Stand: 07.10.2019 17:41 Uhr

"Niemand weiß, welche Folgen das hat"

Er hat mich angefasst. Er hat seine Machtposition ausgenutzt. Er wollte etwas, das ich nicht wollte. Vor zwei Jahren, am 5. Oktober 2017, wurde der Filmmogul Harvey Weinstein in der "New York Times" öffentlich der sexuellen Belästigung beschuldigt. Unter dem Hashtag #MeToo schlossen sich weltweit Frauen - und Männer - der Debatte an; versuchten Abhängigkeitsverhältnisse aufzubrechen und Übergriffe aufzudecken. Auch in Deutschland bestand Handlungsbedarf. Nicht nur, weil Regisseur Dieter Wedel von mehreren Schauspielerinnen der sexuellen Übergriffe beschuldigt wurde. Konkret wurde es dann vor einem Jahr: 17 deutsche Verbände aus Film und Fernsehen gründeten eine Vertrauensstelle, an die sich Betroffene von sexuellen Übergriffen wenden können. "Themis" heißt sie, benannt nach der griechischen Göttin der Gerechtigkeit. Seit Beginn gehört Barbara Rohm zum Vorstand von "Themis".

Frau Rohm, wann war der Moment, in dem Sie dachten: Zum Glück haben wir diese Vertrauensstelle eingerichtet?

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Barbara Rohm ist im Vorstand der Vertrauensstelle "Themis".

Barbara Rohm: Es gab nicht wirklich diesen einen Moment, sondern es gab diesen Moment sehr oft, weil die Stelle sehr gut angenommen wird und sich wirklich sehr, sehr viele Betroffene melden und Unterstützung suchen. Sowohl von der dort arbeitenden Juristin als auch von der Psychologin. Jeden Tag haben wir uns immer wieder gesagt: Wie gut, dass es jetzt die "Themis" gibt und Betroffene endlich die Möglichkeit haben, ihr Schweigen zu brechen. Und dass wir auch mit der "Themis" dazu beitragen können, diese Last von den Schultern der Betroffenen zu nehmen, denn auf ihnen lastet immer noch dieser Wunsch: Wir brauchen einen Kulturwandel. Aber keiner weiß so richtig, wie der eigentlich vonstatten gehen soll. Da ist die "Themis" wirklich der Schlüssel, indem wir diese neutrale und überbetriebliche Stelle geschaffen haben, wo Anonymität gewährt wird. Das ist auch immer das Anliegen der Betroffenen, erst mal anonym zu bleiben.

Wie wichtig ist diese Anonymität? Man könnte ja denken, dass sich die Frauen jetzt - zwei Jahre nach Beginn dieser Debatte - trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Wieso ist diese anonyme Sicherheit noch immer so wichtig?

Rohm: Genauso wichtig, wie die Rolle der Presse war, das Ganze überhaupt ins Rollen zu bringen und zu berichten. Denn viele Betroffene hatten ja gar keine andere Chance oder haben keine andere Chance gesehen, außer den Weg über die Presse. Aber aus der Sicht der Betroffenen ist das natürlich ein sehr, sehr schwieriger Weg, weil niemand weiß, welche Folgen das für ihn persönlich hat. Was trete ich da los? Kann ich das Ganze überhaupt noch steuern? Deshalb ist es natürlich gar nicht unser Wunsch, dass Betroffene den Weg über die Presse gehen müssen.

Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) gibt es ganz klar einen beschriebenen Weg, wie mit sexueller Belästigung und Gewalt umgegangen werden muss - nämlich, dass Betroffene eine Beschwerde an ein Unternehmen richten können. Da kommt dann ein bestimmter Prozess in Gang, der damit anfängt, dass Betroffene geschützt werden müssen. Dann muss der Sachverhalt aufgeklärt werden und am Ende, wenn das aufgeklärt ist, können oder müssen eben Sanktionen folgen für den Belästiger. Diese Möglichkeit sehen Betroffene bislang gar nicht, aus unterschiedlichen Gründen: Erst mal haben sie Angst, ihnen wird nicht geglaubt. Zweitens haben sie Angst, dass es für ihre Karriere negative Folgen hat, weil sie als schwierig gelten oder als Nestbeschmutzerin dastehen. Um die Betroffenen da zu unterstützen, brauchen wir die "Themis". Und genau das hat die Arbeit im letzten Jahr gezeigt: dass das der richtige Weg ist und dass sich Betroffene immer mehr trauen, diesen Weg zu gehen.

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Es gibt aber zum Beispiel an Theatern Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte. Wofür braucht es dennoch eine extra Vertrauensstelle?

Rohm: Die Gleichstellungsbeauftragten haben ein sehr umfangreiches Portfolio, sie haben viele Aufgaben und die sind auch immens wichtig. Im Falle von Beschwerden ist es allerdings so, und das hat auch nichts mit der Professionalität der Gleichstellungsbeauftragten zu tun: Betroffene haben einfach Schwierigkeiten, sich an interne Stellen zu wenden, weil sie ganz einfach Angst haben, dass Gerede entsteht und dass sie nicht anonym bleiben können. Das macht es für Betroffene schwierig. Sie brauchen wirklich diesen externen, neutralen Raum.

Nun hat eine aktuelle amerikanische Studie die letzten zwei Jahre der MeToo-Debatte untersucht. Ein Ergebnis ist, dass Männer sehr verunsichert sind und Frauen aus dem Weg gehen, Frauen womöglich gar nicht erst einstellen wollen, aus Angst, dass Konflikte entstehen könnten. Ist diese Debatte am Ende vielleicht doch in eine falsche Richtung und nach hinten losgegangen?

Rohm: Bestimmt gibt es einzelne Fälle, wo das so ist und männliche Arbeitgeber sagen: Ich habe keine Lust mehr, Frauen einzustellen. Aber nach dem, was wir jetzt von Betroffenen hören oder was wir in der Branche sehen, kann ich das nicht bestätigen. Immer wenn Veränderung passiert, haben wir auch diesen Backlash: Es geht immer zwei Schritte vor, einen Schritt zurück. Das ist leider so. Das darf uns aber nicht davon abhalten, das Richtige zu tun und uns immer weiter dafür einzusetzen, dass wir die Dinge zum Positiven verändern. Dazu gehört in erster Linie, dass wir uns dieses Thema sexuelle Belästigung und Gewalt, das ja mit einem großen Tabu belegt ist, anschauen, Betroffenen helfen, sodass sie ihre Stimme wiederfinden. Außerdem, dass wir die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen zum Thema Prävention in die Pflicht nehmen. Viele verabschieden Verhaltenskodizes, die sind auch sehr wichtig, damit im Unternehmen klar ist, was erlaubt ist und was nicht. Aber damit sich wirklich in der Arbeitskultur der Unternehmen etwas verändert, muss im gesamten Betrieb dieses Thema auf den Tisch. Nur, wenn das wirklich thematisiert wird und seitens der Unternehmen glaubhafte Maßnahmen zur Prävention stattfinden - und das fängt bei der Schulung von Führungskräften an - dann erst kann sich etwas verändern. Weil wir wissen, dass gerade in hierarchischen Strukturen Veränderung nur von oben nach unten passiert.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

Barbara Rohm © picture alliance/Britta Pedersen/dpa Foto: Britta Pedersen

"Niemand weiß, welche Folgen das für ihn hat"

NDR Kultur - Journal -

#MeToo hat einiges bewegt. Barbara Rohm von der Vertrauensstelle "Themis" für Opfer von sexueller Gewalt sieht dennoch großen Handlungsbedarf - besonders in der Arbeitskultur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.10.2019 | 19:00 Uhr

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