Stand: 18.10.2019 15:57 Uhr

Gefährdet Mark Zuckerberg die Demokratie?

von Stefan Niggemeier

Mark Zuckerberg ist in diesem Jahr gerade mal 35 Jahre alt geworden. Ein immer noch junger Milliardär aus den USA, der die Welt verändert hat, durch die Gründung von Facebook. Gestartet vor 15 Jahren als Online-Forum für die Bewertung von Studentinnen an Zuckerbergs Uni Harvard, macht das Unternehmen heute einen Umsatz von mehr als 55 Milliarden US-Dollar. Spätestens seit dem Brexit-Votum und der Wahl von Donald Trump ist die Frage: Welchen Anteil hat Facebook an der Verbreitung von Fake News, am Entstehen von politischen und gesellschaftlichen Filterblasen - und ist sich Zuckerberg seiner Verantwortung für die Demokratie bewusst?

"Breaking News: Mark Zuckerberg und Facebook haben gerade bekannt gegeben, dass sie die Wiederwahl Donald Trumps unterstützen." So beginnt eine Werbeanzeige, die Elizabeth Warren seit einigen Tagen auf Facebook geschaltet hat. Ein Foto zeigt, wie der amerikanische Präsident und der Facebook-Chef die Hände schütteln.

Elizabeth Warren ist eine führende demokratische Kandidatin im Rennen um die US-amerikanische Präsidentschaft, und der Satz in ihrer Anzeige ist eine Lüge. Fake News. Sie gibt das zwei Sätze später auch zu. Und erklärt, was Facebook tatsächlich getan hat, um die Wiederwahl des Republikaners zu erleichtern: Die Plattform erlaube es Trump ausdrücklich, ihre Nutzer in seinen Anzeigen anzulügen. Sie lasse sich dafür bezahlen, Unwahrheiten unters Volk zu bringen.

Donald Trump hat die Lizenz zu lügen

Eigentlich hat Facebook strenge Regeln für politische Anzeigen. Die Werbung mit irreführenden oder falschen Inhalten ist demnach unzulässig. Zur Beurteilung dessen, was falsch ist, stützt sich Facebook auf anerkannte externe Faktenchecker. Doch von dieser Einschränkung sind, wie Facebook neuerdings klargestellt hat, politische Kandidaten ausdrücklich ausgeschlossen. Kandidaten wie Elizabeth Warren. Und wie Donald Trump.

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Man könnte sagen, Donald Trump hat die Lizenz zu lügen. Facebook lässt sich von ihm dafür bezahlen, auch solche Aussagen an eine maßgeschneiderte Zielgruppe zu bringen, von deren Unwahrheit Facebook nach seinen eigenen Maßstäben überzeugt ist. Und Trump macht davon Gebrauch. Seit Anfang Oktober behauptet er in seinen Facebook-Anzeigen fälschlich, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden in seiner Zeit als Vize-Präsident der Ukraine eine Million Dollar versprochen habe, wenn sie den Staatsanwalt feuere, der gegen jene Firma ermittle, für die Bidens Sohn damals tätig war. Seit Monaten schon behauptet Trump in seinen Anzeigen ebenso fälschlich, dass die Demokraten zugegeben hätten, das Recht auf Waffenbesitz aus der Verfassung streichen zu wollen.

Der Wahlkampf 2020 hat längst begonnen

Elizabeth Warrens Urteil steht fest: Die Größe und der Einfluss von Facebook gäben Anlass zu ernster Sorge um den demokratischen Prozess in den Vereinigten Staaten. Sie hat zweifellos Recht. Und das Problem ist viel größer als die Frage, welche Anzeigen Facebook erlaubt.

Facebook ist so mächtig, weil es so viele Menschen nutzen, und weil Facebook so unendlich viel über ihr Verhalten weiß. Mit diesen Daten lassen sich sehr genau sehr spezifische Zielgruppen mit jeweils sehr spezifischer Werbung ansprechen, die andere Gruppen vielleicht abschrecken würde, die diese aber nie zu sehen bekam. Nicht zuletzt der in einen spektakulären Datenskandal verwickelten Firma Cambridge Analytica wird zugeschrieben, für die entscheidenden Stimmen für Trump gesorgt zu haben: Gezielt seien aufgrund von auf Facebook-Daten basierenden Persönlichkeitsprofilen zögerliche Wähler in den Swing States angesprochen worden. Mehrere knappe Siege in solchen Staaten, die die Demokraten für sicher hielten, gaben bei der Wahl 2016 am Ende den Ausschlag.

Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg steht auf einer Bühne mit blau-beleuchtendem Hintergrund und hält einen Vortrag. © dpa Bildfunk Foto: Andrej Sokolow

Die Zukunft von Social Media (3/4)

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Gefährdet Mark Zuckerberg die Demokratie? Zwischen Fake und Filterblasen. Von Stefan Niggemeier

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Ob der clevere Einsatz dieser Technologien auf Facebook wirklich so wichtig war, wie sowohl die Macher als auch ihre größten Kritiker behaupten, steht keineswegs fest. Eine Wirkung ist aber nicht auszuschließen, und Trump gibt schon jetzt wieder viele Millionen für Werbung auf Facebook aus. Der Wahlkampf 2020 hat hier längst begonnen.

Ein zusätzliches Werkzeug für Populisten

Doch Trump würde sogar ganz ohne Werbung von Facebook profitieren. Der Algorithmus, der entscheidet, welche Inhalte wir angezeigt bekommen, ist darauf optimiert, Interaktionen auszulösen und zu belohnen. Populisten wie Trump lassen mit ihren Lügen und ihren Vereinfachungen, ihren Grenzüberschreitungen und ihren Provokationen, niemanden kalt. Sie spalten das Land, und diese Polarisierung führt dazu, dass die Menschen mit populistischen Inhalten interagieren - sei es aus Empörung und Abscheu oder aus leidenschaftlicher Unterstützung. Sie produzieren auch bei ihren Anhängern Wut oder Angst und animieren sie, und das macht ihre Inhalte - unmittelbar oder in irgendeiner Form medial vermittelt - zu solchen, die der Algorithmus bevorzugt.

Ein Politiker, der versucht, sich als bedächtig, abwartend, vernünftig zu positionieren, hat es auch in den klassischen Medien schwer, aufzufallen. Aber hier entscheiden noch Menschen über seine Sichtbarkeit. Wenn es Automatismen sind, wird es noch schwerer, wahrgenommen zu werden. Natürlich gibt es andere Erklärungen für den Siegeszug Trumps und anderer Populisten als Wirkungen der sozialen Medien und ihrer Effekte, die teils psychologisch sind, teils technologisch. Sie sind in mancher Hinsicht auch nur ein zusätzliches Werkzeug für Populisten. Doch die Beispiele für ihre Wirksamkeit sind bestürzend.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 20.10.2019 | 19:00 Uhr

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