Claude Lanzmann © picture alliance/dpa | Mark Terrill Foto: Mark Terrill

Lanzmanns Holocaust-Doku: Welche Bedeutung hat "Shoah" heute?

Stand: 27.01.2021 12:06 Uhr

Claude Lanzmanns Dokumentarfilm "Shoah" über den Holocaust ist erstmals online zugänglich. NDR Kultur Filmkritikerin Katja Nicodemus findet, dass er bis heute nicht an Bedeutung verloren hat.

Lanzmann arbeitete zwölf Jahre an der Dokumentation und schnitt allein fünf Jahre lang an den 350 Stunden Material. Der Film aus dem Jahre 1985 wurde in 14 Ländern gedreht und dauert zehn Stunden. In restaurierter Fassung ist er seit dem 27. Januar auf dem Streamingdienst "Amazon Prime" zu sehen.

"Shoah" ist ein Film über ein Menschheitsverbrechen, das sich nicht in einen Film fassen lässt. Claude Lanzmann hat es dennoch getan - was war der Anstoß für sein eigentlich unmögliches Unterfangen?

Katja Nicodemus: Claude Lanzmann hatte 1972 mit "Warum Israel", ein heiterer, ernster, fragender Essayfilm, indem er sich mit der noch jungen Nation Israel auseinandersetze, sein Kinofilmdebüt. Das war ein großer Erfolg. Darum fragte das britische Außenministerium bei Lanzmann an, ob er einen Dokumentarfilm über die Judenvernichtung drehen könne. Darauf ließ er sich ein, ohne zu wissen, worauf genau - denn er musste zunächst eine Haltung entwickeln, mit der er sich seinen Gesprächspartnerinnen und -partnern nähern konnte und mit der er auch die Grenzen des Dokumentarfilms neu ausloten konnte. Denn "Shoah" war gewissermaßen ein neues Genre des Dokumentarfilms.

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Wie würden Sie diese Haltung beschreiben?

Nicodemus: Die bestand erst einmal in Entscheidungen gegen etwas - gegen Archivbilder und Dokumente, die suggerieren, dass etwas abgeschlossen und Geschichte ist; gegen die Verwendung von Musik; gegen einen Kommentar. Es ging Claude Lanzmann um eine Beschwörung der reinen Gegenwärtigkeit des Erinnerns. Er besuchte die Orte der Vernichtung, über die "Gras gewachsen" war. Deswegen ist auch der Beginn von "Shoah" so erschütternd oder auch paradigmatisch. Lanzmann fährt mit Szymon Srebrnik nach Chełmno, wo dieser als 13-Jähriger die Leichen ermordeter Jüdinnen und Juden aus Gaslastwagen geschleppt hat und verbrennen musste. Dort sagt dieser Mann, inzwischen Mitte 40: "Das ist das Platz." Und dann spricht er.

Lanzmann besuchte mit vielen Menschen Todeslager, Vernichtungslager, Konzentrationslager: Chełmno, Auschwitz, Treblinka, Sobibor. Er riss gemeinsam mit seinen Gesprächspartnern das Gras von der Vergangenheit und machte durch Fragen, die er seinem Gegenüber entlockte, alles wieder gegenwärtig. Er hat Antworten herausgefragt, die im Grunde ohnehin nicht bewältigt werden konnten.

"Claude Lanzmann war ein Widerstandskämpfer gegen das Vergessen"

Zwölf Jahre lang hat Claude Lanzmann an "Shoah" gearbeitet, allein fünf Jahre saß er am Schnitt. Welche Form hat er für diesen Film gesucht und auch gefunden?

Nicodemus: Die Form ergibt sich aus dem Inhalt. Das klingt banal, aber "Shoah" ist ein Film über die Thematik des Holocausts, also über Vernichtungen, Handgriffe, Pläne, Logistik, Listen, Abläufe, Funktionen. Er wird getragen von den Überlebenden, die in einem Prozess der Stimmen und Bilder Zeugnis ablegen. Dadurch wird dieser Film eine Anklage und ist aber auch so eine Art Kaddisch oder zehnstündige Todesfuge, eine Totenklage, wie Simone de Beauvoir geschrieben hat.

Elf, zwölf Jahre hat Lanzmann an "Shoah" gearbeitet und um die Form gerungen. Er selbst hat dafür das deutsche Wort "Gestalt" verwendet. Diese Gestalt ist paradox. Es gab ungefähr 350 Stunden Filmmaterial. Daraus entstand aber keine chronologische Erzählung, sondern ein poetisches Gefüge. Dieser Film dauert einerseits genau 613 Minuten, aber er könnte auch hundert Stunden dauern, tausend Tage oder 10.000 Stunden.

Wenn Sie heute als Filmkritikerin diesen Filmtitel "Shoah" hören - was löst er in Ihnen aus?

Nicodemus: Das Unfassbare ist eigentlich, dass "Shoah" in allem Grauen auch ein schöner Film ist, nämlich eine subtile Konstruktion. Diese Schönheit ist auch ein Trotz gegen die Vernichtung. Er hat eine fast musikalische Konstruktion aus Stimmen, in denen viele dasselbe erzählen, aber ohne dass es eine Wiederholung ist: die Ankunft der Züge, das Öffnen der Waggons, aus denen die Leichen herausfielen, der Durst, die Angst, das Öffnen der Gaskammern.

Und dann die Kamerafahrten über die Orte des Verbrechens, Wälder, KZ-Ruinen, Gleise, Felder. Claude Lanzmann war ein Widerstandskämpfer gegen das Vergessen. Das heißt für uns alle, gerade in diesen Zeiten, dass wir in der Verteidigung dieser grauenvollen Erinnerungen, die dieses Werk immer noch am Leben hält, nicht locker lassen dürfen.

Das Gespräch führt Philipp Schmid.

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.01.2021 | 06:40 Uhr