Türkische Polizei verhaftet am 16.07.2016 auf dem Taksim Platz in Istanbul türkische Soldaten bei einem Putschversuch. © Sedat Suna/EPA/dpa Foto: Sedat Suna

Fünf Jahre nach Türkei-Putsch: "Erdogans Macht ist am Wanken"

Stand: 15.07.2021 16:56 Uhr

In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 kam es in der Türkei zu einem Putschversuch. Die Journalistin Çiğdem Akyol war zu jener Zeit als Türkei-Korrespondentin der österreichischen Nachrichtenagentur APA in Istanbul.

Türkische Polizei verhaftet am 16.07.2016 auf dem Taksim Platz in Istanbul türkische Soldaten bei einem Putschversuch. © Sedat Suna/EPA/dpa Foto: Sedat Suna
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Frau Akyol, wie haben Sie die damalige Nacht in Erinnerung?

Çiğdem Akyol: Ich kann mich noch sehr gut an die damalige Nacht erinnern, weil sie so unglaublich speziell war. Ich war damals zu Hause in Istanbul, als gegen 22 Uhr die Hubschrauber über meiner Wohnung kreisten. Es war nicht mehr zu überhören, dass da was im Gange ist. Es kamen die ersten Eilmeldungen, als die ersten Kampfflugzeuge über meiner Wohnung donnerten. Es war schnell klar, dass Teile des Militärs versuchten zu putschen. Es wurde eine der blutigsten Nächte der Türkischen Republik. Unter anderem riegelten Soldaten den Atatürk-Flughafen in Istanbul ab, sie besetzten strategisch wichtige Positionen und sperrten die Brücken über dem Bosporus. Und wir konnten uns das alles live vor Ort anschauen.

Wer ist da gegen wen aufgestanden? Staatspräsident Erdogan hat ja sehr schnell seinen früheren Weggefährten Fethullah Gülen und seine Anhänger dafür verantwortlich gemacht. Lässt sich das aus heutiger historischer Perspektive bestätigen?

Çiğdem Akyol © WDR Foto: Karl-Heinz Kuball
Çiğdem Akyol ist Redakteurin der Schweizer Wochenzeitung "WOZ".

Akyol: Fünf Jahre danach wissen wir immer noch verhältnismäßig wenig. Und was wir wissen, wird von den türkischen staatsnahen Medien verbreitet, es wird gefiltert nach außen weitergereicht. Klar ist, dass dieses Vorhaben schlecht geplant war und überhastet gewesen ist. Und auch fünf Jahre danach wirkt der Putschversuch wie eine Kamikaze-Aktion einer kleinen Gruppe Militärführer, die um ihre Entmachtung fürchteten und sich deswegen zum Handeln gezwungen sahen. Erdogan hat noch in der Putschnacht behauptet, es sei die Fethullah-Gülen-Bewegung gewesen, die dahintersteckt, die aber bis heute jegliche Beteiligung ablehnt. Die Gülen-Bewegung allerdings hätte Motive und auch Mittel gehabt, diesen Putsch durchzuführen. Das ist aber nicht bewiesen. Es sieht eher danach aus - und so lauten auch die Berichte von europäischen Geheimdiensten -, dass es eine Gruppe von Kemalisten, Militärs und Gülen-Anhängern gewesen waren, die diesen Putsch versucht haben.

Es haben sich noch in derselben Nacht Tausende von Zivilisten auf den Straßen eingefunden und sich den Putschisten entgegengestellt - unter anderem auch, weil Erdogan in einer Botschaft dazu aufgerufen hat. Wer waren diese Menschen? Waren das Erdogan-Anhänger, waren das Menschen, die in erster Linie Angst vor einer Militärdiktatur hatten?

Akyol: Wenige Stunden, nachdem klar war, dass es sich um einen Putschversuch handelt, hat jeder, der eine türkische SIM-Karte besitzt, also auch ich, eine SMS von der Regierung bekommen mit dem Aufruf auf die Straßen zu gehen, um die Demokratie zu verteidigen. Es waren nicht nur Erdogan-Anhänger, die die Demokratie verteidigt haben - es waren auch Nicht-Erdogan-Anhänger, Sozialdemokraten und Linke, die gegen diesen Putschversuch auf die Straße gegangen sind. Denn es wird unterschätzt, dass die türkische Bevölkerung in der Geschichte von Putschversuchen traumatisiert ist und verhindern wollten, dass das Militär die Macht übernimmt.

Nach dem Putschversuch hat Erdogan sofort zum Mittel einer "Säuberung" gegriffen. Mehr als 140.000 Staatsbedienstete sind entlassen oder suspendiert, etwa 5.000 Prozesse sind geführt und 3.000 Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Wie verkraftet die Türkei so eine "Säuberung" fünf Jahre lang?

Akyol: Die Frage ist für mich viel eher: Hat sie das überhaupt verkraftet? Ich würde sagen, nein. Denn hinter all diesen Zahlen stecken Schicksale, Familien, Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben, die in Gefängnissen sitzen und teilweise keinen Zugang mehr zur Rentenversicherung haben. Es wurden Existenzen vernichtet. Diese Säuberungswelle hält bis heute an - nicht mehr mit der gleichen Wucht, aber sie hält an. Nur der Verdacht, zum Beispiel der Gülen-Bewegung nahezustehen oder ein Erdogan-Kritiker zu sein, reicht aus, um mit einer Haftstrafe rechnen zu müssen. Das heißt, die Menschen haben sich arrangiert, die Türkei ist recht still geworden. Die einzige Zivilgesellschaft, die sich bei den Protesten 2013 lautstark Gehör verschafft hat, ist überwiegend ins Ausland abgewandert.

Staatspräsident Erdogan sollte seinerzeit gestürzt werden. Es wirkt von außen manchmal, als sei er fünf Jahre danach stärker denn je. Teilen Sie den Eindruck?

Akyol: Nein, den Eindruck teile ich nicht. Erdogan ist ganz klar der Nutznießer dieser Katastrophe gewesen. Er konnte diese "Säuberungswelle" lostreten, konnte das Präsidialsystem, welches auf ihn zugeschneidert wurde, durchsetzen. Er ist der Präsident mit den meisten Machtbefugnissen in der Geschichte der Türkischen Republik. Momentan ist es aber so, dass seine Macht tatsächlich am Wanken ist - nicht nur wegen der Corona-Krise, welche die ökonomische Situation noch weiter verschlechtert hat, sondern auch wegen anderer innenpolitischer und selbstgemachter außenpolitischer Probleme. Er reagiert auf diese Konflikte, die er mitunter selbst verschuldet hat, mit einem autokratischeren Kurs. Aber währenddessen baut sich momentan die Opposition auf. Deswegen sieht es momentan eigentlich gar nicht so gut aus für ihn für die Wahlen 2023.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.07.2021 | 18:00 Uhr