Demonstarnten halten ein Banner mit der Aufschrift "Rechten Terror bekämpfen" in die Luft. © picture alliance / ZUMAPRESS.com Foto: Sachelle Babbar

"Kein Schlussstrich!": Bundesweites Theaterprojekt zum NSU-Komplex

Stand: 29.01.2021 16:37 Uhr

Theater und Institutionen aus 14 deutschen Städten starten im Herbst das Theaterprojekt: "Kein Schlussstrich! Ein bundesweites Theaterprojekt mit künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Interventionen zum NSU-Komplex". Was sich dahinter verbirgt, weiß Amelie Deuflhard - denn auch ihr Haus, Kampnagel Hamburg, ist beteiligt.

Demonstarnten halten ein Banner mit der Aufschrift "Rechten Terror bekämpfen" in die Luft. © picture alliance / ZUMAPRESS.com Foto: Sachelle Babbar
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Frau Deuflhard, Sie planen ein ambitioniertes Projekt mit vielen Beteiligten. Welche Hoffnung ist damit verbunden?

Amelie Deuflhard: Die Anzahl der Beteiligten hängt sehr damit zusammen, wo überall NSU-Verbrechen stattgefunden haben. Und die Idee, dass man sagt: "20 Jahre später - kein Schlussstrich. Wir müssen da noch diskutieren", hängt damit zusammen, dass in den ersten zehn Jahren nach den ersten NSU-Morden die Opfer zu Tätern gemacht wurden. Es wurde von der Polizei, von den Sicherheitsbehörden sehr stark recherchiert, die Täter in der migrantischen Community zu finden. Erst später hat sich herausgestellt, dass das rechtsextremistische Anschläge waren. Das ist in der Aufarbeitung für die Opfer unglaublich bitter. Es ist ein schöner Stoff fürs Theater, aber es wirft auch einen Schatten auf Rassismus und Vorbehalte in unseren Institutionen. Es ist sehr wichtig, dem nochmal nachzugehen und darüber zu reden.

Wie sehen diese künstlerischen und zivilgesellschaftlichen Interventionen zum NSU-Komplex konkret aus?

Amelie Deuflhard, Intendantin der Kulturfabrik Kampnagel, aufgenommen am Rande einer Pressekonferenz © Picture Alliance/dpa Foto: Daniel Reinhardt
Amelie Deuflhard ist Intendantin der Kulturfabrik Kampnagel.

Deuflhard: Es gibt zwei sehr große gemeinsame Projekte. Das eine heißt "Manifesto", ein riesiges partizipatives Oratorium von Marc Sinan, mit allen Kennzeichen eines Oratoriums, fast wie in einer christlichen Abrechnung. Da gibt es Stücke wie "Altar der Rache", "Chor der Vergebung" oder "Abwesenheit Gottes". Das orientiert sich fast an der Lithurgie. Dieses Großprojekt wird live mit großem Orchester in Jena und in Nürnberg stattfindenden. In allen anderen Städten wird es auch in reduzierter Form stattfinden, auch in Hamburg auf Kampnagel.

Das zweite große gemeinsame Projekt ist die Ausstellung "Offener Prozess" von Ayşe Güleç und Fritz Weber. Die beiden haben eine Bildende-Kunst-Ausstellung zu diesem NSU-Komplex gemacht, wo es auch um strukturellen Rassismus geht, aber auch um persönliche Biografien mit sehr herausragenden Künstlerinnen und Künstlern, unter anderem mit Harun Farocki, Hito Steyerl, Ulf Aminde und Forensic Architecture - letztere weisen über forensische Studien Verbrechen nach und setzen das dann künstlerisch um.

Mikrofon im Radiostudio © Tsian - Fotolia
AUDIO: Peter Helling über das bundesweite Theater-Projekt zum NSU-Komplex (4 Min)

Gibt es auch etwas, das nur auf Kampnagel zu sehen sein wird?

Deuflhard: Es gibt gemeinschaftliche Programme und lokale Programme, die an den einzelnen Theatern entwickelt werden. Man kann auch ein Stück, das einem anderen Theater entwickelt wurde, in sein Theater als Gastspiel einladen. Bei uns wird es einerseits die beiden großen Projekte geben, die ich bereits erwähnt habe, und wir werden mit der türkischstämmigen Leyla Yenirce ein Stück zusammen machen, wo es um Resilienz geht. Sie hat Menschen untersucht, die Gewalt, Rassismus oder Faschismus ausgesetzt waren. Das wird unsere Eigenproduktion sein. Aber wir werden auch ein Symposium rund um das Thema bei uns veranstalten, wo wir diese ganzen Fragen unter Einbindung von antirassistischen Gruppen, Aktivistinnen, aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, diskutieren werden. Und natürlich wollen wir auch einen Blick auf die Zukunft werfen, wie eigentlich eine Gesellschaft ohne Rassismus aussähe. Das würde uns sehr gut anstehen in Deutschland.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Mitbegründer und Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld © picture-alliance/ecimedia Foto: Robert B. Fishman

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.01.2021 | 18:00 Uhr