Stand: 21.03.2020 11:05 Uhr  - NDR Kultur

Corona: Menschen, Grenzen und Gebote

Die Krise ist virulent, Corona prägt den Alltag, auch weil Grenzen erfahrbar werden. Kultur und Konzerte, Gottesdienste werden abgesagt und verboten, kirchliche Einrichtungen geschlossen, Feste verschoben. Und plötzlich prägt der Verzicht die Fastenzeit auf eine religiöse und zugleich säkulare Weise. Unterbrechung - in diesem Zusammenhang hat der Theologe und Philosoph Sören Kierkegaard einmal eine wichtige Definition geliefert. Und der Theologe Johann Baptist Metz hat diese dann im 20. Jahrhundert wieder aufgegriffen: Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung. Ein Gespräch mit dem Theologen Gotthard Fuchs.

Das komplette Gespräch
19:58
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Menschen, Grenzen und Gebote

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Corona prägt unseren Alltag. Unser durchgetaktetes Leben ist aus dem Rhythmus geraten. Alles einfach nur verrückt oder zeigt die Corona-Krise auch, wie es anders ginge? Audio (19:58 min)

Herr Fuchs, wie deuten Sie diese Unterbrechung und welche religiösen Resonanzen werden erfahrbar?

Fuchs: Es ist zunächst deutlich, dass Religion nicht eine Sonderwelt ist, die man hat oder nicht hat. In der Religion geht es um existenzielle Fragen, die jeden Menschen betreffen. Es geht darum: Was ist im eigenen Leben eigentlich das Letzte? Und was ist das Vorletzte? Was kann ich lassen? Und wo geht es - ganz zugespitzt - um Leben und Tod? Wir Menschen, ob religiös oder nicht, müssen jetzt zu uns selbst ein Verhältnis gewinnen. Wir müssen zu unserer Begrenztheit, zu unseren Möglichkeiten, aber auch zu den Widrigkeiten eine Beziehung entwickeln - so oder so. Und Religion ist etwas, was uns unbedingt angeht, wo es wirklich um das Letzte geht. Ob wir das dann Gott nennen, das ist vielleicht schon viel zu steil gefragt. Aber es könnte hilfreich sein, Abschied zu nehmen von einer allzu simplen Trennung: säkular und religiös. Denn es geht um etwas, was beiden gemeinsam ist, und das ist die Frage: Wie werden wir und wie bleiben wir Mensch, wie werden wir Mitmenschen, wie werden wir Mitgeschöpf? Das ist das eine.

Und das andere ist Solidarität. Ich finde es wahnsinnig aufregend - nicht nur, wie die Wissenschaft alles Mögliche tut, um dieses Corona-Virus zu entschlüsseln, sondern wie viel Hilfsbereitschaft, ähnlich wie in der Flüchtlingskrise, wie viel selbstverständliche Solidarität jetzt vielerorts aufbricht. Auf einmal wird Kreativität freigesetzt, die vorher wie blockiert war, weil jeder in so einem Hamsterrad rotierte und kaum den Nachbarn, geschweige denn die Gesamtgesellschaft und das Gemeinwohl im Auge hatte. Jetzt müssen wir auf einmal ein bisschen sozialer und solidarischer denken - auch über den privaten und nationalen Raum hinaus, weil es eine Weltgeschichte ist.

Für Menschen, die im Berufsleben stehen oder damit beschäftigt sind, unter diesen Voraussetzungen den Alltag in einer Familie zu organisieren, mag eine radikale Unterbrechung durchaus reizvoll sein. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Menschen, die ohnehin schon allein und einsam sind, deren soziale Kontakte nun noch mehr eingeschränkt werden als vor der Krise. Das empfinden einsame Menschen vielleicht weniger als eine Chance.

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Fuchs: Absolut. Man muss sehr genau schauen, in welchem Zusammenhang ein Mensch steht. Zur Solidarität in dieser Zeit gehört auch, dass wir auf jeden, der ohnehin schon einsam ist oder mit seinem Leben hadert, zugehen und sehen, wo jemand Gefahr läuft zu vereinsamen oder mutlos zu werden. Da müssen wir helfen.

Ich möchte auf keinen Fall so verstanden werden, als wäre das In-sich-Gehen in jedem Fall die richtige Lösung. Diese Empfehlung ist mehr an die Hektiker gerichtet, die im Betrieb unterzugehen drohen. Die anderen, die ohnehin schon unter einer Isolierung leiden, und das sind nicht wenige, tun uns im Blick auf das Gemeinwohl vielleicht auch einen Dienst, dass sie nun gesellschaftlich stärker in den Mittelpunkt rücken. Und dass wir merken, wie sehr wir auch für diejenigen da sind, die nicht im üblichen Sinne produktiv sind und funktionieren, weil sie alt oder krank sind. Es kommt neu zur Geltung, dass Leben auch bedeutet, endlich zu leben. Diese Utopie, dass wir uns alle Gefahren vom Leibe halten können, dass es Krankheit oder den Tod nicht geben müsste, wird durch die Tatsache eines Virus ganz einfach widerlegt.

Wir werden ganz neu mit der Grundfrage zum Menschsein konfrontiert: Wie gehen wir nicht nur mit dem Leben um, wenn es läuft, sondern wenn es blockiert ist? Und wie gehen wir mit dem Tod um? Erst wenn wir das wieder mit ins Boot kriegen, können wir auch verantwortlich miteinander umgehen. Denn sonst machen sich Egoismen breit.

Die Gefahr im positiven Sinn ist, dass wir neu entdecken, was Menschsein wirklich bedeutet. Dass wir davon profitieren, wenn wir füreinander da sind und uns dadurch nicht gefährden, sondern dass Liebe und Solidarität die Würde des Menschen ausmachen und nicht der Tanz um das Goldene Kalb, das Ego.

Wird denn diese Krise auch die Kirchen und die Religion hierzulande verändern? Auf der einen Seite könnte man ja vermuten, es entsteht jetzt durchaus etwas, was auch in der biblischen Tradition schon angelegt ist, nämlich eine zunehmend ortlose Religion. Sehen Sie da eben auch eine Veränderung?

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Fuchs: Es ist in der Tat ein Zufall, dass diese Corona-Geschichte gerade in die Fastenzeit hineinplatzt. Dass jetzt die Kirchenräume geschlossen werden müssen, finde ich gar nicht so tragisch. Natürlich ist es auch einschneidend. Aber es kann uns daran erinnern, dass der eigentliche Kirchenraum niemals die gebaute Kirche ist oder das Pfarrzentrum, sondern ich selbst und du und wir. In der Bibel bei Paulus steht zum Beispiel: "Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?" Der wirkliche Gottesdienst findet ja gar nicht nur in den Kirchen statt, sondern im Leben, dort, wo wir gottgemäß verantwortungsvoll, liebevoll, solidarisch mit uns selbst und mit anderen umgehen. Dass die Kirchen jetzt auch mal in ihrem Betrieb unterbrochen werden, finde ich eher positiv, weil wir dann auch auf dieser Ebene genötigt werden, uns um die "Essentials" zu kümmern. Und das sind nicht Kirchenangelegenheiten, sondern das ist das Geheimnis Gottes, der uns im Alltag lockt und anruft, dass wir endlich seine Partner werden und dass wir mithelfen, seine Schöpfung zu bewahren und nicht kaputtzumachen.

Das Gespräch führte Florian Breitmeier

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Religiöse Resonanzen auf die Corona-Krise - das Manuskript zur Sendung. Download (103 KB)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Glaubenssachen | 22.03.2020 | 08:30 Uhr

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