Die Fassade des Jungen Theaters Göttingen am Marktplatz © dpa Foto: Stefan Rampfel

Finanzspritze für Privattheater: Reaktionen aus dem Norden

Stand: 22.10.2020 09:35 Uhr

Am Mittwoch hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters Hilfen für Privattheater im Umfang von 30 Millionen Euro angekündigt. NDR Kultur Reporterin Lenore Lötsch spricht über Reaktionen der Privattheater.

Maximal 140.000 Euro pro Theater sind vorgesehen. Auf den ersten Blick sieht die Rechnung gut aus: Etwas mehr als 200 Privattheater gibt es in Deutschland. Wenn man das überschlägt, könnte fast jedes der Privattheater die maximale Fördersumme erhalten. War die Freude da gestern also groß?

Lenore Lötsch: Man bemerkt aus den Reaktionen auf diese Ankündigung, wie vorsichtig die Privattheater sind. Das resultiert aus Enttäuschungen in der Vergangenheit. Schauen wir uns das Junge Theater Göttingen an. Das Haus muss 40 Prozent seiner Kosten durch Eintrittsgelder erwirtschaften. Es wird gespielt -  morgen zum Beispiel Heines "Deutschland ein Wintermärchen" -, aber wirtschaftlich ist das nicht. Nur 45 der 195 Plätze können besetzt werden.

Intendant Nico Dietrich erzählte uns im Gespräch: "Wir haben ständig den Jonglage-Akt zwischen 'Spielen wir, lohnt es sich zu spielen?' Oder 'spielen wir und kriegen weniger Kurzarbeitergeld, mit dem Problem, dass wir dann auch weniger Einnahmen erzielen?' Das ist eine schizophrene Situation. Je mehr wir spielen, umso weniger Geld haben wir."

Der Intendant des Jungen Theaters in Göttingen Nico Dietrich spricht in einem Interview. © NDR Foto: Jürgen Jenauer

AUDIO: Theaterintendant Nico Dietrich über Lage der Privattheater (3 Min)

Mit dem gestern nun angekündigten Programm können laut Monika Grütters bis zu 80 Prozent der Ausgaben für das künstlerische Personal abgedeckt werden. Nico Dietrich versteht das als einen Schubs, damit Privattheater überhaupt wieder Vorstellungen anbieten. Gerade jetzt, wo man an der Theaterkasse merkt, wie zurückhaltend das Publikum momentan ist.

Jetzt kommt das große Aber, weshalb der Göttinger Intendant nicht sofort einen Antrag geschrieben hat. Er erklärte uns: "Ich muss erst einmal abwarten, was passiert. Ist man zugangsberechtigt? Aber wer kriegt wie viel, mit was wird das wieder verrechnet und warum? Das muss man erst einmal sehen, wenn wir das Förderprogramm sehen. Viele stellen Anträge oft nicht, weil der Teufel dann doch im Detail liegt. Das ist wieder nur eine Ankündigung von einem Programm, das ich erst einmal lesen möchte."

Und da muss er sich noch gedulden, denn die Antragsunterlagen und Fördergrundsätze stehen erst ab dem 9. November auf der Website www.buehnenverein.de bereit.

Um die Theater geht es heute auch auf der Leserbriefseite der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Da wehren sich nämlich Kulturschaffende und Leser gegen einen Artikel vom Montag dieser Woche. In diesem wurde eine "generelle Sorglosigkeit der Kulturschaffenden" angeprangert. NDR Kultur hat darüber berichtet. Nun gibt es eine Reaktion des Chefredakteurs ...

Lötsch: Die "HAZ" druckt heute einige Leserbriefe ab, in denen von Ignoranz gesprochen wird - vom großen Ärger darüber, dass freie Theater als neue Corona-Hotspots dargestellt wurden. Wörtlich heißt es: "Schon jetzt resignieren viele Künstlerinnen und Künstler und suchen sich einen anderen Beruf." Man sei in dieser Situation "auf die Solidarität der Öfffentlichkeit angewiesen." Das erreiche man nicht, wenn die ganze freie Szene in einem Artikel als sorg- und verantwortungslos diffamiert werde.

Darauf reagiert der Chefredakteur heute. So schreibt Chefredakteur Hendrik Brandt: "Wir hätten die Detailnotizen aus der freien Kulturszene nicht in der Größe und zu sehr verallgemeinernd auf unseren Kanälen platzieren sollen. Und wir hätten auf den Begriff 'Superspreader' verzichten sollen."

Das Gespräch führte NDR Kultur Moderator Philipp Schmid.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.10.2020 | 08:15 Uhr