Frau mit Laptop kommuniziert per Headset mit Kollegen © picture alliance / Jochen Tack Foto: Jochen Tack

"Deutschland spricht": Politische Debatten mit Andersdenkenden

Stand: 11.05.2021 17:31 Uhr

Zusammen mit seinem Mediennetzwerk bittet "ZEIT Online" wieder zum politischen Tête-à-Tête: "Datingplattform für politischen Streit" - so lautet der augenzwinkernde Untertitel des Dialogformats "Deutschland spricht". Ein Gespräch mit der Projektverantwortlichen Hanna Israel.

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Frau Israel, warum diese Initiative? Wird nicht auch so schon genug über Politik gestritten?

Hanna Israel: Genug über Politik gestritten wird sicherlich, aber häufig mit Gleichgesinnten und viel zu wenig mit politisch Andersdenkenden. Und da wollen wir einen Gegenpol setzen und es Menschen ermöglichen, die eigene Filterblase zu verlassen, mal mit Menschen zu sprechen, die aus vielleicht biografischen Erfahrungen eine ganz andere Perspektive auf ein Thema haben, um damit Diversität und Kontroverse sichtbar zu machen.

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Zwei Frauen reden bei einem Kaffee. © dpa picture-alliance

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Israel: Das, was wir häufig auf sozialen Medien oder in der politischen Berichterstattung sehen, ist ein sehr extremes Bild von dem, was stattfindet. Ich glaube, im Privaten sieht es häufig nicht ganz so kontrovers aus. Aber der Trend geht doch dahin, dass wir aufgrund des Wegfalls von immer mehr physischen Orten nicht mehr so viele Leute treffen, die anders denken. Debatten werden immer hitziger, immer vehementer ausgetragen, es geht da nicht nur um die Meinung, sondern gar um eine politische Identität, die ich unbedingt vertreten und verteidigen möchte. Wir denken, dass wir mit "Deutschland spricht" dem etwas entgegensetzen können und Menschen wieder miteinander verbinden.

Wie funktioniert die Aktion, wie finden sich die Sparringspartner?

Israel: Wir rufen in diesem Jahr gemeinsam mit fünf Medienpartnern zu "Deutschland spricht" auf: Wir integrieren Fragen in unseren Online-Artikeln. Wenn also eine Leserin oder ein Leser durch einen Artikel scrollt, kommt er an einer Stelle auf eine politische, polarisierende Frage, zum Beispiel: "Ist es richtig, dass Geimpfte ihre Grundrechte früher zurückbekommen?" Sie können diese Frage entweder mit "ja" oder "nein" beantworten und werden dann zu einem längeren Fragebogen weitergeleitet, der insgesamt acht Fragen umfasst. Wenn Sie all diese Fragen beantwortet haben, können Sie sich anmelden und bestätigen, dass Sie bei "Deutschland spricht" teilnehmen wollen und wir stellen Ihnen einen politisch Andersdenkenden vor. Wir haben eine Software entwickelt, die Menschen anhand politischer Unterschiede zusammenbringt. Ideal ist es also so: Wenn eine Person alle Fragen mit "ja" beantwortet hat, wird sie mit einer Person gematcht, die alle Fragen mit "nein" beantwortet hat. Dann werden diese per E-Mail einander vorgestellt und können sich persönlich auf einer von ihnen präferierten Videoplattform treffen und das Gespräch miteinander führen.

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Israel: Das Ganze findet im privaten Rahmen statt. Die Gespräche sind privat und sollen es auch bleiben, denn wir glauben, dass das auch ein Stück weit den Erfolg des Ganzen darstellt. Im Gegensatz zu sozialen Medien, wo ich immer auch den Erwartungen entsprechen muss. So kann ich mich in einem geschützten Raum mit einem politisch Andersdenkenden austauschen und muss nicht bestimmten Diskursen, Debatten oder Meinungen gerecht werden. Es ist aber so, dass wir als Medienpartner ausgewählte Paare kontaktieren, wenn wir finden, dass die besonders spannend sind und sie dann fragen, ob wir über dieses Gespräch berichten dürfen.

In den vergangenen Jahren war es immer so, dass an einem bestimmten Tag diskutiert wurde. In diesem Jahr ist alles ein bisschen anders, und das Ganze wird gestreut, richtig?

Israel: Genau. Wir haben in diesem Jahr das System noch mal völlig verändert. Es ist so, dass unsere Teilnehmenden jetzt die Chance haben, so oft sie wollen mit unterschiedlichen Menschen ein kontroverses Gespräch zu führen. Wir können durch kontinuierliches Matching Menschen häufiger zusammenbringen. Wenn man schon ein Gespräch geführt hat, kann man per E-Mail angeben, ob man ein weiteres führen will, und dann werden einem immer neue Gesprächspartner vorgestellt. Das ist revolutionär, weil wir damit einen kontinuierlichen Gesprächsprozess ermöglichen und Menschen die Möglichkeit geben, sich immer wieder mit anderen Menschen auszutauschen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.05.2021 | 18:00 Uhr