Stand: 13.10.2017 13:13 Uhr

Daniel Hope: Mit Musik ein Zeichen setzen

Er gilt als einer der besten Geiger der Welt: Daniel Hope wurde in Durban, Südafrika geboren, wuchs in Paris und London auf, ging schon als Kind bei Stargeiger Jehudi Menuhin ein und aus. Er ist als Solist auf allen großen Bühnen und Musikfestivals zu Hause, lebt inzwischen in Berlin und engagiert sich nun auch in Dresden: Daniel Hope wird neuer Künstlerischer Leiter der Dresdner Frauenkirche. Im Gespräch erzählt er, wie es dazu kommt und was er mit seiner Musik in Dresden bewirken möchte.

Herr Hope, Sie kennen die Frauenkirche aus vielen Konzerten. Was reizt sie besonders daran, nun Artistic Director dieses Hauses zu werden?

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Der britische Stargeiger Daniel Hope hat sich auch als Autor und musikalischer Aktivist mit besonderen Projekten einen Namen gemacht.

Daniel Hope: Für mich ist die Frauenkirche wirklich einmalig in ihrer Form, sowohl als Gotteshaus, aber auch als Symbol für Frieden, Versöhnung und Toleranz. Und wenn man dieses Gotteshaus mit Musik füllen kann, dann ist das eine große Herausforderung und eine große Chance.

Dresden ist eine unheimliche Musikstadt. Alleine, wenn man sich die Geschichte von Sachsen anschaut, die Dresdner Hofkapelle und alles, was über die Jahrhunderte dort passiert ist. Und jetzt, die großen Institutionen, die Semperoper, der neue Kulturpalast, die Dresdner Musikfestspiele - da ist sehr viel Musik in Dresden. Und trotzdem hat man einen Ort, der ganz anders ist, der einen ganz anderen Ursprung hat, eine bewegte Geschichte. Ich bin jemand, der besessen ist von Musik - aber auch von Geschichte. Und wenn man diese beiden Punkte verbinden kann, ist das eine große Freude, eine große Chance für mich.

Dazu muss man sagen, dass es noch nie einen künstlerischen Leiter in der Dresdner Frauenkirche gab; das ist eine neue Position. Ich darf ab 2019 für fünf Jahre die Musik dort mitgestalten. Dort habe ich die Möglichkeit, Partner, Solisten, Klangkörper aus der Welt nach Dresden einzuladen, aber auch Nachwuchskünstler aus Sachsen, aus Deutschland einzuladen. Ich kann mich da im wahrsten Sinne des Wortes musikalisch austoben. Und das ist etwas, was ich besonders genieße.

Die seit 2005 wieder aufgebaute Frauenkirche steht in Dresden als zentrales Mahnmal vor allem in jüngster Zeit wieder besonders im Fokus. Die Anhänger von AfD und Pegida demonstrieren gern vor der Frauenkirche, im Hause selber aber geht es um das Miteinander, um Versöhnung und Frieden. Wie nehmen Sie die Situation in Dresden wahr?

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"My Tribute to Yehudi Menuhin" ist ein buntes Album mit ein paar von Daniel Hopes vielgespielten Evergreens, das aber einen vielseitigen Musiker mit vielen klanglichen Facetten zeigt. mehr

Hope: Der Ausgang der Bundestagswahl hat das deutlich gezeigt - und das ist nicht nur eine deutsche Perspektive, sondern eine weltweite. Im Moment findet in der ganzen Welt eine Art Entfremdung zwischen den Bürgern und den Politikern statt. Wir werden nun vor die Frage gestellt: Was ist jetzt, was passiert jetzt, was wird aus Politik, wie reagieren die Menschen? Ich bin natürlich besorgt über jeden Ruck nach rechts, vor allem weil die Folgen Spuren in meiner eigenen Familiengeschichte hinterlassen haben. Ich bin jemand, der sehr an Geschichte festhält, der versucht, die Erinnerungskultur immer in den Mittelpunkt zu rücken. Ich habe Filme über Theresienstadt gemacht, ich habe Konzerte für und über Überlebende gemacht - aber ich bin auch jemand, der nach vorne schaut und der absolut für Dialog ist. Musik kann nicht die Welt verändern, aber sie hat trotzdem eine ungeheure Macht. Das merkt man an Musiktherapien, wie Musik es schafft, Menschen zu erreichen, von Autismus bis hin zu Alzheimer. Musik sollte man nicht unterschätzen. Nur wenn man wirklich zuhört, hat man die Chance, dass ein Dialog daraus entstehen kann. Ich glaube, das ist unserer einzige Hoffnung. Von daher sehe ich das als Herausforderung, aber auch als Chance, mit Musik ein Zeichen zu setzen.

Ihre Großeltern mussten als Juden aus Berlin fliehen, ihre Eltern flohen mit ihnen aus dem Apartheid-Staat Südafrika. Sie kennen also einerseits die Entwurzelung, die Flüchtende heute auf sich nehmen - können Sie aber andererseits auch die Sehnsucht nach "Heimat" derjenigen verstehen, die sich, um das schlimme Wort mal zu zitieren, "überfremdet" fühlen, vor allem im Osten Deutschlands?

Hope: Ich glaube, wenn eine Million Menschen von einer Partei abwandern, muss man sich ernsthaft Fragen stellen, warum das so ist. Ich bin dagegen, Menschen zu pauschalisieren - wir wissen, wozu das führt. Deshalb muss man die Sorgen der Menschen ernst nehmen und versuchen, mit ihnen in Dialog zu treten. Wenn man mit Rassismus, Intoleranz und Hass konfrontiert wird, wird das Reden und Musik Machen nicht viel helfen. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass das der Ausgangspunkt ist, es zu versuchen. Und diese Millionen von Menschen in einen Topf zu werfen, ist ein Fehler.

Wissen Sie schon, wie Sie das Musikprogramm der Frauenkirche in den nächsten fünf Jahren gestalten wollen?

Hope: Ich habe viele Ideen, aber ich darf erst jetzt, ab diesem Moment loslegen. Ich habe mit meinem Team in den letzten Wochen, als klar war, dass wir das machen, Gespräche geführt. Aber ansonsten wollte ich das respektieren. 2019 klingt weit weg, aber für unsere Verhältnisse ist es übermorgen, und wir müssen in sieben Monaten das gesamte Kalenderjahr 2019 stehen haben. Es wird sehr viel Musik geben - das ist meine Aufgabe und gleichzeitig eine Freude.

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Wie Daniel Hope zum Geigespielen kam

Der Geiger Daniel Hope wird auf den wichtigsten Bühnen der Welt als Solist und Kammermusiker gefeiert. Die Doku "Daniel Hope - Der Klang des Lebens" erzählt von seinem Werdegang. mehr

Am 19. Oktober kommt ein Dokumentarfilm über Sie in die Kinos: "Der Klang des Lebens" zeigt, dass Ihre Karriere ihnen nicht spielend leicht in den Schoß gefallen ist, aber zugleich auch, mit welcher Freude Sie von Auftritt zu Auftritt fliegen. Wie schaffen Sie es eigentlich, Ihre Konzerte, ihr Engagement und nun auch noch die Künstlerische Leitung der Frauenkirche unter einen Hut zu bringen?

Hope: Ich schaffe das mit einer unglaublichen Familie, die mich unterstützt, auf eine so fantastische Art und Weise. Auch durch ein Team, das immer größer wird. Mittlerweile ist es eine richtige Mannschaft von Menschen, die mir hilft, mit denen ich gerne arbeite. Ich bin ein Teamplayer; ich kann das alles nicht alleine machen, sondern ich bin sehr auf Hilfe und Unterstützung angewiesen. Da gibt es einen extrem wichtigen Planungsmechanismus, ohne den ich das gar nicht schaffen würde.

Was das Geigenspiel angeht - was nach wie vor das Wichtigste in meinem Leben ist -, muss der Tag damit anfangen. Das Üben muss immer früh morgens sein. Ohne das schaffst du es nicht. Bei meinen Hobby-Aufgaben, ob Moderieren oder Schreiben - da kann ich mir den einen oder anderen Fehler erlauben, weil das nicht wirklich mein Beruf ist. Aber bei der Musik kann ich mir das nicht erlauben, da muss ich das erfüllen.

Das Interview führte Natascha Freundel.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.10.2017 | 19:00 Uhr

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