Eine Sonnenblume steht auf einem Feld nahe Eimbeckhausen. © NDR Foto: Detlef Jürges

Grüner wird’s nicht? Vom Höhenflug einer Partei

Stand: 19.02.2021 21:53 Uhr

Seit den 1970er-Jahren sind grüne Positionen immer wieder mal oben auf der gesellschaftlichen Agenda gelandet. Wie ist diese Bewegung verlaufen - und wie nachhaltig ist gerade in Corona-Zeiten der erneute Aufschwung, der Zuspruch für eine grüne Politik?

Bei einer Demonstration in Hannover von "Fridays for Future" halten Demonstrierende ein Protestplakat mit der Aufschrift "There is no Planet B" in die Luft. © NDR Foto: Julius Matuschik
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von Claus Leggewie

Jetzt ist es tatsächlich so weit, dass man sich eine grüne Kanzlerin als Nachfolgerin von Angela Merkel vorstellen kann, oder auch einen grünen Kanzler. An den schwäbischen Ministerpräsidenten hat man sich schon gewöhnt und daran, dass seine Koalition grün-schwarz heißt, nicht schwarz-grün, wie die derzeit aussichtsreichste Koalition nach der Bundestagwahl im Herbst gehandelt wird. Ein politisches Wunder? Möchte man meinen, wenn man in Nachbarländer von Tschechien bis Frankreich schaut, wo sich die grüne Bewegung gespalten hat oder in lähmende Flügelkämpfe versunken ist. In anderen westlichen Demokratien wie in den USA und Großbritannien kommt Grün nicht auf die Füße, weil es dort das Mehrheitswahlrecht gibt.

Die Grünen auf dem Vormarsch - nicht nur in Deutschland

Claus Leggewie © picture alliance/dpa Foto: Marcel Kusch
Claus Leggewie ist Herausgeber der "Blätter für deutsche und internationale Politik".

Also eine deutsche Ausnahme? Die Partei hat es jedenfalls geschafft, nach ebensolchen Flügelkämpfen und Rauswürfen aus Parlamenten zu einer Volkspartei zu werden, nachdem sie im vergangenen Jahr noch einmal einen beachtlichen Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen hatte, im Unterschied zu etablierten Volksparteien, denen die Mitglieder wegsterben und die Wähler von den Fahnen gehen. Grüner ist es aber auch andernorts geworden: in Österreich und in der Schweiz, in den Niederlanden und in Skandinavien, bei den Europawahlen im ganzen Norden und Westen des Kontinents.

Kein Wunder und keine Ausnahme also, aber bleiben wir bei den deutschen Grünen, die aus dieser Parade noch einmal wie Musterschüler herausragen. Ende der 1970er-Jahre haben sie in einigen Groß- und Universitätsstädten als sozial, politisch und kulturell bunter Haufen sehr heterogene Alternative Listen gebildet und erste Achtungserfolge auf kommunaler wie europäischer Ebene eingefahren. Es folgten existenzgefährdende Flügelkämpfe zwischen Realpolitikern und Fundamentalisten rechter und linker Herkunft, deren Abgang den Weg frei machte für den Einzug in den Bundestag 1983 und das Gros der Landesparlamente - und den Übergang von der radikal ökopazifistischen Opposition in die Regierungsbeteiligung einer linksbürgerlichen Reformpartei: zunächst in rot-grünen Projekten, dann grün-schwarzen Koalitionen und heute - in alle Richtungen.

Die Gründe für die grüne Welle

Woher kommt dieser Aufschwung, der die Partei - nach der CDU und ihrer Neuerfindung des deutschen Liberal-Konservatismus - zur zweiten großen Innovation des deutschen Parteiensystems nach 1945 macht? Und wie nachhaltig ist er auch schon? Die Gründe für die grüne Welle liegen weiter zurück. Die Inkubationsphase der Bewegung - eine solche wollte sie dezidiert sein und anfangs auch bleiben - lag in der Periode einschneidenden Wandels der Werteordnungen industrieller Gesellschaften, der mit dem Präfix "Post" versehen wurde: postindustriell, postmaterialistisch, postmodern. Über einen langen Zeitraum verwandelte sich die von der Industriearbeit und dem Gegensatz zwischen Bürgertum und Proletariat gekennzeichnete Klassengesellschaft nicht, wie vorhergesagt: in eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, aber doch in eine stärker fragmentierte und individualisierte Dienstleistungsgesellschaft, in der Selbständige und Angestellte den Ton angeben. Da dies in einer historisch fast einzigartigen Weise mit einem Gewinn von Wohlstand und Optionen verbunden war, wurden materielle Überlebenssicherung und Profitstreben durch Werte der Selbstverwirklichung ergänzt - postmaterielle Werte, wie sie in der Sozialforschung als Motor einer "silent revolution", einer schweigenden Umwälzung, gedeutet wurden.

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Mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen einher ging eine lange Friedensphase, wenn auch nur im reichen Norden der Welt, die friedliche Konfliktlösungen nahelegte und den Krieg ächtete, manifestiert in Massenprotesten gegen die atomare Aufrüstung und Militärbündnisse. Dieser pazifistischen Strömung gesellte sich ein im Kern konservativer Blick auf die Natur hinzu, deren Erhalt und Pflege durch die Industrieproduktion, aber ebenso durch Individualverkehr und Massenkonsum in Frage stand. Pazifisten und Naturschützer waren zunächst als Fantasten belächelte Außenseiter, erst in den vergangenen Jahren ist umfassender klar geworden, wie recht sie mit ihren Warnungen hatten, da nun Klimawandel, Artensterben und Vermüllung jedem vor Augen führen, wie stark die Tragfähigkeit des Planeten bedroht ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 20.02.2021 | 13:00 Uhr