Stand: 07.11.2019 08:55 Uhr

Gabriele Sand erinnert an Hannah Höch

von Anna Hartwich

"Auf den ersten Blick bot sich dem die Ausstellung Besuchenden ein überaus heiteres Bild. Beim näheren Hinsehen stellte es sich allerdings heraus, dass die Sache gar nicht so lustig war, denn die Schere geführt - wenn man das so sagen darf - hatte die seelische Not, das verzweifelte Ringen der auch damals gequälten und enttäuschten Jugend." Hannah Höch

Bild vergrößern
Die Malerin Hannah Höch um 1970 in ihrem Atelier in Berlin-Heiligensee.

Berlin im Juli 1920. George Grosz, Raoul Hausmann, Johannes Baader und John Heartfield veranstalten die 1. Internationale Dada-Ausstellung. Sie ist eine Kampfansage an die bürgerliche Kunst mit dadaistischen Erzeugnissen wie Fotocollagen, Lärmkonzerten, Zufallsgedichten.

Hannah Höch: Die Frau im Dadaismus

Die einzige Frau, die in der damaligen Dada-Bewegung prominent in Erscheinung tritt, ist Hannah Höch. Kuratorin Gabriele Sand vom Sprengel Museum Hannover: "Auf dieser ersten Dada-Messe in Berlin hat sie eines der wichtigsten Bilder. In ihm kommt der kritische Impetus der Bewegung gegenüber der Weimarer Republik ganz stark zum Ausdruck."

Bild vergrößern
Gabriele Sand ist Kuratorin im Sprengel Museum Hannover.

Das 1919 entstandene Werk heißt "Schnitt mit dem Küchenmesser durch die Weimarer Bierbauchkulturepoche", ein dadaistisches Kaleidoskop von 50 prominenten Persönlichkeiten der frühen Weimarer Zeit, von Kaiser Wilhelm II. über Albert Einstein bis Käthe Kollwitz, allesamt karikiert, ironisch verfremdet, entstellt.

Dadaismus: Der Punk der Weimarer Zeit

Die Schere ist die schärfste Waffe dieser Künstlergeneration, die die Verheerungen des Ersten Weltkriegs erlebt hat. Dada zerlegt die bürgerliche Kultur in ihre Einzelteile, Dada ist der Punk der Weimarer Zeit. Hannah Höch, geboren am 1. November 1889 in Gotha, hat sich ihr Kunststudium in Berlin erkämpft und lebt nun das Leben einer emanzipierten Frau.

Auch finanziell steht Höch auf eigenen Füßen. Sie verdient ihr Geld als Grafikerin bei der Zeitschrift "Madame" aus dem Ullstein Verlag. Weil sie in ihrer Wohnung in Berlin-Friedenau Dada-Soirees abhält und dabei die Anwesenden verköstigt, gilt sie lange eher als hausmütterliches Anhängsel ihres Liebhabers, dem "Dadasophen" Raoul Hausmann, denn als eigenständige Künstlerin. Dazu Gabriele Sand: "Als intellektuelle, denkende Frau konnte sie gar nicht anders, als die eigene Rolle aktiv wahrzunehmen, zu dokumentieren und auch kritisch zu reflektieren, wie sie das in dem Bild ja auch getan hat." In der rechten unteren Ecke ihrer fast ein Quadratmeter großen "Küchenmesser"-Collage befindet sich eine Landkarte Europas, auf der die Länder, die das Frauenwahlrecht eingeführt haben, weiß sind und die anderen schwarz.

Hannah Höch - auch heute noch Avantgarde

Nach der Trennung vom verheirateten Raoul Hausmann führt sie eine Beziehung mit der niederländischen Schriftstellerin Til Brugman. 1938 heiratet sie den 21 Jahre jüngeren Kurt Matthies, mit dem sie während der Nazizeit kreuz und quer in Deutschland und Holland unterwegs ist. Sie stirbt 1978 im Alter von 88 Jahren in Berlin. Für Gabriele Sand ist klar: "Wenn sie heute leben würde, wäre sie sicherlich eine Künstlerin, die sich ganz avantgardistisch mit Material und Themen auseinandersetzen würde."

Weitere Informationen
NDR Kultur Wissen

Werde, die du bist! Frauen 2019 über Frauen 1919

NDR Kultur Wissen

In den zehn Folgen unserer neuen Reihe "Werde, die du bist!" spricht jeweils eine Frau von heute über eine Frau, die im Jahr 1919 auf besondere Weise in Erscheinung getreten ist. mehr

Hannah Höch: Künstlerin der Moderne

Höchs Werk umfasst viel mehr als ihre frühen Dada-Collagen, für die sie vor allem bekannt ist. Zitate von ihr selbst sind alles, was es braucht, um ihr in ihre Kunstwerke folgen zu können. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.04.2019 | 09:20 Uhr

Mehr Kultur

88:09
Tatort
04:04
Hallo Niedersachsen