Stand: 02.01.2018 14:24 Uhr

Merlin Verlag: Ohne E-Books in die Zukunft

von Benedikt Scheper

Der Buchmarkt ist stark umkämpft. Neben den großen sogenannten Publikumsverlagen müssen gerade die kleineren sich möglichst gut mit einem besonderen Programm positionieren, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Welche Schwierigkeiten ihnen dabei im Weg stehen, aber auch, welche Chancen ein kleiner Verlag bietet, zeigen vier ganz unterschiedliche Beispiele in Norddeutschland.

In Katharina Eleonore Meyers Büro im niedersächsischen Gifkendorf nahe Lüneburg türmen sich Bücher höher als der Schreibtisch. Darauf stapeln sich wiederum Berge an Papier. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin hat mit dem Merlin Verlag ein großes Erbe übernommen, fühlt sich dabei gleichzeitig der Tradition wie dem Wandel verpflichtet.

Andreas J. Meyer, Vertragsgründer vom Merlin Verlag, tippt auf einer elektronischen Schreibmaschine Briefe.

Der Merlin Verlag wird 60

Hallo Niedersachsen -

Der Merlin Verlag in Gifkendorf bei Lüneburg wird in diesem Jahr 60. Andreas Johannes Meyer gründete ihn in Hamburg - von Anfang an ein Hort für Freigeister.

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"Die Kunst, klein zu bleiben", sei ihr Ziel, denn kleine Verlage hätten heute ähnliche Probleme wie vor Jahrzehnten, meint Katharina Meyer: "Die Situation ist die, dass man nur mit relativ wenig Kapital agieren kann, außer wenn man sehr vermögend ist. Zudem muss man mit den wenigen Mitteln, die man zur Verfügung hat, natürlich Aufmerksamkeit erreichen, denn ohne Aufmerksamkeit kann man die Dinge, die man macht, auch nicht an den Mann oder die Frau bringen."

Keine E-Books bei Merlin

60 Jahre ist das Familienunternehmen alt. Sechs Jahrzehnte Erfahrung, was "funktioniert" und was nicht, seien ein immenser Schatz, so Meyer. Doch das Angebot an Unterhaltung sei in den letzten Dekaden sehr viel breiter geworden. Der digitale Wandel habe den gesamten Buch- und Verlagsmarkt voll erfasst. Einerseits erleichtere das Internet die verlegerische Arbeit und Kommunikation enorm. Andererseits müsse die geistige Leistung einer von Autor und Verlag gemeinschaftlich ermöglichten Buchproduktion online besser geschützt und gesellschaftlich wie finanziell mehr wertgeschätzt werden. Daher verzichtet Katharina Meyer bewusst auf E-Books.

Zu Besuch beim Merlin Verlag

Neben neuen Trends stellt auch die Verlagshistorie eine Herausforderung dar: Ältere Titel des Verlagsprogramms, die sogenannte Backlist, neu aufzulegen, kostet viel Geld, das dann für andere Projekte fehlt. Denn hochwertige Leinen-Bände wie die der Jean-Genet-Werkausgabe verkaufen sich nur über eine längere Zeit. Trotzdem seien gerade sie wichtig für das Renommee, denn Genet fungiere als anziehende Identifikationsfigur für neue Autoren.

Magneten für den Verlag schaffen

Berühmte Schriftsteller und Auszeichnungen einzelner Werke sind nicht nur persönliche Sternstunden für einen Verleger, sondern auf einem überfluteten Buchmarkt der Schlüssel zum kommerziellen Erfolg, so Meyer: "Das ist unglaublich wichtig und bei dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Boualem Sansal muss man ja sagen, dass dieser Friedenspreis natürlich von uns angestoßen worden ist. Das ist so, weil wir ihn drei Jahre lang immer wieder vorgeschlagen haben. Das war für uns in der letzten Zeit der allergrößte und wichtigste Erfolg - und ökonomisch betrachtet ist Sansal unser wichtigster Autor. Also, man braucht natürlich solche Highlights, es gelingt nur nicht immer. Das ist das Problem."

Drei tragende Säulen

Der Merlin Verlag hat fünf Mitarbeiter und besteht aus drei Säulen, dem ursprünglichen Theaterverlag, dem klassischen Buchverlag und dem Kunstbereich, der vor allem Grafik vertreibt. Bibliophile Ausgaben sind Ergebnisse des Konglomerats. Eine Tigerente am Eingang des Gebäudes in Gifkendorf erinnert an den ergänzten Little Tiger Verlag für Janosch-Werke - viele Jahre die "Cashcow".

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Generell sei es wichtig, Nischen zu besetzen, meint Meyer und erklärt die nach einer programmstrategischen Überlegung entstandenen Regionalreihen. Bände wie "Die Slaven im Wendland" sollen das Interesse sowohl der einheimischen Leser als auch der Touristen wecken. Die "Nexus"-Reihe beleuchtet spannende Verbindungen von "Gebäude und Person". Meyer erklärt das so: "Wir haben gesagt, wir haben ein literarisches Programm und wir sind in den regionalen Buchhandlungen nicht präsent. Können wir in die regionalen Buchhandlungen auch mit unserem literarischen Programm kommen, sozusagen durch die Hintertür, indem wir regionale Titel präsentieren, dadurch als Verlag wahrgenommen werden und dann eben im Idealfall auch in die belletristische Abteilung kommen?"

Keine Perspektive für die Zukunft?

Lesungen wiederum sind teuer, denn Verlage müssen Honorare an die Autoren zahlen, und, wenn diese Ausländer sind, auch für Schauspieler, die den deutschen Text lesen. Meyer hat sich daher einen Partner gesucht und veranstaltet gemeinsam mit einer befreundeten Buchhandlung eine Buchwoche mit Autoren und Verlegern, um die Leselust potenzieller Kunden zu steigern. Doch trotz aller Bemühungen blickt Katharina Meyer kritisch auf die weitere Entwicklung der Branche und ihres Verlags: "Ich mache mir Gedanken darüber, wie das weitergeht und ich habe große Sorge. Ich frage mich natürlich, wem man das überhaupt übergeben kann, weil ich überhaupt keine Perspektive sehe. Es wird natürlich gesagt in den Sonntagsreden, dass es toll ist, was wir für Arbeit leisten, und ich weiß auch, dass es Leser gibt, die das sehr wertschätzen. Aber ich glaube, dass das gar nicht bewusst ist, was in den Verlagen geleistet wird."

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Dieses Thema im Programm:

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