Stand: 11.03.2020 16:28 Uhr

Michel Abdollahi stellt "Deutschland schafft mich" vor

Michel Abdollahi ist Journalist, Moderator, Kolumnist und Autor. Ebenso aktiv in der quirligen Szene der Poetry-Slammer wie als politischer Aufklärer. Mit alledem ist Abdollahi "bekannt wie ein bunter Hund", wie man in Hamburg gern sagt. Hier lebt er, seit er fünf ist. Und trotzdem hat dieser "Hamburger Jung" ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Deutschland schafft mich - Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin". Am Dienstag las er im Rolf-Liebermann-Studio des NDR daraus vor.

Michel Abdollahi hat seine Fans, überall wo er auftritt. So auch am Dienstagabend in Hamburg. Man kenn seine Qualitäten als witzigen Entertainer und klugen Beobachter. Etwa, wenn er von sich im Kindergarten als fünfjähriger Flüchtling beim Ostereiersuchen erzählt: Alle anderen Kinder waren bestens ausgerüstet für die Expedition ins Niendorfer Gehege, er hingegen war "angezogen wie auf dem Weg zu meiner eigenen Hochzeit, mit Hemd und Fliege."  

Uns Rassismus nicht gefallen lassen

Mit gelassener Souveränität liefert Abdollahi Anekdoten, die oft sehr komisch vom Fremdsein in Deutschland erzählen. Aber er lässt keinen Zweifel daran, was ihm diese Heimat auch bedeutet und wie sehr sie ihn beschäftigt: "Iraner sind auch ganz große Rassisten. Sie mögen kaum irgendein Nachbarvolk. Von daher ist Rassismus keine Sache, die exklusiv diesem Land innewohnt. Aber es ist mehr geworden." Und darum geht es an diesem kurzweiligen, spannenden und nachdenklich machenden Abend.

Michel Abdollahi ist wichtig, dass wir alle laut werden. Uns den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nicht gefallen lassen, nicht den Sturm auf die Synagoge in Halle oder gar die Morde in einer Shisha-Bar. Abdollahi: "Nach Hanau dachte ich mir: Was ist, wenn ich dort gesessen hätte? Und was ist, wenn meine Freunde dort gesessen hätten?"

Ist das nur der Anfang?

Abdollahi liest haarsträubende Mails, Briefe und Facebook-Posts vor, die er bekommt. Mit der coolen, hanseatischen Schnoddrigkeit, die das Markenzeichen dieses Journalisten ist. "Wie halten Sie das nur aus?", fragt ihn Moderatorin Katja Weise. "Man gewöhnt sich dran. Die schreiben immer das Gleiche: ‚'Geh zurück nach Anatolien und fick da die Ziegen. Oder Esel.' Dabei komme ich doch gar nicht von dort." Ob er Angst habe? "Wovor? Dass ich auf offener Straße umgebracht werde? Das sollten wir alle haben. Sie auch, die mich gerade interviewen. Tut mir leid, das ist die Realität: Die kommen nicht zu mir. Die kommen zu allen Leuten, die sagen, wir möchten das nicht."

Womit Michel Abdollahi, der Hamburger Jung mit iranischem Migrationshintergrund, die bittere Erkenntnis dieses aufregenden Abends liefert: Nämlich dass das, was wir gerade erleben, nur der Anfang ist. Wenn wir uns nicht wehren.

Eine Aufzeichnung des Gesprächs mit Michel Abdollahi hören Sie in der Sendung "Sonntagsstudio" am 22. März ab 20 Uhr bei NDR Kultur.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 11.03.2020 | 07:20 Uhr