Stand: 26.02.2016 11:39 Uhr

Ersan Mondtag mit "Schnee" am Thalia

von Katja Weise
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Seine Inszenierungen sind eher Performances als Theaterstücke: Regisseur Ersan Mondtag ist zu Gast am Thalia in Hamburg.

Die Ausbildung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München hat er vorzeitig abgebrochen, so viele Projekte hatte Ersan Mondtag im Kopf. Mit einer Arbeit ist der junge Regisseur jetzt sogar zum Berliner Theatertreffen eingeladen - "Tyrannis", eine Stückentwicklung ohne Worte, die am Staatstheater Kassel entstanden ist. Am Hamburger Thalia Theater inszeniert der 28-Jährige "Schnee", nach dem Roman von Orhan Pamuk. Premiere war am 25. Februar auf der kleinen Bühne in der Gaußstraße.

Mondtag interessiert der "universelle Blickwinkel" der Geschichten

Pamuks Roman "Schnee" spielt in der Türkei. Doch Fragen zu einem türkischen Hintergrund möchte der in Berlin geborene Ersan Mondtag eigentlich nicht beantworten müssen: "Wenn ich ein Buch von Paul Auster lese, muss ich jetzt nicht in erster Linie an Amerika denken", so Mondtag. Und genauso begegne er jemandem wie Orhan Pamuk auch. Das sei ein Weltautor, der ein weltliterarisches Werk verfasst habe, das zwar an einem konkreten geographischen Ort spiele und eine politische Situation behaupte, aber Mondtag habe das eher unter einem universellen Blickwinkel interessant gefunden.

Weitere Informationen

Gemischte Reaktionen auf "Schnee"-Premiere

26.02.2016 20:00 Uhr und weitere Termine
Thalia Theater

Regisseur Ersan Mondtag hat Orhan Pamuks Stück "Schnee" auf die Bühne des Thalia Theaters gebracht. Leider verheddert sich die Inszenierung gen Ende. Das Publikum reagierte mit gemischten Gefühlen. mehr

Pamuks opulenten Roman hat der Regisseur wie eine Art Steinbruch genutzt. Ihn interessiert vor allem die Frage, wie Gemeinschaften zusammenleben können: "Aus welcher Perspektive wir überhaupt Gemeinschaft begreifen, wie eine bestimmte Gemeinschaft sich auflöst, manche extreme Positionen einnehmen, sich dann auf einmal untereinander bekriegen und danach mit einer bestimmten Form der Ratlosigkeit miteinander am Tisch sitzen und nicht mehr wissen, wie man miteinander verhandeln kann."

Choreografierte Performance

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"Schnee" am Thalia Theater

Alle Informationen zu dem Stück "Schnee" nach einer Geschichte von Orhan Pamuk am Thalia und weitere Vorstellungstermine finden Sie hier - auf der offiziellen Homepage des Theaters. extern

Geschichten zu erzählen sei deshalb auch gar nicht seine primäre Motivation, erklärt der 28-Jährige. Er setze auf Themen, die er in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern entwickle. Dabei spielt Musik eine ganz wichtige Rolle, so auch bei "Schnee". Musik wird hier nicht nur als Soundteppich genutzt. Mondtag lässt sie gerne frei stehen und choreografiert dazu die Schauspieler, die alle das gleiche dunkle Kostüm tragen und auf dem Kopf wilde, schneeweiße Perücken. Ein bisschen sehen sie aus wie die Mitglieder einer Sekte, die - das ist ein weiteres Thema, das aus dem Roman herausgegriffen wird - sich wehren gegen einen Staat, der Mädchen vorschreibt, keine Kopftücher zu tragen: "Es ist also das Ziel des säkularen Staates, Mädchen, die sich den Kopf bedecken, keinen Zutritt zu den Unterrichtsräumen und auch nicht zum Hochschulgebäude zu gewähren."

Performances werden die Arbeiten des jungen Regisseurs oft genannt, wohl weil er keine Geschichten im klassischen Sinne erzählt und Genregrenzen sprengt. Auch "Schnee" verspricht ebenso Schauspiel wie Konzert und Kunstinstallation zu werden - ein wilder, aber klug konzipierter Mix.

20 Stunden Theater pro Woche - schon als Schüler

Schon während seines Regiestudiums in München gründete Mondtag ein eigenes Kollektiv. Er fiel schnell auf mit seinen Projekten und beendete das Studium vorzeitig: "Es hatte sich dann ausgeschöpft. Die infrastrukturellen Möglichkeiten konnten das, was ich gebraucht habe, nicht bieten. Ich hatte schon in einem anderen Rahmen gearbeitet, in einem Rahmen, der vielleicht auch die Kapazitäten einer Regieschule übersteigt."

Die Leidenschaft für das Theater erfasste schon den Schüler. 20 Stunden Theater standen auf dem Stundenplan der Hauptschule in Berlin Kreuzberg, die Lehrer seien fantastisch gewesen. Danach schickten sie Ersan aufs Gymnasium, er machte Abitur und startete durch.

Inzwischen inszeniert er nicht nur in Frankfurt, Kassel und Hamburg, sondern auch an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Maxim Gorki Theater: "Also in Berlin habe ich tatsächlich noch nicht viel gewirkt am Theater, meine Theaterheimat ist eher München, weil ich da studiert und sehr viel ausprobiert habe. Berlin ist eher die Heimat-Heimat. Da, wo ich am Wochenende hinfahre, wenn ich nicht mehr proben muss." Während der Proben in Hamburg jedoch hat er darauf verzichtet. Es soll in diesem Jahr sogar noch eine zweite Inszenierung am Thalia Theater geben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.02.2016 | 19:00 Uhr

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