Briefmarke 50 Jahre Deutscher Musikrat © IMAGO / Schöning, imago 0051736873 Foto: IMAGO / Schöning

Keine Gleichstellung in deutschen Berufsorchestern

Stand: 01.03.2021 11:33 Uhr

Eine neue Studie zeigt, dass in den öffentlich finanzierten Orchestern in Deutschland kaum jede fünfte der Stimmführungs- und Solopositionen hoch dotierter Orchester mit einer Frau besetzt ist. Ein Gespräch mit Susann Eichstädt vom Deutschen Musikrat.

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Frau Eichstädt, haben Sie die Ergebnisse überrascht?

Susann Eichstädt: Nicht im Kern. Wir wissen auch aus anderen Bereichen, dass Gleichstellung zwar Staatsziel, aber noch nicht gesellschaftliche Realität ist, und dass es da in vielen Bereichen des Kulturlebens Entwicklungsmöglichkeiten nach oben gibt.

Wie stellt sich das bei einem Berufsorchester dar? Wie sieht es in der Praxis, im Alltag aus?

Eichstädt: 40 Prozent der Stellen sind von Frauen besetzt. Das ändert sich aber besonders in den Führungspositionen, wo es runter auf 20 Prozent geht. Die Ursache liegt in historischen Vorstellungen. Wir erinnern uns, dass viele Orchester früher gar keine Frauen haben spielen lassen. Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan, aber Gleichstellung ist nicht erreicht. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist da ein großer Punkt, den wir auch inhaltlich angehen müssen.

Woran liegt das? Am Willen liegt es nicht wirklich - oder doch? Denn an Spitzenmusikerinnen mangelt es doch ganz sicher nicht, oder?

Eichstädt: Ganz sicher nicht. An den Hochschulen sind die Besetzungen von männlich und weiblich relativ ausgewogen. Allerdings kommen nicht alle im Orchester an - und daran müssen wir arbeiten. Sicher ist es dann eine Frage von Diensten am Wochenende und am Abend und ob sich Frauen ehrenamtlich engagieren: Wie ist das mit der Familie vereinbar? Hier hat man oft nur geringe Spielräume in der Gestaltung. Da müssen auf jeden Fall Maßnahmen ergriffen werden.

Das betrifft alle Orchester. Die Studie zeigt aber, dass insbesondere in Spitzenorchestern das Unverhältnis besonders groß ist. Gibt es dafür eine Erklärung?

Eichstädt: Oft wird von einer gläsernen Decke gesprochen, die historisch verankert ist. Auswahlkommissionen werden zum Beispiel mit den Musikern aus alten Besetzungen zusammengestellt und dann ist eine Öffnung nicht so leicht. Da arbeiten die großen Verbände aber dran. Es gibt eine breite Kommunikation zu dem Thema und es muss in die Köpfe rein. Deshalb ist unser Ansatz: reden, reden, reden - und die Beteiligten für das Thema immer wieder sensibilisieren.

Wie hoch ist die Fluktuation in solchen Orchestern? Wie schnell könnte möglicherweise eine Neubesetzung mit Musikerinnen stattfinden?

Eichstädt: Die Verträge für die festen Stellen werden in der Regel auf Dauer gemacht. Man ist also in gewisser Weise festgelegt. Bei den jüngeren Musikern sieht man, dass fast eine Parität von männlich und weiblich erreicht ist, aber in den Stellen zwischen 45 und 65 ist das noch nicht der Fall. Wir werden etwa in fünf Jahren einen Punkt erreichen, an dem es zu einer Verrentungswelle in den Orchestern kommt - das hat mit den Besetzungen früher zu tun. Dann ist sicher viel Spielraum, um auch in der Mann-Frau-Frage aufzuholen.

Sie als Musikrat sind ja so etwas wie eine Standesvertretung der Berufsorchester. Welche Möglichkeiten haben Sie, Einfluss zu nehmen oder Vorgaben zu machen?

Eichstädt: Als Dachverband können wir keine direkten Vorgaben machen. Wir sehen uns in einer kommunikativen Rolle. In unseren Gremien, die immerhin 300 Personen umfassen, haben wir eine Quote von 30 Prozent eingeführt, die 2022 auf 50 Prozent erhöht wird. Wir achten bei uns selbst in Projekten und Stipendienangelegenheiten darauf, wie die Vergaben aufgeteilt sind und kommunizieren das auch immer wieder. Wir setzen uns für die Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt „Themis“ ein und schaffen in Hinblick auf Machtmissbrauch im Kulturbereich eine starke Ansprechstelle.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.03.2021 | 18:00 Uhr