Stand: 10.09.2018 15:30 Uhr

Filmfestival Venedig: Netflix als Impulsgeber

von Katja Nicodemus

Man wusste es, aber nun ist es amtlich bestätigt, mit dem Siegel des Jury-Präsidenten und Oscar-Preisträgers Guillermo del Toro: Das Streaming-Portal Netflix ist Impulsgeber und visionärer Teil der cineastischen Landschaft. Hauptpreisträger der 75. Filmfestspiele von Venedig ist der von Netflix produzierte Film "Roma" des Mexikaners Alfonso Cuarón.

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Für seinen Film "Roma" hat Alfonso Cuarón den Goldenen Löwen für den besten Film erhalten.

Der Film ist eine subtile Hommage an ein indigenes Dienstmädchen, das im Mexiko-Stadt der 70er-Jahre den Haushalt einer Familie der oberen Mittelschicht schmeißt. Nachdem der Vater die Familie verlassen hat, wird die warmherzige Cleo zum Rückhalt der drei Kinder. "Roma" sei der Frau gewidmet, die ihn erzogen habe, sagte Cuarón auf der Preisverleihung. In leicht ausgebleichtem Schwarzweiß gedreht, ist sein Film die poetische Umsetzung der eigenen Kindheitserinnerung. Aus beobachtender Distanz verfolgt die Kamera das Geschehen im Haus der Familie. Aufmerksam, doch ohne sich einzumischen, folgt sie Cleo durch das weitläufige Gebäude, zeigt sie beim Bügeln, Putzen, Servieren, bei amourösen Verabredungen.

"Roma", benannt nach dem gleichnamigen Stadtviertel in Mexiko-Stadt, ist auch ein Porträt Mexikos, seiner Atmosphäre und politischen Verfasstheit in den 70er-Jahren. Cuarón zeigt die Ausbeutung der indigenen Bevölkerung, zeigt Sexismus, Machismo quer durch die Gesellschaftsschichten. Ein Wendepunkt des Films ist ein Massaker an friedlich demonstrierenden Studenten.

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Den Drehbuchpreis der Jury gewann eine weitere Netflix-Produktion: "The Ballad of Buster Scruggs", ein episodischer Western der Coen-Brüder.

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Insgesamt befanden sich die Netflix-Produktionen bei der Abschlusszeremonie in illustrer Gesellschaft: Den großen Preis der Jury gewann der bösartig-geistreiche Kostümfilm "The Favourite" von Giorgos Lanthimos über Intrigen am Hofe der englischen Königin Anne zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Britin Olivia Colman, Darstellerin der verwöhnten, launischen, gelangweilten Regentin, konnte den Schauspielerinnenpreis mit nach Hause nehmen. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag, Florian Henckel von Donnersmarcks kontrovers aufgenommene Malerbiografie "Werk ohne Autor", ging leer aus.

Netflix, Amazon und Co.: Mitspieler statt Feinde

Was bedeuten die beiden großen Preise für Netflix-Produktionen? Zunächst einmal, dass die Filmfestspiele von Venedig richtig daran tun - anders als etwa das Festival von Cannes - die Produktionen von Streaming-Portalen in ihren Wettbewerb zu lassen. Die großen A-Festivals sind Orte, an denen sich eine Kunstform auch über sich selbst, über den State of the Art, verständigt - ungeachtet der produktionstechnischen oder finanziellen Hintergründe der Filme. Es mag für Filmverleiher und Kinobetreiber bitter sein, dass die Streaming-Dienste ihre Produktionen für die eigene Auswertung herstellen und wenn überhaupt nur eingeschränkt im Kino zeigen. Aber vielleicht ist dies ein Übergangszustand einer sich rasant wandelnden Bilderlandschaft.

Überblick über das 75. Filmfest Venedig

Jedenfalls sollte man Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon nicht als Feinde des Kinos, des Filmerlebnisses auf der großen Leinwand betrachten, sondern als Mitspieler, die ihre eigene Rolle noch finden müssen. Immer noch ist die Kinoauswertung mit einer publizistischen Anerkennung, mit Auseinandersetzung und einem cineastischen Diskurs verbunden, der bei den im Netz stattfindenden Filmstarts der Streaming-Dienste nur eingeschränkt stattfindet. Gut möglich, dass sie in Zukunft zunehmend Teil dieser Öffentlichkeit sein werden und wollen und ihre Filme im besten Fall auch vorab auf der Leinwand zeigen - was schließlich auch Renommee bedeutet.

Es mag ja stimmen: Die Streaming-Portale sind Geldmaschinen, die nun auch im Kino mitmischen. Aber was spricht dagegen, wenn diese Online-Studios Filme wie den diesjährigen Venedig-Sieger produzieren? Und egal wie rasant der Wandel der Film- und Bilderlandschaft aussehen mag: Dass die Kriterien für einen großen Film dieselben bleiben, zeigt auch der Jubel der internationalen Kritik über den Goldenen Löwen für "Roma" von Alfonso Cuarón.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.09.2018 | 19:00 Uhr

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