Stefan Heße, Erbischof der Diözese Hamburg © Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz

Erzbischof Heße: Rücktritt abgelehnt, bitterer Neustart

Stand: 15.09.2021 17:24 Uhr

Papst Franziskus hat das Rücktrittsgesuch des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße abgelehnt, das hat der Vatikan heute bekannt gegeben. Der Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft Florian Breitmeier kommentiert die Entscheidung des Papstes.

von Florian Breitmeier

Die Entscheidung des Papstes wird viele Betroffene sexualisierter Gewalt verstören und auch zahlreiche Gläubige - nicht nur im Erzbistum Hamburg. Doch für Franziskus spielt das keine entscheidende Rolle. In einer mehrere hundert Seiten starken Missbrauchsstudie des Erzbistums Köln wurden dem früheren Personalchef und Generalvikar Stefan Heße elf Pflichtverletzungen im Umgang mit Missbrauchsfällen von unabhängigen Juristen bescheinigt. Auch die vom Papst im Frühsommer ins Erzbistum Köln gesandten Prüfer werden sicher viele Seiten Papier fabriziert haben. Die nun vorliegende Entscheidung aus dem Vatikan fällt hingegen ganz knapp aus: kein Vorsatz der Vertuschung erkennbar, zudem habe der Erzbischof sein Amt demütig zur Verfügung gestellt. Das reicht, um weitermachen zu können. Näher begründen muss der Papst seine Entscheidung offensichtlich nicht - zynisch möchte man mit Blick auf die Informationspolitik gegenüber Betroffenen und vielen Gläubigen hinzufügen: Wo kämen wir denn da hin?

Päpstliche Bitte nach einem Neustart

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
NDR Redakteur Florian Breitmeier kommentiert die Entscheidung des Papstes.

Viele Gläubige werden diese Intransparenz der Entscheidungsfindung nicht verstehen. Das ist kein guter Boden für einen Neuanfang im Erzbistum Hamburg. "Persönliche Verfahrensfehler" haben ja auch die Männer im Vatikan bei Stefan Heße ausgemacht, aber diese werden vor allem mit den damals chaotischen Zuständen in der Administration des Erzbistums Köln erklärt. Der Personalchef und Generalvikar als Opfer seiner eigenen Verwaltung. Die päpstliche Bitte nach einem Neustart im Erzbistum Hamburg bei gleichzeitig personeller Kontinuität ist heikel. Drängt sich doch der Eindruck auf, dass ranghohe Amts- und Würdenträger bei nachgewiesenen Pflichtverletzungen und Verfehlungen nicht mit persönlichen Konsequenzen rechnen müssen. Keine Frage: Im politischen und wirtschaftlichen Kontext wäre ein Rücktritt Heßes unvermeidlich gewesen. Auch um Schaden von der Institution abzuwenden.

Entscheidung des Papstes nur schwer zu verstehen

Stefan Heße hat das gewusst, als er seinen Amtsverzicht angeboten hat. Und dieser Schritt ist ihm hoch anzurechnen. Dass sich nun bei nicht wenigen Gläubigen und noch mehr bei Betroffenen der Gedanke nahezu zwangsläufig festsetzen muss, dass Kleriker wohlwollend über Kleriker urteilen und eine administrative Strenge des Vatikans nicht überall an den Tag gelegt wird, wo dies vielleicht hilfreich sein könnte, das erschwert ihm den nun päpstlich verordneten Neuanfang im Erzbistum Hamburg erheblich. Die Entscheidung von Franziskus ist, so sehr sie vielleicht auch vom Kirchenrecht gedeckt sein mag, eine Entscheidung zugunsten der Binnenstruktur der Kirche. Denn wenn Stefan Heße hätte zurücktreten müssen, hätten unweigerlich auch andere Oberhirten, Weihbischöfe und Generalvikare in anderen Bistümern folgen müssen - und das weltweit. Das kann sich eine in Deutschland und Europa personell am Limit agierende Kirche vermutlich nicht erlauben. In der Welt von heute mag die Entscheidung des Papstes nur schwer zu verstehen sein. Aber in der katholischen Kirche gelten nun mal ganz eigene Gesetze.

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NDR Kultur | Journal | 15.09.2021 | 18:00 Uhr