Stand: 06.02.2018 18:20 Uhr

Klimts Werk: "Ein Denkmal für weibliche Lust"

Vor 100 Jahren starb Gustav Klimt - aber das Werk des Künstlers hat mühelos überdauert. Klimt ist Kult, irgendwie. Doch warum? Und was hat die populäre Fassade mit dem Künstler dahinter zu tun? Die Autorin und Kuratorin Mona Horncastle hat gemeinsam mit Alfred Weidinger eine Klimt-Biografie verfasst.

Frau Horncastle, Ihr Buch heißt "Die Biografie", und es ist erstaunlich: Bisher gab es keine richtige Klimt-Biografie. Wie kann das sein bei diesem strahlenden Namen?

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Mona Horncastle hat zusammen mit Alfred Weidinger die erste Klimt-Biografie verfasst.

Mona Horncastle: Unfassbar, aber offensichtlich wurde 40 Jahre lang in den vielen Publikationen, die vorgelegt wurden, übersehen, dass es keine Klimt-Biografie gibt. 1969 hat Nebehay eine Dokumentation verfasst, die auf Zeitzeugenberichten und Quellen basiert, und seither gab es viele Bücher, auf denen draufsteht: "Leben und Werk" - aber da werden sehr viele Mythen bedient und sehr viele Legenden weitergesponnen. Wir haben gesagt, das hat Klimt nicht nötig, wir reduzieren uns auf die Faktenlage und versuchen nicht, Legenden weiterzuerzählen, um den Anschein zu erwecken, dass sie dadurch wahr wären.

Welche Mythen und Legenden haben Sie im Wesentlichen abtragen wollen und können?

Horncastle: Zum einen die Legende von Klimt als Weiberheld. Er wird immer dargestellt, als wäre kein Rock sicher gewesen, der nicht bei drei auf dem Baum saß. Klimt war ein Frauenliebhaber, absolut, Klimt war aber auch ein großer Frauenversteher, der es geschafft hat, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, die es ihm ermöglicht hat, sehr sensibel mit dem Weiblichen und mit der weiblichen Lust umzugehen. Klimt war außerdem ein großer Freund der starken Frauen. Wenn man sich anschaut, wen er porträtiert hat, dann sind das ausnahmslos Frauen, die, wären sie in die heutige Zeit hineingeboren, erfolgreich wären in jedweder beruflichen Ambition.

In diesem Werk sind nicht nur Frauen, da ist vor allem auch weibliche Nacktheit, teilweise als skandalös empfunden. Da sind zum Beispiel die berüchtigten "Fakultätsbilder" für den Großen Festsaal der Uni Wien, allegorische Darstellungen der klassischen akademischen Fakultäten. Tolle Bilder, aber mit viel nackter Haut, und entsprechend groß war der Protest. Hat Klimt diesen Widerspruch gesucht?

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Das Bild "Dame mit Fächer" von Gustav Klimt entstand im Jahr 2017.

Horncastle: Nein, er hat das nicht forciert. Er hat, gerade was die Fakultätsbilder angeht, x-mal nachgearbeitet. Er wollte es den Professoren wirklich recht machen. Es war allerdings nicht nur die nackte Haut, die gestört hat, es war der realistische Blick auf das Leben. Kurz gefasst könnte man sagen, die Fakultätsbilder wurden abgelehnt von den Professoren, weil sie gerne ihre Disziplinen etwas idealistischer dargestellt gehabt hätten - und das hat Klimt nicht getan. Daraufhin hat er seine Bilder zurückgenommen und nie wieder einen Staatsauftrag angenommen.

Klimt steht für die Wiener Sezession, für Moderne und Aufbruch. Aber wofür genau innerhalb dieses Rahmens, was zeichnet ihn insbesondere aus? Sie haben gesagt, da sei dieser ungeschminkte Blick auf die Realität - das will man so gar nicht zusammenbringen mit dem, was vordergründig als Klimt-Bild daherkommt.

Horncastle: Vieles ist vordergründiges Klimt-Bild, und auch deswegen haben wir diese Lücke gefüllt und eine Biografie geschrieben, die eben nicht irgendwelche Geschichten erzählt, nur weil sie sich gut anhören. Stichpunkt Sezession: Hier hat Klimt mit seinen Kumpanen das Ausstellungswesen revolutioniert. Alles, was wir heute kennen als kuratierte Ausstellung mit einem didaktischen Begleitprogramm, mit einem Museumskatalog - das haben die Sezessionisten in Wien mit Klimt als ihrem Präsidenten erfunden.

1918 war nicht nur Klimts Todesjahr, es war auch das Todesjahr Egon Schieles, um dessen Darstellung von Nacktheit schon frische Diskussionen entbrannt sind. Meinen Sie, Klimt gerät auch in diese Debatte hinein, kann und wird man ihm einen sexualisierten, verdinglichenden Blick auf Frauen vorwerfen?

Horncastle: Allein, dass man diese Fragen - das "MeToo" usw. - immer wieder stellt im Zuge der Biografie, zeigt schon, dass der Blick auf ihn so ist. Aber verglichen mit Schiele oder Kokoschka haben Klimts Aktzeichnungen überhaupt nichts Voyeuristisches; sie sind nicht obszön. Im Gegenteil: Sie sind wahnsinnig sensibel und setzen ein Denkmal für die weibliche Lust. Und weibliche Lust gab es damals in der öffentlichen Wahrnehmung nicht, noch viel schlimmer: Sie wurde negiert und im schlimmsten Fall sogar mit chirurgischen Maßnahmen bekämpft. Und dann stellt er sich hin - unerhört - und interessiert sich genau für das, was so tabuisiert ist.

Fin de Siècle, Moderne, die Zeit des Ersten Weltkriegs, Klimts Zeit - sie entpuppte sich als Zeit gewaltiger Unsicherheiten, existenzieller Bedrohungen. Das hat sich aus einer Ära der Gewissheit und Sicherheit heraus entwickelt. Manche ziehen Vergleiche zu heute. Ließe sich von Klimts Blick auf Menschen und Welt etwas abgucken, etwa, dass es sinnvoll sein könnte, den Abgründen der eigenen Zeit nicht auszuweichen, sondern sie produktiv zu bearbeiten?

Buch-Info

Gustav Klimt - Die Biografie
von Mona Horncastle und Alfred Weidinger
320 Seiten
Brandstätter Verlag
ISBN: 978-3710601927
Preis: 29,90 Euro

Horncastle: So würde ich das unterschreiben. Vor allem kann bei ihm eines abschauen: den Mut zur Selbstbestimmung, den Mut, für seine Überzeugungen hundertprozentig einzutreten, und den Mut, auch Randfiguren und Randpositionen zuzulassen und zu unterstützen.

Zurück zu "MeToo": Klimt hat Frauen wirklich gefördert. Er hat alle seine Modelle, seine Liebhaberinnen gut behandelt, er ist finanziell eingesprungen, hat seine ganze Familie finanziert. Und in der Sezession hat er mit vorangetrieben, dass Frauen ausgestellt werden. Er hat also auch Künstlerinnen gefördert. Und das ist ungewöhnlich für die Zeit.

Klimt war seinerzeit angesehen, er hat vergleichsweise sehr gut verdient - er ist aber gar nicht auf Dauer berühmt geblieben, auch wenn uns das heute so scheint. Was ist da passiert?

Horncastle: Nach dem Tod von Klimt wurde es sehr still, weil seine Mäzene und Sammler zum jüdischen Großbürgertum gehörten und diese Sachen in Privaträumen aufbewahrten. Nach seinem Tod war die Kunst also nicht mehr zugänglich. Der österreichische Staat, der Klimt zu seinen Lebzeiten nicht geliebt hat, hat ihn nicht gesammelt, und mit dem sogenannten Anschluss 1938 wurden alle Werke enteignet und in Depots gesteckt. Erst mit einer Änderung der Gesetzesgrundlage in Österreich, was die Ausfuhr und die Restitution von Kunstwerken betrifft, kam ein bisschen Schwung in die Sache. Damit ist der kometenhafte Aufstieg - in den späten 1990er-Jahren wohlgemerkt - von Klimt zu erklären. Weil in einer Zeit, in der der Kunstmarkt sich erhitzt hat, ist die erste - medial ausgeschlachtete - Restitutionsforderung der "Goldenen Adele" durch Altmann um die Welt gegangen. Und dadurch ist sein Bekanntheitsgrad und auch sein Wert explodiert.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.02.2018 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Mona-Horncastle-ueber-Gustav-Klimt,journal1170.html

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