Stand: 13.11.2017 18:49 Uhr

Albert Speer: Sehnsuchtsort Vergangenheit

"Albert Speer ist vermutlich der am häufigsten zitierte Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts." Das ist der erste Satz in dem Buch, für das der Münchener Historiker Magnus Brechtken mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis 2017 ausgezeichnet wird. Hitlers Lieblingsarchitekt und Rüstungsminister als reuiger Sünder, gar als potentieller Hitler-Attentäter. Der Vizedirektor des Instituts für Zeitgeschichte Brechtken möchte den Mythos vom "guten Nazi" Speer widerlegen.

Herr Brechtken, Ihr Buch umfasst mehr als 900 Seiten, zu denen ein ausführlicher Anmerkungsapparat gehört. Das zeigt, dass Sie sehr viel Arbeit in die Lebens- und - man muss wohl auch sagen - Lügengeschichten dieses Mannes investiert haben. Was hat sie dabei angetrieben?

Weitere Informationen

Magnus Brechtken erhält Sachbuchpreis 2017

NDR Kultur

Der NDR Kultur Sachbuchpreis 2017 geht an Magnus Brechtken. Der Historiker erhält die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung für sein Buch "Albert Speer. Eine deutsche Karriere". mehr

Magnus Brechtken: Wenn man sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus länger beschäftigt, dann stellt man fest, dass in vielen Büchern über den Nationalsozialismus Darstellungen über bestimmte Personen und Ereignisse geprägt sind von den Erzählungen, die Albert Speer nach 1945 verbreitet hat. Wenn man dann nach den Quellen dieser Erzählungen sucht, stellt man fest, dass das vielfach Erfindungen, Fabeln sind, die Speer in die Welt gesetzt hat und die keine Begründung in den Quellen haben. Ganz im Gegenteil - wenn man in die Quellen schaut, stellt man fest: Die historische Realität vor 1945 war eine ganz andere. Und da es dazu schon jahrzehntelang Publikationen gibt, muss, wenn man das ernsthaft betreibt, auch ein solches Projekt sehr ernsthaft und sehr umfangreich sein, damit man auch alle Dinge beachtet.

Die beiden namhaften Unterstützer Albert Speers in seinem Werk nach der 20-jährigen Haft in Spandau sind Joachim Fest und der Verleger Wolf Jobst Siedler - beides große Namen im Geistesleben der Bundesrepublik nach dem Krieg. Können Sie deren Rolle erklären und wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass beide den Lügen des Albert Speer so auf den Leim gegangen sind?

Brechtken: Sie hatten beide ein eigenes Interesse, mit Speer zusammenzuarbeiten. Bei Joachim Fest war es das Interesse, Material für seine Hitler-Biografie zu bekommen. Er wollte Erzählungen, möglichst wortgetreu verwendbare Zitate, die erdann für sein eigenes Buch nutzen konnte. Wolf Jobst Siedler war ein bekannter Verleger seinerzeit bei Propyläen Ullstein im Springer Verlag und war auf der Suche nach weltweit vermarktbaren, gut lesbaren Büchern, vor allem auch über den Nationalsozialismus. Und Albert Speer wollte seine Fabelgeschichte über seine Rolle im Dritten Reich unter die Leute bringen.

Buchtipp

Albert Speer: "Edel-Nazi mit Reue-Garantie"

Albert Speer stilisierte sich zum unpolitischen Technokraten, der eher zufällig in die Spitze des NS-Regimes aufgestiegen war. Historiker Magnus Brechtken widmet ihm eine umfangreiche Biografie. mehr

Diese drei haben sich mit diesen jeweiligen individuellen Interessen perfekt getroffen. Speer war ein Nazi, aus dem man etwas fürs Publikum machen konnte, Wolf Jobst Siedler war ein instinktsicherer Verleger, der wusste, wie man so ein Buch strukturiert und vermarktet, und Joachim Fest war ein stilsicherer Publizist/Journalist, der wusste, wie man die Formulierungen so hinbekommt, dass die Leser für die paar hundert Seiten bei der Sache bleiben. Und so haben sie zusammengearbeitet und eine Geschichte von Albert Speer und dem Nationalsozialismus zusammengeschrieben, wie das 1969 Millionen Deutsche und auch viele Menschen in der Welt gerne lesen wollten.

Albert Speer ist es bereits im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gelungen, von sich selbst ein Gegenbild zu diesem groben Nazi zu konstruieren: der Intellektuelle, der durch Zufall oder kurzfristige Begeisterung Hitler verfallen sei. Hat er im Laufe der Jahre nach der Haft das Bild, das er von sich selbst konstruiert hat, dann auch geglaubt?

Brechtken: Es ist ein permanenter Kampf. Alber Speer möchte, dass die Geschichte, die er über sich erzählt, so ist, wie er sie erzählt: dass er mit dem Ganzen nichts zu tun gehabt hat. Er bekommt aber gleichzeitig jeden Tag Informationen von seinen alten Freunden, die natürlich wissen, was er gemacht hat, über Quellenveröffentlichungen, die an den Tag kommen. Aus diesen Quellen und aus dem, was seine alten Kumpels ihm berichten, weiß er, dass er lügt. Und das ist ein dauernder Kampf. Er setzt sich mit seiner eigenen Version gegen die historische Überlieferung permanent zur Wehr und möchte seine eigene Version gegen die historische Überlieferung durchsetzen. Das durchzieht sein gesamtes Leben nach 1945, besonders sein Leben nach 1966. Und das ist sein eigentlicher Lebensinhalt: die Fabelgeschichte vom unbeteiligten Techniker Speer gegen die historischen Dokumente und gegen das Wissen derjenigen, die bei ihm waren, durchzusetzen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.11.2017 | 19:00 Uhr

Übersicht

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

01:11

Fremdenbücher wandern ins Landesarchiv

21.11.2017 18:00 Uhr
Niedersachsen 18.00 Uhr
00:57

Stabwechsel im Studio Heide

21.11.2017 18:00 Uhr
Schleswig-Holstein 18:00