Stand: 24.10.2018 17:47 Uhr

Hamburger Theaterstück sorgt für Wirbel

von Peter Helling

Dieses Hamburger Theaterstück sorgt für Wirbel: "Marias Testament" in den Kammerspielen - nach dem Roman von Colm Tóibín. Im Frühjahr hatte es Premiere, jetzt wird es wiederaufgenommen. Das Theater wird übel beschimpft, bekommt Briefe mit Droh-Charakter.

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Nicole Heesters auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele. Sie spielt die Maria, die nicht begreifen kann, dass ihr Sohn sterben musste.

"Es stimmt mich eher traurig, ich fühle uns missverstanden", sagt Nicole Heesters ernst. Sie spielt in dem Stück die Maria. "Nichts ist mir ferner, als jemanden in seiner Begeisterung für diese Person zu kränken", fügt sie hinzu. Doch genau das ist passiert - ihre Maria ist eine normale Mutter, die nicht begreifen kann, warum ihr Sohn am Kreuz sterben musste, sogar seine Wunder wie die Heilung von Kranken und die Auferweckung von Toten infrage stellt. Dies sorgt jetzt für Aufregung. Dramaturgin Anja del Caro hält einige der Briefe in der Hand, die ihr Theater bekommen hat. "Man fordert uns auf, das Stück umgehend vom Spielplan zu nehmen", sagt sie. "Man stellt uns auf die Seite Satans, es geht bis hin zu Drohungen."

Inszenierung rührt an Tabus

Da heißt es zum Beispiel "Ja, Maria war ein Mensch, aber sie war auch die Mutter Gottes, und das ist der Unterschied, den wir nie ganz begreifen werden" oder "Welcher Teufel reitet unsere Linksintellektuellen, dass sie immer wieder versuchen, dem Christentum zu schaden und Westeuropa zu entchristlichen?"

Klar ist: Die Inszenierung von Elmar Goerden rührt an Tabus, rüttelt auf - das aber leise. Mit der zarten Schönheit im blauen Mantel, als die Maria von vielen verehrt wird, hat Heesters Auftritt wenig zu tun. In dem Stück ist Maria eine normale Frau, die ihr Kind liebt - und die genau weiß, wer der Vater ihres Sohnes war. Gottvater wohl eher nicht. So etwas kann gläubige Christen schon treffen. Pastor Frank Howaldt von der Christianskirche in Altona ermutigt zu größerem Selbstvertrauen. Das Theater sei eben keine Kirche, sagt er.

"Marias Testament" in den Kammerspielen

"Marias Testament" mit Nicole Heesters läuft unter anderem am 6. und 7. November in den Hamburger Kammerspielen.

"Es geht um die künstlerische Freiheit"

"Es geht hier um die künstlerische Freiheit", erklärt Howaldt. "Natürlich ist auch jede Kanzelrede - auch in der katholischen Kirche - ein Stück künstlerischer Freiheit. Wir lesen ja nicht einfach biblische Zeugnisse vor, sondern wir deuten auch. Natürlich in einem anderen Rahmen." Über die Bibel sagt er: "Das ist ein Buch, das wankt im Grunde nicht." In unseren aufgeregten Zeiten stünden Provokation und Blasphemie schnell im Raum, meint er. Im Islam und auch im Christentum - in Büchern und in Filmen. Bei mancher Karikatur denkt der Pastor zuweilen schon an Grenzüberschreitung. Aber eine echte rote Linie in der Kunst sei für ihn Antisemitismus, Rassismus oder Gewaltbereitschaft.

Nicole Heesters ist katholisch aufgewachsen

Nicole Heesters ist selber katholisch aufgewachsen, schwärmt von den Maiandachten in ihrer Kindheit. "Meine Schwester spielte Orgel und mein Vater und ich haben in der Kirche gesungen. Die Glücksgefühle, die einen überkommen - das war wundervoll." Die Kehrseite: Das schlechte Gewissen sei wegen des Gedankens "Wir sind ganz schnell in der Hölle" immer da gewesen.

Viele Briefschreiber haben das Stück nicht gesehen

Mit der Hölle wird jetzt in den Briefen gedroht. Das Theater müsse Fragen stellen, ist Anja del Caro überzeugt. Es mache sie fassungslos, dass viele der Briefschreiber das Stück gar nicht gesehen hätten, auch trotz Einladung des Hauses nicht sehen wollten. Sogar eine Petition von katholischer Seite ist in Umlauf. Inklusive Spendenaufruf. Pastor Howaldt will Brücken bauen, schlägt vor, über den Glauben zu reden. Und Nicole Heesters? Sie geht mit klarer Haltung auf die Bühne und sagt bestimmt: "Ich freue mich drauf!"

Weitere Informationen

Nicole Heesters und "Marias Testament"

Seit sechs Jahrzehnten steht Nicole Heesters auf der Bühne und vor der Kamera. Jetzt feiert sie mit "Marias Testament" an den Hamburger Kammerspielen eine weitere Premiere. (12.02.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 24.10.2018 | 19:00 Uhr

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