Schauspielerin Verena Saake im Stück "Die weiße Krankheit" © Moritz Peters Foto: Moritz Peters

"Die weiße Krankheit": Theateraufzeichnung online erleben

Stand: 07.04.2021 17:03 Uhr

"Die weiße Krankheit" hätte Februar Premiere am Schlosstheater Celle gehabt. Wegen des Lockdowns wird die Inszenierung nun als Theateraufzeichnung angeboten. Ein Gespräch mit dem Intendanten Andreas Döring.

Schauspielerin Verena Saake im Stück "Die weiße Krankheit" © Moritz Peters Foto: Moritz Peters
Beitrag anhören 7 Min

Eigentlich sollte das Stück im Februar im Schlosstheater deutsche Uraufführung haben - aber dann fiel "Die weiße Krankheit" der weißen Krankheit zum Opfer. Erfüllt sich gerade, was das Stück thematisiert?

Andreas Döring: In gewisser Hinsicht ja. Denn der Schwerpunkt des Stücks ist die Frage: Wie steht es um die gesellschaftliche Teilhabe, wenn eine Pandemie über die Menschen hinwegrollt? Was passiert dann mit der Demokratie? In dem Sinne hat uns das auch überollt, weil wir uns auch als Teil der Gesellschaft verstehen und im Moment nicht teilnehmen können.

Im Stück kostet "die weiße Krankheit" nicht nur zahllose Menschenleben, sondern auch Demokratie und Frieden. Sie führt geradewegs in Totalitarismus. Das ist eine dramaturgische Übersteigerung, oder?

Döring: Das ist eine Übersteigerung. Das Originalstück kommt aus einer Diktatur - da ist der der große Unterschied zum Original. Uns hat bei der Beschäftigung mit dem Stoff die Fragilität der demokratischen Strukturen interessiert, was man in vielen Bereichen leider schon seit Jahren erlebt. Es ist kein Umstand, der an sich funktioniert, sondern der muss gelebt werden. Und wenn er auf die eine oder andere Seite zu kippen droht oder missbraucht wird, muss das auch korrigiert werden. Dass so etwas in einer solchen Stresssituation, wie einer Pandemie für eine Gesellschaft besonders schwierig ist, das fanden wir das Faszinierende an dem Ausgangsstoff. In dem Sinne haben wir das dystopisch zu Ende gedacht.

Sie konnten das Stück bislang so nicht auf die Bühne bringen, wie Sie es geplant hatten. Sie haben dann aus der Not eine Tugend gemacht und einen Theaterfilm daraus gemacht, der nun seit Mitte März online steht. Wie hat das funktioniert?

Döring: Das hat das Regieteam gemacht. Wir haben eine Filmfirma gebeten, die sich sehr gut mit Theateraufzeichnungen auskennt und die momentan sehr gefragt ist. Die Aufführung ist zweimal aufgezeichnet und ein paar Sachen sind nachgedreht worden. Hinterher musste das in der Nachbereitung zu einem Film gemacht werden.

Informationen zum Stück

"Die weiße Krankheit" stammt vom Tschechen Karel Čapek und wurde schon 1937 uraufgeführt. Das Stück wurde vom Intendanten des Schlosstheaters Celle Andreas Döring "überschrieben".

Auf den Seiten des Schlosstheaters Celle können Sie sich die professionelle Theateraufzeichnung der Inszenierung gegen Entrichtung einer "Pay-what-you-want-Spede" ansehen.

Sie sind selber von Hause aus Schauspieler, waren jahrelang Leiter des Jungen Theaters in Göttingen, sind jetzt Intendant des Schlosstheaters in Celle - also ein in der Wolle gefärbter Theatermann. Und jetzt können sie nur noch digital arbeiten. Wie fühlt sich das an?

Döring: Wenn man das so gefragt wird, fühlt sich das ganz schlecht an. Ich stelle mir diese Frage, so gut es geht, nicht. Wir beschäftigen uns viel mit Perspektiven: Wie kommen wir da wieder raus? Wie geht es weiter, wenn wieder geöffnet werden kann? Wir planen jetzt eine vor uns liegende Zeit draußen. Wir wollen mit einem Zirkuszelt neue Produktionen machen, auch mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeiten. Wir sind auf vielen Ebenen vorbereitet und warten auf eine Perspektive.

Ist dieses Digitale auch eine Perspektive?

Döring: Ich kann es mir persönlich schwer vorstellen. Allgemein kann ich es mir fürs Theater schon vorstellen. Ich glaube, da passieren gerade viele Dinge, die spannend sind. Ich habe mir da perspektivisch nicht so viele Gedanken darüber gemacht, weil ich glaube, dass das Theater als Live-Erlebnis zu den Menschen muss und dass die Menschen ins Theater kommen müssten. Damit will ich mich nicht gegen digitale Formate, vor allem, wenn sie interaktiv sind, aussprechen. Ich bin nur davon überzeugt, dass die Kernaufgabe des Theaters darin besteht, miteinander in einem Raum Dialog zu führen und Erlebnisse zu teilen, was in der Form auch nicht wiederholbar ist, also einmalig. Das ist für mich das Wesentliche vom Theater.

Das Gespräch führe Jürgen Deppe.

Weitere Informationen
Tänzer Sandra Bourdais und Maurus Gauthier eng umschlungen auf der Bühne © Staatsoper Hannover Foto: Ralf Mohr

Staatsoper Hannover: Marco Goecke inszeniert "Der Liebhaber"

Das erste abendfüllende Ballett von Ballettchef Marco Goecke kommt an der Staatsoper Hannover auf die Online-Bühne. mehr

Szene des Stücks "Oskar und die Dame in Rosa" am Schauspiel Hannover © Schauspiel Hannover Foto: Katrin Ribbe

Premiere auf der digitalen Bühne: "Oskar und die Dame in Rosa"

Das Schauspiel Hannover zeigt ein Stück nach einem Roman des französischen Schriftstellers Éric-Emmanuel Schmit. Jetzt online ansehen! mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.04.2021 | 18:00 Uhr