Stand: 03.05.2018 18:35 Uhr

Karin Beier: "Ich fand den Anfang schwer"

Karin Beier scheut sich nicht, auch umstrittene, politisch brisante Themen auf die Bühne zu bringen. Fünf Jahre ist sie nun Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg und führt dort auch regelmäßig Regie. Überaus erfolgreich war sie unter anderem mit ihrer Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" mit Edgar Selge.

Frau Beier, Sie sind seit fünf Jahren am Hamburger Schauspielhaus. Wir denken alle gerne in Blöcken: Wir ziehen Bilanz nach 100 Tagen, nach einem Jahr, nach fünf Jahren oder nach zehn. Haben Sie das auch für sich gemacht?

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Karin Beier ist sich sicher: Anspruchsvolles Programm und ausverkaufte Vorstellungen schließen sich nicht aus.

Karin Beier: Ich habe persönlich für mich gar keine Bilanz gezogen, weil sich das gar nicht so anfühlt wie fünf Jahre. Ich habe das Gefühl, dass ich vorgestern gestartet habe, diese Zeit ist unglaublich schnell vergangen. Das liegt vielleicht zum einen daran, dass es bei so einem großen Betrieb - und das Hamburger Schauspielhaus ist nun mal ein Riesenbetrieb - es tatsächlich Jahre dauert, bis man meint, den Betrieb einigermaßen blicken zu können, weil es viele Stellen gibt, wo ich es im Detail nie hundertprozentig blicken werde. Es sind wahnsinnig viele Mitarbeiter, die alle sehr spezialisiert arbeiten.

Sind Sie denn jemand, der immer alles blicken will?

Beier: Nein, um Gottes Willen, es gibt gewisse Dinge, da möchte ich gar nicht die Räume betreten (lacht). Nein, natürlich habe ich mit Verwaltung zum Beispiel gar nichts am Hut - da bin ich auch sehr dankbar, das liegt mir nicht. Ich bin primär für die Kunst da. Ich fand den Anfang schwer: Durch diese Havarie waren wir ja gezwungen, unsere Premieren, die sehr sorgsam geplant waren, in einem sehr kurzen Zeitraum "durchzupeitschen". Ich glaube, wir sind jede Woche mit einer neuen Premiere herausgekommen. Das hat der ganze Betrieb als eine immense Anstrengung empfunden und wir natürlich auch. Es war ein schwerer Start hier in der Stadt.

Zumal die Premieren auch nicht so gut angekommen sind, wie Sie sich das im Vorfeld vorgestellt hatten.

Beier: Das können Sie so allgemein nicht sagen. Es gab einige Premieren, die sehr gut angekommen sind, und es gab eine ganze Serie von drei oder vier Premieren, die ich als mittelmäßig bezeichnen würde. Das ist übrigens ganz merkwürdig, wie oft so etwas passiert. Bei Neustarts ist sicherlich ein Punkt - und ich glaube, viele Kollegen denken ähnlich -, dass man versucht, mit einem neuen Theater neue Namen zu präsentieren. Und im Endeffekt ist es so, dass die Regisseure, mit denen ich eine längere Arbeitsbeziehung habe, wie zum Beispiel Karin Henkel oder Katie Mitchell, dass das die Regisseure sind, die hier auch das Fundament bilden. Dazu kommen natürlich unsere Großstars Christoph Marthaler und Frank Castorf. Aber viele der Regisseure, die wir neu ausprobieren wollten, haben dieses große Haus nicht packen können.

Karin Beier © Schauspiel Köln Fotograf: Klaus Lefebvre

Karin Beier im Gespräch

NDR Kultur - Klassik à la carte -

Fast fünf Jahre lang ist Karin Beier nun Intendantin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und hat ihr Theater zurückgebracht an die Spitze der deutschen Bühnen.

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Spätestens ab der zweiten Spielzeit ging es richtig los bei uns. Ich persönlich bin ein großer Fan der dritten Spielzeit - da gibt es viele Gründe für. Zum einen ist es so, dass die Konsequenz, mit der wir versucht haben, politische oder gesellschaftlich relevante Themen anzupacken, aufgegangen ist. Und auch das damit verbundene Risiko, mit unbekannten Autoren oder Projekten an die Zuschauer heranzutreten in diesem großen Theater.

Es war frappierend, dass sich das Zuschauerverhalten so unglaublich verändert hat. Ich glaube, das Ganze wurde ausgelöst durch diese vielen Flüchtlinge, die in Hamburg von einem Tag auf den anderen sichtbar waren, dass sich das Bewusstsein in der Stadt verändert hat, dass die Bevölkerung sehr interessiert daran ist und war, politische Stoffe zu sehen. 2015 ging es los, dass Zuschauer nicht mehr kamen, weil ein bestimmter Titel auf dem Spielplan stand, sondern weil gewisse Themen verhandelt wurden. Das hat es für uns möglich gemacht, einen Autor wie Ayad Akhtar, den vorher niemand kannte, im Großen Haus zu zeigen. Das hat es uns möglich gemacht, den Roman von Houellebecq, "Unterwerfung", zu zeigen, oder "Hysteria" oder "Schiff der Träume". Das Safe-Play war damals "Die Jungfrau von Orleans", aber es hat sich dann alles sehr umgedreht: "Die Jungfrau von Orleans" wollte niemand sehen. Diese Inszenierung war keine weltbewegende Inszenierung, aber es war auch keine schlechte. Und Ayad Akhtar, "Unterwerfung" und "Schiff der Träume" waren voll - da hat sich also merklich etwas in dem Zuschauerverhalten verändert. Wie lange das noch hält, weiß ich nicht. Ich habe das Gefühl, dass so eine Politisierung der Gesellschaft immer wellenförmig geht. Das war für mich im Rückblick eine Spielzeit, die sehr beglückend war.

Wie lange möchten Sie in Hamburg bleiben? Sie haben Ihren Vertrag bis 2021 verlängert, zwei weitere Jahre sind noch optional.

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Beier: Das ist noch nicht entschieden, da bin ich noch am Überlegen. Ich habe da sehr gemischte Gefühle. Ich wollte eigentlich lieber nur sieben Jahre bleiben, nun habe ich mich für acht verpflichtet und es könnten zehn werden. Auf der einen Seite fühle ich mich wohl, weil wir angekommen sind und ich jetzt anfange, diesen Betrieb mehr oder weniger zu begreifen. Und auf der anderen Seite gibt es eine permanente Unruhe, eine Sehnsucht danach, eine Reset-Taste zu drücken. Das ist, als wenn ich so eine Inszenierung abgebe - dann kommt die Reset-Taste und ich habe ein leeres Stück Papier vor mir und kann wieder etwas neu erfinden. Das ist ein schönes Gefühl, aber auch eine unendliche Anstrengung. Es gibt überhaupt keinen Anlass, zu sagen, dass ich gehe - und auf der anderen Seite gibt es eine gewisse Unruhe.

Das Gespräch führte Katja Weise

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 04.05.2018 | 13:00 Uhr

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