Stand: 12.02.2020 09:24 Uhr

Marx-Rückzug: Seine Stimme hat weiterhin Gewicht

von Florian Breitmeier

Die Deutsche Bischofskonferenz muss sich einen neuen Vorsitzenden suchen: Der Amtsinhaber, Kardinal Reinhard Marx aus München, will bei der nächsten anstehenden Wahl im März nicht mehr für den Posten kandidieren. Eine Analyse von Florian Breitmeier, Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft" im NDR.

Kardinal Reinhard Marx © picture alliance/dpa Foto: Bernd von Jutrczenka
Der Vorsitzende der Deutsche Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, will nicht wieder zur Wahl antreten.

Es ist ein angekündigter Rückzug an einem historischen Datum. Am 11. Februar, heute vor sieben Jahren, kündigte Benedikt XVI. seinen Rücktritt vom Papstamt an. Nun also will der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz nicht mehr. Der 66-jährige Kardinal Marx begründet seinen überraschenden Schritt mit dem Alter, wenngleich er zuletzt in der Öffentlichkeit alles andere als amtsmüde wirkte. Nun sollen die Jüngeren ran, so seine Hoffnung.

Reinhard Marx: Ein kluger Machtmensch

Der Kardinal aus München war ein engagierter Bischofskonferenzvorsitzender. Er hat Themen gesetzt und hartnäckig verfolgt. Er steht in seinem Erzbistum und darüber hinaus für mehr Verantwortung von Laien in kirchlichen Führungspositionen, bis hin zur Gemeindeleitung. Er forcierte die Debatte über eine neue Wertschätzung für homosexuelle Beziehungen in der Kirche, setzte sich beim Papst vehement für eine Öffnung der Kommunion für nichtkatholische Ehepartner ein und fuhr einen versöhnlich-entschiedenen Kurs in der Ökumene. Mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm verbindet ihn eine lange Freundschaft. Davon profitierten die christlichen Kirchen nicht nur beim Reformationsjubiläum.

Kardinal Marx war ein einflussreicher Vorsitzender der Bischofskonferenz, sein Wort hatte Gewicht, auch in Rom. Nur Prozesse anstoßen und dann mal schauen, was Spannendes passiert, das war nie seine Art. Dafür ist Marx viel zu sehr Machtmensch. In der spannungsreichen Herrenrunde der Bischofskonferenz war genau dies aber auch sein Problem. Denn die Rolle des besänftigenden Moderators, diese Rolle lag ihm nicht wirklich. Ein ausgleichendes Wesen ist aber in einem zunehmend polarisierten Gremium wie der Bischofskonferenz nötiger denn je, weil sonst immer neue Spannungen drohen, die Prozesse nicht vollends blockieren, aber doch zumindest verkomplizieren. Der kluge Marx wird das gespürt haben, nicht zuletzt beim Auftakt des Synodalen Weges vor knapp zwei Wochen.

tagesschau.de
Kardinal Reinhard Marx reibt sich während einer Pressekonferenz der Deutschen Bischofskonferenz das Auge. Er sieht sehr mitgenommen aus. © dpa Bildfunk Foto: Arne Dedert

Es ist mehr als nur das Alter

Kardinal Marx fühlt sich zu alt für den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz. Doch auch die teils harsche Kritik an seiner Arbeit dürften Grund für seinen Rückzug sein. extern

Rückzug schafft neue Freiräume

Es stehen sich in der Bischofskonferenz und auch in der Synodalversammlung nicht zwei gleich starke Machtblöcke gegenüber. Stramm konservative Bischöfe, die jedwede Reformen strikt ablehnen, sind in der Minderheit. Aber der Vorwurf eines zuweilen dominanten Führungsstils in der Bischofskonferenz war ein offenes Geheimnis. Auch wenn Kardinal Marx nun den Vorsitz abgibt, hat seine Stimme weiterhin Gewicht. Er wird entschiedener für den Reformprozess der katholischen Kirche und den Synodalen Weg streiten können, als er dies als Vorsitzender der Bischofskonferenz konnte. Sein Rücktritt verschafft ihm neue Freiräume. Eine Schwächung des reformorientierten Lagers ist sein Rückzug deshalb keineswegs.

Der Kardinal hinterlässt aber auch einige Baustellen und Problemherde: Ungeklärt ist, welchen Kurs die katholische Kirche in der Frage der Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer fahren will, und auf dem Synodalen Weg drohen auch Konflikte mit Rom, wenn mögliche Beschlüsse in Deutschland zu progressiv ausfallen sollten. Marx dürfte auch künftig sein ganzes kirchenpolitisches Gewicht in die Waagschale werfen, damit der Reformprozess nicht ins Stocken gerät.

Wer folgt auf Kardinal Marx?

Viel hängt nun von seinem Nachfolger ab. Sein Stellvertreter, Franz-Josef Bode aus Osnabrück, hat bereits wissen lassen, dass er mit Blick auf sein Alter und seine Gesundheit das herausfordernde Amt nicht annehmen möchte. In den Fokus rückt damit zum Beispiel der Berliner Erzbischof Heiner Koch, der in der Hauptstadt politisch und medial an einem interessanten Ort wirkt, zumal das Laiengremium der deutschen Katholiken, das ZdK, in zwei Jahren an die Spree zieht.

Denkbar wäre Anfang März auch die Wahl des sprachlich gewandten Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck, der mit 55 Jahren der jüngeren Bischofsgeneration angehört, seit mehr als zehn Jahren ein Bistum leitet, gut mit den Medien kann und als katholischer Militärbischof auf dem politischen Parkett eine ordentliche Figur macht.

Ein großer Schritt nach vorn?

So überraschend der angekündigte Rückzug von Kardinal Marx als Bischofskonferenzvorsitzender für viele auch kommt: Marx wäre nicht Marx, hätte er sich seinen Schritt nicht gut überlegt. Vielleicht demonstriert der mächtige Kardinal auch nur, dass auch er ganz bewusst auf dem Synodalen Weg unterwegs ist. Frei nach dem Motto: Allein kommt man sicher schneller voran, aber gemeinsam kommen wir weiter. Zurücktreten, damit auch andere die Chance zu ihrem Auftritt haben. Und überhaupt: Manchmal ist ein Schritt zurück am Ende auch ein großer Schritt nach vorn.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.02.2020 | 19:00 Uhr