Stand: 30.04.2019 14:23 Uhr

Miro Zahra erinnert an Käthe Kollwitz

von Wolfram Pilz

"Als ich in an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee Grafik studiert habe, habe ich mich sehr mit Käthe Kollwitz und ihrem Werk auseinandergesetzt. Als Frau ist sie für mich ein Wahnsinns-Vorbild. Mich hat damals vor allem die expressive Haltung in ihren Porträts beeindruckt. Sie konnte genial den Ausdruck in einem Gesicht zeichnen und den Porträts gleichzeitig etwas sehr Monumentales geben." Miro Zahra, 2019

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Die Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz (1867-1945)

Schon früh machen Porträtzeichnungen das außergewöhnliche Talent von Käthe Kollwitz sichtbar. Mit 14 Jahren bekommt sie ihren ersten Kunstunterricht, noch in ihrer Geburtsstadt Königsberg. Als 18-Jährige geht sie nach Berlin, an die "Damenakademie" des Vereins der Berliner Künstlerinnen. Immer wieder zeichnet, sticht, radiert und lithographiert sie Porträts, bevorzugt von Frauen.

Durchbruch mit dem Zyklus "Ein Weberaufstand"

Den großen künstlerischen Durchbruch aber erreicht sie mit ihrem Zyklus "Ein Weberaufstand". Er umfasst sechs längst weltberühmte Lithographien und Radierungen, die sie, tief beeindruckt von Gerhard Hauptmanns Drama "Die Weber", ab 1893 erschafft. Von der Obrigkeit als subversiv verschmäht, brechen sie in die Welt ein als sozial engagierte Kunst einer Frau, die sich dem Menschen zuwendet.

Bei strahlender Sonne in die Katastrophe

Diese Haltung nimmt auch die Künstlerin Miro Zahra ein, etwa in ihrer Bild- und Ton-Installation "Die Fahrt ins Blaue" aus dem Jahr 2018, die sich auf das Ende des Ersten Weltkrieges bezieht: hier ein strahlender Sommerhimmel, da Soldaten auf dem Weg in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Zahra: "Sie hat den Menschen geliebt. Und was sehr faszinierend ist: Sie hat schon sehr früh ihren eigenen künstlerischen Stil gefunden."

Die schwebende Kollwitz

Darin ähnelt sie ihrem Künstlerkollegen und Freund Ernst Barlach, dessen "schwebender Engel" im Güstrower Dom das Gesicht von Käthe Kollwitz zeigt. "Das ist schon sehr verblüffend", erzählt Zahra, "wenn man in dieser Kirche steht und Käthe Kollwitz schwebt über einem als Engel. Sie war politisch sehr aktiv und Ernst Barlach hatte auch eine klare Haltung. Und ich glaube, darüber ist diese wahnsinnig tiefe Freundschaft gewachsen."

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Käthe Kollwitz ist eine Künstlerin, die lachen und tanzen und lieben kann, die aber auch viel Leid erfahren muss in ihrem Leben. Ihr erster Sohn Peter rückt, gerade mal 18-jährig, 1914 in den Ersten Weltkrieg ein und fällt wenige Wochen später in Flandern. Kollwitz wird Pazifistin. Unter den Nazis gilt ihre Kunst als "entartet". 1940 stirbt ihr Mann Karl, ihr Enkel Peter fällt 1942 an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs.

Ständig vom Leid begleitet

Das Leid hat sie ein Künstlerleben lang begleitet und ihre Haltung zur Kunst mitbestimmt. Auf den Punkt gebracht wird diese Haltung laut Zahra in einem Ausspruch von Kollwitz aus dem Jahr 1922:

"In solchen Augenblicken, wenn ich mich mitarbeiten weiß in einer internationalen Gemeinschaft gegen den Krieg, hab ich ein warmes, durchströmendes und befriedigendes Gefühl. […] Ich bin einverstanden damit, dass meine Kunst Zweck hat. Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind." Käthe Kollwitz, 1922

Käthe Kollwitz zieht im Juli 1944 nach Moritzburg bei Dresden. Sie erlebt das Ende der Naziherrrschaft nicht. Sie stirbt kurz vor Kriegsende, am 22. April 1945.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 07.05.2019 | 09:20 Uhr

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