Stand: 16.04.2018 17:25 Uhr

Das Leiden der Kinder im KZ Bergen-Belsen

Im Februar oder März 1945 kam Anne Frank im KZ Bergen-Belsen nahe Celle ums Leben. Sie war mit seinerzeit 15 Jahren die heute bekannteste Minderjährige, die dorthin verschleppt worden war und starb. Doch sie war nicht die einzige. Den "Kindern im KZ Bergen-Belsen" widmet die dortige Gedenkstätte derzeit die erste umfassende Schau zu diesem Thema in Deutschland. Kuratiert hat sie die Historikerin Diana Gring.

Frau Gring, von wie vielen Kindern sprechen wir, im Laufe all der Jahre im KZ Bergen-Belsen?

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Diana Gring ist die Kuratrin der Ausstelung "Kinder im KZ Bergen-Belsen".

Diana Gring: In den zwei Jahren, in denen das KZ Bergen-Belsen existierte, von 1943 bis 1945, waren insgesamt 120.000 aus fast dem gesamten besetzen Europa hier inhaftiert, unter ihnen ungefähr 3.500 Kinder unter 14 Jahren. Das ist unser momentaner Forschungsstand. Die SS hat vor der Befreiung alle Lagerakten verbrannt, sodass es schwierig ist, sich auf genaue Zahlen festzulegen - aber das ist im Moment unser Forschungsstand.

Welche Rolle spielten diese Kinder im Lager, aber auch im Lageralltag?

Gring: Bergen-Belsen war, im Gegensatz zu einem Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka, ein Ort, an dem es möglich war, dass Kinder auch überlebten. Normalerweise waren Kinder im NS-Verfolgungsprozess ja sofort der Vernichtung ausgesetzt; sie wurden sofort nach der Ankunft in einem Lager selektiert und ermordet. In Bergen-Belsen war es aufgrund seiner spezifischen Geschichte, die es auch als Austauschlager hatte, dass man Geiseln hier gehalten hat, die die SS noch austauschen wollte, möglich, dass Kinder hier unter bestimmten Bedingungen durchaus überleben konnten. Die Kinder waren natürlich, je nach ihrem Alter, die wehrlosesten und schwächsten Opfer, haben aber gleichzeitig eine bestimmte Rolle übernommen, indem sie zum Beispiel angefangen haben, ihre erkrankten Eltern zu pflegen. Wenn die Eltern gestorben sind, haben sie sich teilweise um jüngere Geschwister gekümmert. Sie waren diejenigen, die noch irgendwie versucht haben, etwas zu essen zu beschaffen. Insofern sollte man Kinder ab einem bestimmten Alter nicht nur als wehrlose Opfer in dieser Lagergesellschaft verstehen, sondern auch als aktive Akteure.

Auf einem schwarz weiß Foto geht ein Junge einen Weg entlang vo an den Seiten Leichen liegen.

Das Leid der Kinder im KZ Bergen-Belsen

Hallo Niedersachsen -

3.500 Kinder mussten die Hölle im KZ Bergen-Belsen durchstehen. Einer von ihnen ist der heute 81-jährige Ivan Lefkovits. Eine Sonderausstellung erzählt auch seine Geschichte.

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Einige Kinder waren unbegleitet - also ohne Eltern oder andere Angehörige. Wie ging das?

Gring: Es sind teilweise Kinder hierhergekommen, die in Auschwitz bei der Selektion ein falsches Alter angegeben hatten, weil man ihnen gesagt hatte: Sagt, dass ihr älter seid! Auf diese Art und Weise sind sie mit älteren erwachsenen Häftlingen unbegleitet nach Bergen-Belsen gekommen. Es gab auch andere Gruppen von Kindern, die speziell als Kindertransporte nach Bergen-Belsen geschickt worden sind. Es gab beispielsweise einen Transport aus Westerbork mit 50 Waisenkindern, bei denen man sich nicht ganz sicher war, was sie für eine Identität hatten. Diese Gruppe wurde "unbekannte Kinder" genannt, da die SS zunächst die Identität überprüfen wollte. Solange schickte man sie nach Bergen-Belsen.

Sie haben für das ganze Forschungsprojekt mit der Methode der Oral History gearbeitet. Das heißt, sie haben Zeitzeugen erzählen lassen und diese Schilderungen aufgezeichnet. Was berichten sie heute?

Gring: Das kommt darauf an, wie alt sie damals waren. Wir haben ungefähr 120 Interviews mit Überlebenden der Jahrgänge 1930 bis 1945 geführt. Natürlich kann ein Mensch, der damals nur drei, vier Jahre alt war, uns nicht etwas über das Lagerleben erzählen. Aber die älteren Kinder, die damals zehn, elf, zwölf Jahre alt waren, die haben sehr viele, sehr lebendige Erinnerungen, weil sie hier aufgewachsen sind. Sie haben hier sehr viel Traumatisches erlebt, und diese Erlebnisse, dass zum Beispiel Eltern gestorben sind, dass sie schwer an Hunger leiden mussten, dass sie Gewalt erlebt haben - das sind Traumatisierungen, die sich ganz tief in ihr Bewusstsein eingegraben haben und die sie auch heute noch, so viele Jahre später, im Detail berichten können.

Können Sie beschreiben, wie sich das auf das spätere Leben ausgewirkt hat?

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Gring: So unterschiedlich, wie die Menschen sind, so unterschiedlich ist auch der Umgang mit dieser Kindheitserfahrung. Das hing davon ab, wie es danach mit ihnen weiterging. Manche waren Waisen, manche haben ihre Eltern wiedergefunden oder sind mit ein, zwei Familienangehörigen zusammen befreit worden. Manche konnten wieder in so etwas wie Heimat zurückkehren, andere standen vor dem absoluten Nichts. Das, was alle vereint, ist, dass sie in den letzten Jahrzehnten nicht darüber gesprochen haben und erst vor einigen Jahren angefangen haben, sich damit auseinanderzusetzen, dass sie selbst auch Zeugen sind, dass sie selbst Überlebende sind und dass ihre Erinnerungsperspektive als Kinder eine wichtige ist.

Dazu passt, dass es in der Ankündigung dieser Ausstellung heißt, es sei deutschlandweit die erste umfassende Schau, die sich Kindern im KZ widmet. Das ist fast schwer vorstellbar - warum ist das so?

Gring: Das hat damit zu tun, dass wir dies seit mehreren Jahren zu einem Sammlungsschwerpunkt gemacht und diesen großen Schatz von lebensgeschichtlichen Interviews mit Kinderüberlebenden gesammelt haben. Bei anderen Gedenkstätten ist es häufig so, dass die Kinder entweder keine so große Rolle spielten oder nicht in dieser hohen Zahl vorhanden waren wie aufgrund der spezifischen Geschichte hier in Bergen-Belsen. Kinder hinterlassen nicht viele Quellen und sie schreiben keine großen Tagebücher, sodass wir in dieser jahrelangen, mühsamen Arbeit der Sammlung und der Forschung auf Exponate, auf Fotos, auf Zeichnungen zurückgegriffen haben, die wir jetzt erst zeigen und präsentieren können.

Ihre Schau ist betont nüchtern, ganz objektiv, wissenschaftlich, unemotional. Aber sind nicht gerade Kinder gute Vermittler, damit man Menschen bewegen und heutigen Kindern und Jugendlichen das schier Unfassbare irgendwie fassbar machen kann?

Gring: Ich denke, dass diese Ausstellung das kann. Uns haben die ersten Besucher bestätigt, dass es uns gelungen ist, auf diesem Grat zu wandern. Dass wir auf der einen Seite etwas nüchtern darstellen wollen und nicht ein sehr emotionales noch überemotionalisieren, wir es auf der anderen Seite aber trotzdem hinbekommen, zum Beispiel durch Farbigkeit der Ausstellung, durch die Benutzung von bestimmten Elementen und einer Gestaltungsform, dieses Thema Kind zu transportieren. Wir arbeiten auch sehr viel mit Porträts von Menschen, sowohl mit den Kindern, die damals hier gestorben sind, als auch mit Menschen, die das überlebt haben. Allein diese Porträts sind sehr eindrucksvoll, die Farbigkeit, die verschiedenen Exponate, die manchmal Alltagsgegenstände sind: ein paar Kinderhandschuhe oder eine Lumpenpuppe. All das führt dazu, dass es eine Ausstellung geworden ist, wo die Menschen beides miteinander verknüpfen können: das historische Wissen, was wir vermitteln wollen - aber auch die Erfahrung des einzelnen Menschen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.04.2018 | 19:00 Uhr

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