Eine blonde Frau sitzt vor einem roten Auto auf dem Boden © Staatstheater Braunschweig/ Thomas M. Jauk Foto: Thomas M. Jauk

Digitale Bühne am Staatstheater Braunschweig zeigt "Rusalka"

Stand: 05.03.2021 00:01 Uhr

Die Premiere von "Rusalka" am Staatstheater Braunschweig wird als Stream auf der Digitalen Bühne gezeigt. Aufgezeichnet wurde der Film unter Live-Bedingungen.

Ein Mann neben einem roten Auto schaut auf eine blonde am Boden liegende Frau. © Staatstheater Braunschweig/ Thomas M. Jauk Foto: Thomas M. Jauk
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von Hans Stallmach

Stimmengewirr aus dem Orchestergraben, wie immer kurz vor der Aufführung. Als aber Dirigent Srba Dinić auftritt, gibt es dieses Mal keinen Applaus im Saal. Und als die ersten Töne der Ouvertüre erklingen, als sich langsam der Vorhang hebt, ist da kein Publikum im Saal, sondern nur ein kleines Team von Kameraleuten und Tontechnikern. 

Corona fordert seinen Preis: Lediglich 30 Musikerinnen und Musiker des Staatsorchesters Braunschweig sitzen im Orchestergraben. Die Bläser sind nur einfach besetzt. Zwischen ihnen stehen hohe Plexiglas-Wände. Alles ist anders, als bei einer normalen Premiere, sagt Dirigent Dinić, aber: "Wissen Sie: Irgendwann vergisst man das, irgendwann vergisst man, dass Mikros da sind, irgendwann vergisst man, dass die Kameras da sind. Die Energie ist da! - Und es ist ein sehr gutes Orchester, und jeder ist sich seiner Pflicht bewusst."

Düstere Einblicke in menschliche Abgründe

Eine blonde Frau mit weißem Kleid liegt im Mondlicht zwischen Schrottteilen auf der Bühne. © Staatstheater Braunschweig/ Thomas M. Jauk Foto: Thomas M. Jauk
Rusalka (Julie Adams) in einer düsteren Welt umgeben von Zivilisationsmüll.

Die Geschichte von der Wassernixe Rusalka und ihrer tragischen Liebe zu einem Menschen: Regisseur Dirk Schmieding hat das Märchen in eine trashigen Unterwasser-Welt, verlegt, in ein düsteres Ambiente voll von Zivilisationsmüll wie Plastikflaschen, Blechdosen, einer verrosteten Waschmaschine. Mittendrin zerzauste, zottelige Wasserwesen: keine niedlichen Nixen, eher kleine Monster.

Die Märchengestalten des Rusalka-Stoffes hätten für ihn schon immer etwas von Monsterwesen gehabt, sagt Regisseur Dirk Schmieding: "Es sind nach der Originalsage seelenlose Wasserwesen, die den Tod bringen, die selbst schon aus einer schwierigen Geschichte kommen - da liegt schon so viel Gefahr und Angst mit drin. Und es ist natürlich ein Stoff, der zur Zeit der Psychoanalyse seinen Weg auf die Bühne findet, und stark ins Psychologische, vor allem ins menschlich Abgründige zielt."

Phantasievolle, unkonventionelle Bilder

Rusalka ist in der Braunschweiger Inszenierung kein Opfer, sondern tritt selbstbewusst, mitunter aggressiv auf. Sie und die anderen Unterwasserwesen  dominieren das Geschehen, weisen die Welt der Menschen in die Schranken. All das wird in phantasievollen, unkonventionellen Bildern erzählt. Nur zu leicht vergisst man, dass auch diese Inszenierung unter Corona-Regeln stattfinden musste. 

Ein Mann neben einem roten Auto schaut auf eine blonde am Boden liegende Frau. © Staatstheater Braunschweig/ Thomas M. Jauk Foto: Thomas M. Jauk
Auf der Bühne muss der Abstand gewahrt werden, wie in dieser Szene zwische Rusalka (Julie Adams) und dem Prinzen (Kwonsoo Jeon).

"Normalerweise lebt eine intensive, emotionale Szene ja davon, dass man sich auch mal auf die Pelle rückt, dass man in den Nahkampf geht. Das darf jetzt alles nicht mehr stattfinden, da gibt es sechs Meter Abstand in Singrichtung, drei Meter zu den Seiten. Das sind die aktuellen Verordnungen. Und wenn man nicht singt, darf es immer noch keine Berührung und 1,5 Meter Abstand geben", erläutert Schmieding die aktuellen Herausforderungen. "Das Zusammenspiel von zwei Darstellern ist gerade empfindlich gestört; gerade müssen die Darsteller alles aus sich selbst heraus spielen. Sie müssen aber auch eine enorme Phantasie entwickeln, jeden Moment selbst zu tragen und selbst zu  füllen."

Chancen des Digitalen austesten

Der technische Aufwand, den das Staatstheater Braunschweig betreibt, ist immens. Für die Aufzeichnung wurde eine externe Firma beauftragt, die mit acht Kameras und großem Regie-Pult arbeitet. Intendantin Dagmar Schlingmann glaubt, dass diese Erfahrungen von Nutzen sein können: "Wenn Corona vorbei ist, haben wir die Zeit genutzt, um uns Kompetenzen zu erwerben, die wir durchaus weiter für unser Metier nutzen können. Da entsteht gerade unheimlich viel."

Das Staatstheater steigt also in die digitale Zukunft ein. Für das Rusalka-Team aber ist die virtuelle Opern-Premiere vor allem das Ende einer langer Durststrecke, sagt Sopranistin Milda Tubelyte: "Am meisten Spaß hat es gemacht, dass wir alle wieder zusammen arbeiten durften. Diese Erfahrung ist einfach Wahnsinn, vor allem nach der langen Zeit, in der wir nichts gemacht haben."

Die Premiere von "Rusalka" findet online statt, am 5. März 2021, um 19.30 Uhr im Stream auf der Digitalen Bühne des Staatstheaters Braunschweig. Dort gibt es auch eine Einführung in das Werk, sowie das Programmheft. Der Stream ist bis zum 4. April 2021, 22 Uhr verfügbar.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 04.03.2021 | 10:20 Uhr