Ute Frevert © picture alliance / Robert B. Fishman

Corona: "Ein harter Lockdown ist letztendlich sinnvoller"

Stand: 09.12.2020 17:01 Uhr

Die Leopoldina, die nationale Akademie der Wissenschaften, empfiehlt einen harten Lockdown über die Feiertage. Die Historikerin Ute Frevert hat an den Empfehlungen der Akademie zur Pandemiebekämpfung mitgewirkt.

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Frau Frevert, die Leopoldina empfiehlt einen zweistufigen "Lockdown". Wie sehen diese beiden Stufen aus?

Ute Frevert: Die erste Stufe sollte am 14. Dezember beginnen mit dem Appell, die Kontakte auf das absolut notwendige Mindestmaß zu reduzieren und möglichst im Homeoffice zu arbeiten. Die Kinder sollten zu diesem Zeitpunkt in die Weihnachtsferien geschickt werden. Sportliche, kulturelle und private Veranstaltungen sollten unterbleiben. An Weihnachten wird die große Ausnahme gemacht, dass man nur mit den engsten Verwandten oder Freunden, aber nicht über die bereits festgelegte Anzahl hinaus, zusammen sein und auch in der Gruppe zusammenbleiben sollte: Mit den Leuten, mit denen ich Weihnachten feiere, feiere ich dann auch Silvester.

Nach den Feiertagen sollten alle Geschäfte geschlossen bleiben, außer Apotheken und Lebensmittelgeschäfte. Und ab dem 10. Januar könnte man neu starten in der Hoffnung, dass dann die Ansteckungszahlen unten sind.

 

Warum reicht es nicht einfach, den Status quo aufrechtzuerhalten?

Frevert: Der Status quo hat, wie wir den täglich veröffentlichten Zahlen des RKI entnehmen können, sehr wenig bewirkt. Er hat bewirkt, dass die Zahlen nicht weiter steigen, aber nicht, dass sie abnehmen. Die Todeszahlen steigen sogar rasant weiter. Und zugleich haben diese leichten Maßnahmen zu einer unglaublichen Unzufriedenheit und Verunsicherung geführt. Das führte nicht zu dem gewünschten Erfolg, und der gewünschte Erfolg ist, dass wir die Infektionszahlen senken.

Seit Ausbruch der Pandemie wird eine Frage immer wieder gestellt: Welchen Wert hat das menschliche Leben? Gesundheit vor Wirtschaftskraft - oder umgekehrt? Kritik kam vom Handelsverband Deutschland: Sicheres Einkaufen sei möglich, und mit Blick auf Panikkäufe sei die empfohlene Schließung des Einzelhandels kontraproduktiv. Wie sehen Sie und Ihre Kollegen das? Was passiert laut Prognose der Leopoldina mit der Wirtschaft, wenn wir in einen harten Lockdown gehen?

Frevert: Es gab ja in der Gruppe auch sehr renommierte Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler, die uns vorgeführt haben, dass ein harter Lockdown letztendlich sinnvoller ist. Natürlich ist er immer mit Einbußen verbunden, und man kann auch die Proteste und Einwände der Interessenorganisationen absolut nachvollziehen. Auf der anderen Seite ist es besser, die Geschäfte ab dem 24. Dezember zuzumachen, wo ohnehin niemand mehr groß einkaufen geht. Letztendlich führt dieser harte Lockdown dazu, dass früher wieder geöffnet werden kann. Denn im Moment scheint es so, dass wir den Lockdown light für immer und ewig haben können - und damit auch die Einbußen und die Unzufriedenheit. Die Hoffnung und die Erwartung ist - unterfüttert von Modellrechnungen -, dass mit dem verschärften Lockdown dann auch die Phase der Depression und Trauer relativ schnell hinter uns liegen wird, und nicht für immer und ewig mit ins nächste Jahr geschleppt wird.

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Wie kann die Politik, sollte sie den Empfehlungen der Leopoldina folgen, die Bürgerinnen und Bürger von diesem verschärften Lockdown über die Feiertage überzeugen?

Frevert: Die Leopoldina hat ein paar sehr stichhaltige Gründe und Belege geliefert, und es ist wichtig, den Interessensorganisationen zu erklären, dass es keine Alternative dazu gibt. Es ist auch wichtig, über den eigenen Tellerrand zu gucken: Wie sieht es denn in Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien aus? Da herrscht ein harter Lockdown, und da muss man draußen ein Spaziergangsbuch mitführen und dokumentieren, warum man draußen ist. Das wird uns hier nicht blühen. Insofern sind die Regelungen, die wir vorschlagen, extrem liberal im Vergleich zu dem, was in anderen Ländern bereits Sache ist.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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NDR Kultur | Journal | 09.12.2020 | 18:00 Uhr