Stand: 23.05.2020 12:48 Uhr  - NDR Kultur

Corona: Orchester spielen wieder erste Konzerte

von Marcus Stäbler
Nur wenige Musiker passen auf die Bühne, wenn die Abstandsregel eingehalten wird. Die Berliner Philharmoniker treten für ihre Livestreams ohne Zuschauer und nur mit begrenztem Personal auf.

Das Musikleben erwacht allmählich aus seinem Stillstand. Erste Konzerte finden bereits wieder statt, meist per Livestream und ohne Besucher. Auch einige der professionellen Chöre und Orchester nehmen ihren Probenbetrieb wieder auf. Dafür gelten aber strikte Vorsichtsmaßnahmen. In den vergangenen Wochen haben sich die medizinischen Vorgaben für das Zusammenspiel stark verändert.

Zwölf Meter Abstand für Bläser in Blasrichtung, eineinhalb Meter Abstand für Streicher und insgesamt 20 Quadratmeter Freiraum pro Person: Die ersten Vorschriften, die es für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs von Orchestern gab, waren in der Realität nur schwer umsetzbar. Das Theater für Niedersachsen in Hildesheim hat Anfang Mai einmal demonstriert, wie so etwas aussehen würde: Der Dirigent, mit weißem Mundschutz, ganz allein auf der Bühne. Kontrabässe und Celli sitzen hinter der letzten Zuschauerreihe, weit entfernt von ihm. Die hohen Streicher und die Bläser stehen im ersten und zweiten Rang. Für Zuschauer ist überhaupt kein Platz.

Neue Vorgaben ermöglichen Orchestern erste Livestream-Konzerte

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Kirill Petrenko dirigierte das Orchester am 1. Mai. Zum 138. Geburstag der Berliner Philharmoniker wurde das Konzert kostenlos im Livestream übertragen.

Auf Initiative der sieben großen Berliner Orchester hat die Berliner Charité mit ihren Epidemologen und Hygieneexperten am 7. Mai eine Stellungnahme zum Spielbetrieb von Orchestern während der Corona-Epidemie veröffentlicht. Sie empfiehlt neben den allgemein bekannten Schutzmaßnahmen wie Händehygiene und Hustenetikette auch Abstandsregeln, die sich besser umsetzen lassen, als die vorher geltenden.

Diese Empfehlungen bilden für die Berufsgenossenschaft und die Orchester wichtige Anhaltspunkte für einen vorsichtigen Neustart. Das NDR Elbphilharmonie Orchester probt derzeit mit zwei Metern Abstand für Streicher und drei, statt den ursprünglichen zwölf Metern, für Bläser. Die Berliner Philharmoniker proben mit 1,5 Metern bei den Streichern und zwei Metern bei den Bläsern. Für die Musiker ist das immer noch eine ungewohnt große Entfernung. Damit lasse sich jetzt aber zumindest arbeiten, meint Alexander Bader, Klarinettist und Orchestervorstand bei den Berliner Philharmonikern: "Das würde bei uns bedeuten, dass man, je nachdem wie viele Bläser beteiligt sind, zwischen 30 und 37 Personen auf die Bühne bekommt".

Berliner Philharmoniker spielen Debussy und Hindemith

Die Berliner Philharmoniker haben bereits per Live-Stream einige Kammermusik-Formate übertragen. Am 1. Mai gab es ein ersteres größeres Konzert. Am 23. Mai stehen erstmals wieder 20 Personen auf der Bühne stehen. "Es wird 'Verklärte Nacht' mit chorischen Streichern zu hören sein", sagt Alexander Bader. Dazu werde Kirill Petrenko Kammermusik Nummer eins von Paul Hindemith und die Kammerfassung von L’après-midi von Claude Debussy dirigieren. Das Konzert wird ab 19 Uhr im Livestream in der Digital Concert Hall der Philharmoniker übertragen. Für den Livestream müssen Tickets erworben werden.

Corona: Spagat zwischen Möglichem und Vertretbaren

Die einzelnen Mitglieder der Berliner Philharmoniker dürfen dabei selbst entscheiden, ob sie in dieser Phase der Corona-Pandemie schon auf die Bühne wollen oder nicht. "Bei uns wird gelost, wer spielen darf, weil alle spielen wollen und bei so wenigen Teilnehmern auch nur wenige zum Zuge kommen können", sagt Bader.

Mit solchen kleineren Besetzungen kehrt das Orchester allmählich wieder in den Konzertbetrieb zurück, zunächst noch ohne Publikum im Saal. Es ist ein vorsichtiges Herantasten unter ungewöhnlichen Bedingungen: "Man geht diesen Spagat zwischen dem, was theoretisch möglich und dem, was moralisch vertretbar ist", sagt Bader.

Igor Levit spielt mit NDR Radiophilharmonie

Zum 70-jährigen Jubiläum überträgt das NDR Fernsehen ein Konzert der NDR Radiophilharmonie am Sonnabend, 23. Mai ab 23.30 Uhr. Igor Levit spielt das Mozart Klavierkonzert A-Dur KV 414, gemeinsam mit Musikern der NDR Radiophilharmonie, dirigiert von Andrew Manze. In Zeiten von Corona und den entsprechenden Regelungen ohne Publikum und in kleiner Besetzung, die mit Abstand platziert ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.05.2020 | 07:20 Uhr

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