Stand: 21.02.2020 13:14 Uhr  - NDR Kultur

Kirchenfasten: Verzicht um Himmels willen

In dieser Woche widmen sich die Kulturredaktionen des NDR der Frage "Verzichten - warum eigentlich?" Nach dem Karneval kommt der Aschermittwoch und damit die Fastenzeit. Was der Verzicht für Gläubige und Konfessionsfreie bedeuten könnte, ob der Verzicht auch eine spirituelle Kraftquelle sein kann, darüber hat Florian Breitmeier in unserer Sendereihe "Glaubenssachen" mit dem Theologen und Mystik-Experten Gotthard Fuchs gesprochen. In dem folgenden Auszug des Gespräch geht es um eine besondere Form des Verzichts, den des Kirchenfastens.

Herr Fuchs, es gibt viele Menschen, die derzeit eine bewusste Distanz zu der Institution Kirche suchen, die sich abwenden und sagen: "Von dieser Institution bin ich enttäuscht. Ich suche auf meinen Wegen, wie ich spirituell erfüllt werden kann." Sie haben das einmal provokativ als "Kirchenfasten" bezeichnet.

Fuchs: Das lädt natürlich ein zu der Frage: Was meinen wir eigentlich mit "Kirche"? Wenn wir - und das ist leider im Moment so - Kirche identisch setzen mit der Kircheninstitution, den Amtsträgern, den Bischöfen, den Priestern, den Funktionären, dann ist das ein unheimlich kleinkariertes Verständnis von Kirche. Diese Art von Kirche hat keine Zukunft mehr; die ist in einer großen Krise, und das ist vielleicht sogar gut so.

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Klöster - wie hier die Zisterzienserabtei in Walkenried - sind Orte der inneren Einkehr.

Gleichzeitig sind aber Kirchen und auch Klöster lebendige Orte und Bewegungen, sie sind karitative oder diakonische Initiativen. Viele Menschen gehen zum Beispiel heute zu einer Auszeit ins Kloster. Warum? Im Christentum gibt es eine große Kulturtradition der Balance zwischen Beten und Arbeiten, zwischen dem Zur-Ruhe-Kommen, dem Loslassen, dem Leer-Werden - und zugleich wieder neu powern. Das ganze Kirchenjahr ist von solchen Fastenzeiten durchzogen.

Verzicht auf Kirche, Abschied von Kirche, die bloß institutional ist und zudem in einer Riesenkrise steckt, diesen Verzicht müssten wir schöpferisch nutzen und neu entdecken, dass der Sinn von Kirche der gelebte Glaube ist. Und wo der Glaube an Gott den Schöpfer gelebt wird, da können wir als Geschöpfe entspannter sein, da können wir Mensch werden. Also ein Kirchenverzicht um der entscheidenden Sache Willen, für die die Kirche eigentlich da ist: der Glaube an Gott.

Haben Sie das Gefühl, dass die Institution Kirche diese Distanzierung von Menschen verstanden hat? Oder bleibt da nicht vielleicht aus Sicht der Hierarchie am Ende eher eine Art Achselzucken: "Dann ist das eben so, das kann man nicht ändern. Hier sind unsere Angebote"?

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Menschen, die zeitweise auf die Kirche verzichten, können die Propheten einer neuen Kirchengestalt sein, sagt der Theologe Gotthard Fuchs.

Fuchs: Ja, Kirche und Hierarchie - das ist das Problem, wenn man diese beiden Begriffe zu eng führt. Und die Kirche besteht natürlich auch aus Menschen. Institutionen haben die Eigendynamik, dass sie sich selbst erhalten und gegen jede Kritik abschotten. Und wer Kirchenverzicht übt, wer um des Glaubens Willen sogar aus der Kirche austritt, der hat eine entsprechende Botschaft.

Es gibt sicher viele, die sagen: "Okay, dann schrumpfen wir eben weiter und sind ein kleiner Rest." Aber ich kenne auch Vertreter der Hierarchie, die denen, die aus der Kirche austreten, nachgehen. Die Gefahr ist, dass wir die Krise schönreden und dass wir die Kritik der "Kirchenverzichtler" nicht erst nehmen, die um des Menschen und auch um Gottes Willen aus der Kirche austreten. Da steht es Spitz auf Knopf.

Aber ein Hoffnungszeichen ist, dass viele von denen, die Kirchenverzicht üben, sagen, dass sie sich durchaus vorstellen können, wieder einzutreten, wenn sich etwas ändert. Es gibt auch viele Amtsträger, die diese Botschaft hören, die diese Menschen ernst nehmen und fragen: "Warum tut ihr das?" Sie sind sehr nachdenklich und unglücklich über die jetzige Verhärtung. Dass wir bei Kirche nur an die Institution denken, ist in sich fast pervers.

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Ist weniger immer mehr?

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Der Verzicht als spirituelle Quelle - das Manuskript zur Sendung. Download (98 KB)

Was müsste denn passieren? Wie kann es besser werden?

Fuchs: Wir können uns offensichtlich nur ändern, wenn das Gefühl, es stimmt hinten und vorne nicht, immer stärker und immer schmerzhafter wird. Wir müssen uns - etwas pathetisch gesagt - als Kirche auch neu erfinden. Die Gestalt der Kirche muss ganz neu von der Basis der Glaubenden ausgehen. Das Problem der jetzigen Kirchengestalt ist, dass sie zu hierarchistisch ist, immer von oben nach unten. Es gibt oben immer ein paar Schlauberger, die so tun, als wüssten sie mehr, anstatt mit allen Getauften, Gefirmten, mit allen, die Gottes-Sehnsucht haben, die nach gelingendem Leben suchen, erst einmal zu schauen: Worauf hoffen wir, was ist uns versprochen und verheißen, was haben wir für Schätze in der Kirchengeschichte seit 2.000 Jahren? Und was müssen wir von all dem sein lassen, loslassen, verabschieden, um neu auf den Grund zu kommen? Und das ist Gott allein, nicht die Kirche. Diejenigen, die auf diese Art von Kirche gerade verzichten, sind vielleicht die Propheten einer neuen Kirchengestalt.

Das Gespräch führte Florian Breitmeier

Das komplette Gespräch aus der Reihe "Glaubenssachen" auf NDR Kultur können Sie hier hören:

Im Sonnenaufgang liegt Nebel über einem Bach am Holter Schöpfwerkstief in Rhauderfehn. © NDR Foto: Gerrit Denekas

Ist weniger immer mehr?

NDR Kultur - Glaubenssachen -

Das Christentum kennt den Verzicht als ethischen Kompass und spirituelle Kraftquelle. Aus dem Nichts, der Leere, der Stille kann durchaus etwas Neues entstehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Glaubenssachen | 23.02.2020 | 08:30 Uhr

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