Kornél Mundruczó fasst sich an seine Brille. © picture alliance / abaca Foto: Terenghi Alberto/IPA/ABACA

Kornél Mundruczó in Hamburg: Regiestar am Thalia Theater

Stand: 07.11.2020 06:00 Uhr

Das Thalia-Theater Hamburg hat sich einen besonderen Regisseur geangelt: den Filmemacher Kornél Mundruczó, der aktuell an einem Projekt für den Streaming-Dienst "Netflix" arbeitet.

von Peter Helling

Sein jüngster Film "Pieces of a Woman" war einer der Kritiker-Lieblinge beim vergangenen Filmfestival in Venedig. Nun hofft das Thalia Theater, dass möglicherweise auch ein bisschen Sex-Appeal von "Netflix" auf die Hamburger Traditionsbühne übergeht. Wegen Corona ist die Premiere zwar verschoben, aber geprobt wird weiter. Ein Treffen mit dem charismatischen Ungarn.

Kornél Mundruczó: "Theater ist wie Dance Floor"

Das war ein echter Coup für das Thalia Theater. Nur fünf Tage vor Probenstart hat Thalia-Intendant Joachim Lux Mundruczó angerufen, ob er Lust habe zu kommen. "Klar!" hat er geantwortet. So viele Spontaneität gibt's beim Film nicht. "Niemals, das wäre viel zu riskant! Aber auf der Bühne gehört es eben genau dazu, und ich feiere das: Es ist wie Free Jazz, wie 'ne Art Dance Floor", so Kornél Mundruczó.

Gerade hat der 45-jährige in Los Angeles an der Vermarktung seines Netflix-Films "Pieces Of A Woman" gearbeitet. Der Film wurde beim Filmfestival in Venedig gefeiert, war sogar für den Goldenen Löwen nominiert. Seine britische Hauptdarstellerin Vanessa Kirby wurde für ihre Rolle als trauernde Mutter im Film als beste Schauspielerin mit der copa volpi ausgezeichnet.

Bekanntester Filmregisseur Ungarns

Der derzeit bekannteste Filmregisseur Ungarns arbeitet seit vielen Jahren auch am Theater. Theater und Film - das sei so unterschiedlich wie ein Dschungel und ein Eisberg, meint er: "Theater ist ein Dschungel, es ist viel organischer, leidenschaftlicher, der Film ist ein bisschen kalt, immer eine Konserve, niemals lebendig."

Welcher ist sein Dschungel in diesen Tagen? Das Stück "Krum" mit dem Untertitel "Ein Stück mit zwei Hochzeiten und zwei Begräbnissen" des israelischen Autors Hanoch Levin: 34 kleine Szenen von einem Antihelden namens Krum, der in seine Heimat zurückkommt und feststellt, dass er es nicht geschafft hat. Hier geht es um Fragen wie - "Karriere oder nicht, bist du erfolgreich oder nicht? Darfst du versagen, und wenn ja, wie kann dein Leben noch sinnvoll sein oder nicht".

Proben für "Krum" am Thalia Gaußstraße

Auf der Probebühne im Thalia in der Gaußstraße stehen die Schauspieler und Schauspielerinnen auf einem künstlichen Sandstrand, in der Mitte wird im Laufe des Stückes ein riesiger Fels aufragen, ein Findling. Alles hier ist eine strahlend falsche Illusion, so der Mundruczó. Eine Truman-Show.

Schauspielerin Maja Schöne mit Hochzeitsschleier steht vorne - wie bestellt und nicht abgeholt. Jemand kämmt den Strand sorgfältig mit einem Besen, Freizeitsportler joggen vorüber. Einer spielt Klampfe. Es ist sind kleine Momente voller Leben, die Gesichter aber sind ernst, die Realität, spürt man, kann jederzeit einbrechen. Schon wenn sich Bernd Grawert an einer Tasse Tee verbrennt. Der Regisseur sagt: "Es ist nicht schwer, schwer, schwer. Selbst, wenn das wahnsinnig einsame Figuren sind, ist das Stück leicht, wie das Schimmern des Lichts auf einer Wasserfläche."

Leute wollen im Theater kein Stück über Pandemie sehen

Eine tragikomische Erzählung vom zerrissenen Menschen von heute - das klingt wie das Corona-Stück der Stunde. Mundruczó widerspricht, er will keine platte Analogie. Er glaube nicht, dass die Leute während der Pandemie ins Theater gehen, um ein Pandemie zu sehen.

Die aktuellen Corona-Maßnahmen haben den Theaterbetrieb auf null gefahren, aber: Geprobt werden darf trotzdem noch. Auf Abstand. Und über den Abstand vom Glanz der Filmwelt, von "Netflix" und Los Angeles ist Mundruczó auch nicht unglücklich. Er sei überzeugter Europäer, hier lebe er am liebsten. Er liebe es, am Thalia zu arbeiten, kennt das Ensemble aus früheren Inszenierungen hier gut. Ganz wichtig ist ihm: "Das Leben ist gerade so ruinös und zerrüttet, deshalb muss die Bühne das ein bisschen zusammen führen. Das ist mein Ziel. Die Reaktion auf unsere Zeit kann nicht destruktiv sein."

In seiner Heimat Ungarn könne er gerade nicht frei kreativ sein. Seine größte Sorge klingt nach einer Warnung: Diktaturen entstünden so schnell, sagt er und schnipst dabei mit den Fingern. "Das kann von einen Tag auf den nächsten passieren."

Die deutschsprachige Erstaufführung des Stückes "Krum" von Hanoch Levin im Thalia Theater ist wegen Corona ers tmal verschoben. "Pieces Of A Woman", das Drama von Kornél Mundruczó, soll im in einigen Ländern im Dezember in die Kinos kommen - im Januar auch bei "Netflix".

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 06.11.2020 | 19:00 Uhr