

"Unsichtbare Frauen" von Caroline Criado-Perez beleuchtet die Datenlücke, die Frauen schlicht übersieht. Warum ist dieses Buch so bemerkenswert?

Pieper: Dieses Buch ist deshalb bemerkenswert, weil es an sich gar nicht so überraschend ist, dass Frauen immer noch übersehen werden in Statistiken und Studien, auch bei der Gestaltung des öffentlichen Raums. Aber zugleich ist es doch frappierend und auch frustrierend zu lesen, wo das überall immer noch der Fall ist. Caroline Criado-Perez führt unzählige Beispiele dafür an: Frauen sterben häufiger als Männer an einem Herzinfarkt, weil sie vermeintlich untypische Symptome haben - weil die typischen Symptome die Männersymptome sind. Frauen müssen im Theater in der Pause vor den Toiletten länger Schlange stehen, weil es zu wenige davon gibt. Frauen fühlen sich im öffentlichen Raum oftmals unsicher, weil die Straßen teils schlecht beleuchtet sind. Criado-Perez' Buch hat zu Recht in Großbritannien schon einige Preise eingeheimst und nun auch unseren.

Andreas Kossert wiederum stellt in seinem "Flucht"-Buch das Schicksal von Menschen dar, die ihre alte Heimat verlassen und eine neue Heimat suchen müssen. Was macht sein Werk so lesenswert?

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Die Seiten eines Buches formen ein S. © NDR

"Flucht" und "Unsichtbare Frauen" gewinnen Sachbuchpreis 2020

Erstmalig gewinnen zwei Bücher den NDR Kultur Sachbuchpreis: "Unsichtbare Frauen" von Caroline Criado-Perez und "Flucht" von Andreas Kossert. mehr

Pieper: Das ist vor allem lesenswert, weil Andreas Kossert es vermag, die großen Linien der Weltgeschichte nachzuzeichnen, die immer wieder zu großen Flüchtlingsbewegungen geführt haben. Gleichzeitig schafft er es, nah an den Menschen zu bleiben, die dieses Schicksal erlitten haben. Es ist also keine nüchterne Betrachtung der Ursachen und der Folgen, die zu Flüchtlingsbewegungen geführt haben, sondern Kossert nimmt einen Blickwinkel ein, der nie das einzelne Schicksal, den einzelnen Menschen an den Rand geraten lässt, sondern ihn in den Mittelpunkt rückt. Er stellt historische Quellen wie Zeitzeugenberichte und literarische Zeugnisse nebeneinander, sodass das Buch sowohl analytisch-klug ist als auch eines, das einem als Leserin nahegeht.

Die traditionelle Gala zur Preisverleihung auf Schloss Herrenhausen in Hannover muss in diesem Jahr leider ausfallen. Worauf kann sich unser Publikum trotzdem freuen?

Pieper: Auf eine interessante Sendung, in der wir den NDR Kultur Sachbuchpreis aus der Distanz verleihen - am 24. November um 19 Uhr, moderiert von Ulrich Kühn. Wir sprechen mit Caroline Criado-Perez und mit Andreas Kossert; wir hören einen Impuls von der deutsch-amerikanischen Philosophin Susan Neiman; wir reden mit Laudatorinnen und Laudatoren über die preisgekrönten Bücher - übrigens auch über das Buch "Revolution im Stall" von Veronika Settele über landwirtschaftliche Tierhaltung in Deutschland in den Nachkriegsjahrzehnten, das den Förderpreis Opus Primum der VolkswagenStiftung bekommen hat. Und für die Musik sorgt ein Solisten-Trio des Ensembles musica assoluta aus Hannover.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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Cover des Buchs "Das Ende der Evolution" von Matthias Glaubrecht © Random House

Nominiert für den NDR Kultur Sachbuchpreis: "Das Ende der Evolution"

Matthias Glaubrecht befasst sich in seinem mehr als 1.000 Seiten starken Buch mit dem Klimawandel und dem Artensterben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.11.2020 | 18:00 Uhr