Regionalbischöfin Petra Bahr im Gespräch © Sprengel Hannover Foto: Patrice Kunte

"Lieber ein bisschen Ungerechtigkeit, aber schneller impfen"

Stand: 27.04.2021 18:27 Uhr

Formale Beschlüsse hat es beim Impfgipfel nicht gegeben. Wie sind die Ergebnisse einzuordnen? Ein Gespräch mit Petra Bahr, Hannovers Regionalbischöfin und Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Regionalbischöfin Petra Bahr im Gespräch © Sprengel Hannover Foto: Patrice Kunte
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Nur ein paar relativ vage Übereinkünfte wurden bei der Konferenz getroffen. Im Juni "spätestens" solle die Priorisierung bei den Corona-Impfungen aufgehoben werden. Außerdem sollen Geimpfte und Genesene künftig wieder mehr Freiheiten genießen.

Frau Bahr, der ehemalige Ethikrat-Vorsitzende Peter Dabrock gehört zu den enttäuschten Stimmen ob des Impfgipfels: Er vermisse eine politische Weichenstellung. Was haben Sie erwartet? Und wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Petra Bahr: Ehrlich gesagt habe ich so viel anderes gar nicht erwartet, weil wir in einer hochdynamischen Situation sind und gleichzeitig diejenigen, die zu der Priorisierungsgruppe 3 gehören - von den Wahlhelfern bis zu den Feuerwehrleuten - noch gar nicht alle geimpft sind. Trotzdem kommt diese Debatte aber nicht zu früh, weil wir uns auf das einstellen müssen, was in der nächsten Phase kommt. Peter Dabrock weist auf eine Frage hin, die viele beschäftigt, die Kinder zuhause haben, weil die, die eine Risikogruppe sind, am Anfang der Pandemie andere waren als jetzt. Am Anfang waren es die Hochbetagten, die mit schweren Vorerkrankungen, die ein deutlich höheres Risiko gehabt haben zu sterben. Jetzt sind es junge Eltern von Kindern im Kita- oder Schulalter, weil die Inzidenzen bei den ganz Jungen sehr hoch sind und die Kinder und Jugendlichen die Krankheit in die Familien tragen. Darauf weist Peter Dabrock hin, auch um bewusst zu machen, dass diejenigen, die auf sehr vieles verzichtet haben, möglicherweise die sind, die dann ganz in den Schatten der Aufmerksamkeit rücken. Deswegen müssen wir diese Diskussion jetzt schon führen, obwohl viele in der Priorisierungsgruppe 3 erst langsam auf Impflisten geraten.

Das andere, was viele Leute erzürnt oder auch frustriert, ist die Tatsache, dass man immer wieder hört, wie viele Impfampullen im Müll landen, damit man einer Reihenfolge Genüge tut. Das ist natürlich überhaupt nicht im Sinne der Pandemiebekämpfung. Also lieber ein bisschen Ungerechtigkeit, aber deutlich schneller impfen.

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Die einen fordern "Lockerungen" für Geimpfte, die anderen sprechen sich gegen "Sonderrechte" aus, solange nicht alle die Chance auf Impfung hatten. Die endgültige Entscheidung in dieser Frage wurde vertagt. Worauf wartet die Regierung? Ist das sinnvoll oder feige, zu zögerlich?

Bahr: Ich glaube, sie wartet deswegen, weil das auf den ersten Blick ganz einfach klingt: Diejenigen, die geimpft sind, müssen die Freiheitsrechte, die beschränkt wurden, natürlich zurückkriegen. Das hat nichts mit Sonderrechten oder Privilegien zu tun, sondern das sind die Grundrechte, die uns allen zustehen. Und der Grund, warum sie eingeschränkt sind, ist bei einer Impfung einerseits nicht mehr da. Andererseits merkt man, wie schwierig das wird, wenn man sich überlegt, was das heißt. In manchen Bereichen ist es ganz einfach: Man braucht keinen Test, man braucht nicht mehr in die Quarantäne, man kann mit einem Termin einkaufen, ohne etwas weiteres außer dem Impfausweis vorzuweisen. Viel schwieriger wird es aber im öffentlichen Raum: Wie will man entscheiden, wenn jemand eine Party feiert, ob das nur Geimpfte sind? Wie schafft man es, das Commitment, dass alle zusammen diese Pandemie bekämpfen müssen, zu erhalten, wenn die Ungeimpften den Eindruck haben, dass sie eine immer geringere Rolle spielen, weil die Zahl der Geimpften immer weiter steigt.

Ich halte es zum Beispiel für völlig ausgeschlossen, dass irgendwann nur die Geimpften ICE fahren können, weil das ein öffentliches Gut ist, das allen zur Verfügung steht. Bei Kulturveranstaltungen wird es schon anders sein: Wenn ein kleines privates Theater seine Türen nur für Geimpfte öffnet, denn nur so kann es als Kulturinstitutionen überleben, muss man überlegen, wie man mit den Ungeimpften umgeht. Und da braucht es zum Beispiel nach wie vor gute Tests.

Für alle hoffnungsvollen Kulturliebhaber gab es eine Enttäuschung: Nach Einschätzung der Bundesregierung ergebe sich aus den Ausnahmen für Geimpfte und Genesene kein Anspruch auf die Öffnung bestimmter Einrichtungen wie zum Beispiel Museen oder Theater. Hätten Sie sich da mehr erhofft, oder ist das vernünftig so?

Bahr: Bei so hohen Inzidenzen, wie wir sie in einem Moment haben, gibt es nur eine Parole: Die Zahlen müssen so schnell wie möglich runter, damit man dann diese vielen, auch wissenschaftlich begleiteten, Pilotprojekte - ganz besonders in der Kultur - auch ausprobiert. Die Outdoor-Festivals in Norddeutschland finden unter ganz anderen Bedingungen statt, als wenn man sich in einen engen Raum quetscht. Und diese Unterscheidung wird man in Zukunft machen müssen. Je schneller die Inzidenzen runter gehen, desto mehr kann man sich auch an Freiheiten vorstellen - für Geimpfte und für Ungeimpfte.

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Lassen Sie uns über "Impfneid" und "Impfscham" sprechen - zwei der neuesten Auswüchse der Pandemie. Was steckt hinter diesen Gefühlen?

Bahr: Das ist ein Gefühl, von dem sich niemand freimachen kann. Wenn man im Freundeskreis hört, dass jemand über den Hausarzt eine Impfung bekommen hat, dann denkt man: Ich hätte auch gerne eine. Das ist ein ganz natürliches Gefühl, aber es gehört auch zu solchen Affekten dazu, dass man überlegt, was das eigentlich bedeutet. Es kann zum Beispiel bedeuten, dass derjenige eine schwere chronische Erkrankung hat, von der ich gar nichts weiß. Und wenn man das gut überlegt, dann kann aus Neid durchaus auch Freude werden. Zumal es mir hilft, wenn jemand anderes geimpft ist, weil es die Pandemie eindämmt.

Die "Impfscham" ist das Gegenteil: Das sind die, die sich gar nicht trauen, sich zu freuen, weil sie Sorge haben, dass jemand anders reflexhaft so darauf reagiert: Wieso du und nicht ich? Deswegen hilft es, offen mit diesen Gefühlen umzugehen und zu überlegen, wie man da raus kommt. Manchmal hilft Humor, manchmal hilft es, sich in die anderen hinein zu versetzen. Man merkt es besonders, wenn etwa alte Eltern geimpft sind, wie schön das ist, am Glück anderer teilnehmen zu können. Man muss aber zugeben, dass dieses Grün-vor-Neid-Sein einfach ein menschlicher Reflex ist.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 27.04.2021 | 18:00 Uhr