Stand: 27.03.2020 17:32 Uhr  - NDR Kultur

Corona-Krise: Ethikrat gibt Empfehlung heraus

"Die gegenwärtige Pandemie fordert unsere Gesellschaft in beispielloser Form heraus und führt zu schwerwiegenden ethischen Konflikten." Mit diesem Satz beginnt eine Empfehlung des Deutschen Ethikrats zur Corona-Krise. "Der Deutsche Ethikrat befürwortet die aktuell zur Eindämmung der Infektionen ergriffenen Maßnahmen, auch wenn sie allen Menschen in diesem Land große Opfer abverlangen", heißt es darin weiter. Ein Gespräch mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats Claudia Wiesemann über die Ad-hoc-Empfehlung.

Frau Wiesemann, was ist derzeit die größte ethische Herausforderung, die wir zu bewältigen haben?

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Claudia Wiesemann ist Professorin für Medizinethik und Medizingeschichte an der Universität Göttingen sowie stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

Claudia Wiesemann: Das sind im Augenblick die Probleme des Gesundheitswesens. Wir müssen die Ärztinnen und Ärzte und die Pflegekräfte vor einer kolossalen Überforderung schützen - dafür machen wir alle diese Anstrengungen.

Wie sieht diese Überforderung konkret aus?

Wiesemann: In Deutschland ist im Augenblick noch keine Situation gegeben, in der über das Leben von Patienten entschieden werden müsste - etwa weil nicht genügend Beatmungsplätze vorhanden sind. Das wollen wir alle mit unseren solidarischen Maßnahmen verhindern. Diese Maßnahmen dienen dazu, diese Krankheit so gut wie möglich zu behandeln und möglichst viele Menschenleben dabei zu retten.

Die Empfehlungen klingen sehr nachvollziehbar, aber sie können auch als zwingende Maßnahmen gelesen werden. Da steht zum Beispiel: weiteres Aufstocken und Stabilisieren der Kapazitäten des Gesundheitssystems, Abbau bürokratischer Hürden und bessere Vernetzung im Gesundheitssystem und mit anderen relevanten Gesellschaftsbereichen, weiterer Ausbau von Testkapazitäten. Braucht es seitens des Ethikrats eine solche Auflistung? Wie bringt sie uns in der aktuellen Lage weiter?

Kommentar

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Wiesemann: Da haben Sie natürlich Recht. Das sind Forderungen, die schon zu einem großen Teil umgesetzt werden. Wir wollten als Ethikrat noch einmal unterstreichen, wie wichtig diese Maßnahmen sind, und dass man darin nicht nachlassen soll. Aber der Text hat auch eine andere Zielrichtung: Trotz alledem müssen wir uns bewusst sein, dass mit den aktuellen Maßnahmen sehr stark in unser aller Leben und in unsere Grundrechte eingegriffen wird. Dieser Grundrechtseingriff muss immer wieder überprüft werden. Das schien uns ein wichtiges Anliegen, und ich glaube, das ist auch der Politik ein wichtiges Anliegen. Die Politik hat hier eine ganz wesentliche Aufgabe - und wir wollten die Politikerinnen und Politiker in dieser Einschätzung unterstützen.

Im Schreiben des Ethikrats steht: "Freiheitsbeschränkungen müssen kontinuierlich mit Blick auf die vielfältigen sozialen und ökonomischen Folgelasten geprüft und möglichst bald schrittweise gelockert werden." Bundeskanzlerin Merkel sagt, es sei noch zu früh, um über Lockerungen nachzudenken. Was wären denn Kriterien, die eine Lockerung rechtfertigen würden?

Wiesemann: Wir müssen alle Folgen in Betracht ziehen. Deswegen geht es auch um sehr grundlegende normative Fragen - wie etwa Fragen der Gerechtigkeit: Sind die Lasten dieser Grundrechtseinschränkungen gleich verteilt? Wir dürfen nicht vergessen, dass es noch eine Vielzahl von anderen erkrankten Menschen in unserer Gesellschaft gibt. Viele von denen verzichten im Moment auf einen Eingriff, um Plätze im Krankenhaus freizumachen. Dieser Verzicht kann nur eine begrenzte Zeit gerechtfertigt sein. Wir müssen auch an die Menschen denken, die von Einsamkeit bedroht sind, an psychisch Kranke, die in der jetzigen Situation nicht nur unter einem wesentlich größeren Stress stehen, sondern unter Umständen auch schlechtere Behandlungsmöglichkeiten finden. Wir müssen auch an die Gefahren häuslicher Gewalt denken. Alle diese Aspekte müssen in die Abwägung einfließen.

Ihr Kollege Peter Dabrock hat im Interview auf NDR Info in diesem Zusammenhang von Solidaritäts- und Gesundheitskonflikten gesprochen. Impulsiv könnte man denken: Die Gesundheit geht doch immer vor - oder?

Wiesemann: Das gilt nur in einem begrenzten Rahmen, nämlich dann, wenn nicht andere existenzielle Bedingungen eines angemessenen Lebens auch betroffen sind. Wenn die ökonomische Existenz ruiniert wird, dann hat das mindestens den gleichen Stellenwert - das muss auch möglichst vermieden werden. Dazu macht die Politik im Moment auch Anstrengungen. Aber wir hören von den Ökonomen Warnungen, dass ein solcher gesellschaftlicher Lockdown nur über einen begrenzten Zeitraum ausgehalten werden kann. Wir wissen alle, dass eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit Voraussetzung dafür ist, dass es uns auch in anderen Lebensbereichen gut geht.

Benötigen Ärzte nach dieser Krise womöglich besondere Betreuung? Vielleicht die Möglichkeit der seelischen Aufarbeitung?

Wiesemann: Ich glaube, alle, die sich im Augenblick in Gesundheitsfragen engagieren, werden das benötigen. Wir werden uns als Gesellschaft noch einmal zusammenfinden müssen, wenn die erste große Krisenphase überwunden ist, um diese schwierigen Fragen, die sich vielen Menschen gestellt haben, aufzuarbeiten. Wir sind noch alle in der Pflicht, auch wenn wir den ersten großen pandemischen Ansturm von Corona überstanden haben.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Claudia Wiesemann © Deutscher Ethikrat Foto: Reiner Zensen

Corona-Krise: "Wir sind alle in der Pflicht"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Der Deutsche Ethikrat hat Empfehlungen zum Umgang mit der Corona-Krise veröffentlicht. Ein Gespräch mit der stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Claudia Wiesemann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.03.2020 | 19:00 Uhr