Stand: 09.07.2020 06:40 Uhr  - NDR Kultur

Corona: Entsteht ein neuer Wortschatz?

von Jan Wiedemann

Sprache ist stetig im Wandel - in den Wochen und Monaten der Corona-Pandemie aber noch einmal ganz besonders: Bei der "Maskenpflicht" hätten früher viele noch an die Kleidungsordnung für eine Karnevalsparty gedacht, inzwischen ist es aber ein ganz normales Wort. Genauso wie das "Abstandsgebot", der "Immunitätsnachweis", der "Lockdown" und das "Super Spreading Event". Annette Klosa-Kückelhaus ist Wortschatzforscherin am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, das ein Lexikon des neuen Wortschatzes rund um die Corona-Pandemie entwickelt hat.

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Annette Klosa-Kückelhaus ist Linguistin am Mannheimer Leibniz- Institut für Deutsche Sprache (IDS).

Das sind doch für diese drei bis vier Monate schon außergewöhnlich viele neue Wörter, oder?

Annette Klosa-Kückelhaus: Ja, da haben sie total recht, es sind ungewöhnlich viele Wörter. Wir haben jetzt etwa 500 gesammelt. Und das ist in so einer kurzen Zeit mir selbst in meiner schon etwas längeren Laufbahn noch nicht untergekommen.

Welche Kategorien neuer Wörter gibt es denn so?

Klosa-Kückelhaus: Erstmal gibt es haufenweise ganz normale Zusammensetzungen. Sie haben gerade selber schon einige davon genannt: "Maskenpflicht" zum Beispiel. Wir haben auch ein bisschen aus dem Englischen entlehnt, wie etwa "Lockdown". Hauptsächlich handelt es sich um Substantive. Auch das ist normal, weil Substantive immer den größten Teil des Wortschatzes ausmachen.

Wie entstehen diese Wörter dann? Und wie passiert es, dass innerhalb von ein paar Tagen jeder so ein Wort kennt?

Klosa-Kückelhaus: Entstehen tun sie, indem sie einfach gebildet werden. Das können Sie auch. Das wissen wir auch von Kindern: Wörter bilden ist überhaupt kein Problem - die Regeln haben wir ganz schnell im Kopf und dann legen wir los. Und wie die sich verbreiten, das ist auch einfach zu erklären: Da tun die Medien einiges dazu. Solche Wörter kommen dann zum Beispiel im Rundfunk oder in der Tageszeitung zur Verwendung. Auch die Sozialen Medien tragen natürlich zur Verbreitung bei.

Werden uns diese Wörter denn auch alle erhalten bleiben? Oder sind das zum Teil vielleicht auch Eintagsfliegen? Wenn Corona vorbei ist, verschwinden auch die Wörter wieder.

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Beim Online-Wortschatz-Informationssystem Deutsch (OWID) des Instituts für Deutsche Sprache finden Sie den gesammelten neuen Wortschatz rund um die Coronapandemie. extern

Klosa-Kückelhaus: Auf jeden Fall: Meine Schätzung ist, dass vielleicht 80 Prozent der Wörter wieder verschwinden. Einfach weil wir sie nicht mehr benötigen, um etwas zu bezeichnen: Warum brauchen wir noch 25 verschiedene Wörter für den "Mund-Nasen-Schutz", wenn wir den irgendwann nicht mehr tragen müssen? Aber ein paar werden sicherlich bleiben. Ich denke, "Coronavirus" - das gab es übrigens schon vorher - das ist etwas, das werden wir nie wieder aus unserem Wortschatz streichen. Und manches andere sicherlich auch nicht, aber das müssen wir noch beobachten.

Man kann einer Sprache ja ein Stück weit ihre Geschichte ansehen - es gibt zum Beispiel im Deutschen viele militärische Begriffe und Redewendungen aus dem militärischen Wortschatz: Wenn uns etwas "im Eifer des Gefechts" passiert oder wir "an vorderster Front" stehen. Wäre es denkbar, dass man in 50 Jahren auch sagt: "Das ist aus der Corona-Zeit"?

Klosa-Kückelhaus: Mit Sicherheit. Es gibt ja noch mehr Beispiele - ein ganz aktuelles wäre zum Beispiel der "Rettungsschirm". Das ist eigentlich etwas, das in der Banken-Krise aufgekommen ist. Und jetzt gibt es unheimlich viele Rettungsschirme für alle möglichen Bevölkerungsgruppen oder Wirtschaftszweige. Und das ist so ein Wort, von dem ich glaube, dass es das auch noch in 50 Jahren geben wird - einfach mit der Bedeutung "finanzielle Unterstützung" in irgendeinem Kontext. Und besonders präsent wird uns dann vielleicht eben die Corona-Krise im Kopf bleiben.

Bei all diesen Wörtern, die Sie jetzt gesammelt haben: Gibt es eines, das Sie persönlich daneben finden?

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Klosa-Kückelhaus: Daneben ... Ich finde es ganz schrecklich, wenn man zum Beispiel zu einem Menschen sagt: "Du bist ein Viren-Bomber". Das klingt einfach richtig böse, auch wenn es vielleicht wahr ist, dass jemand sehr stark zur Verbreitung des Virus beiträgt. Aber es ist schon eine sehr negativ klingende Bezeichnung. Das würde ich persönlich nicht sagen. Auch nicht so etwas wie "Viren-Schleuder".

Und auf der anderen Seite? Welches Wort mögen Sie besonders?

Klosa-Kückelhaus: Das finde ich eine lustige Frage. Denn die Wörter, die wir jetzt sammeln, haben eigentlich alle einen relativ negativen Kontext. Trotzdem gibt es Wörter, die ich sprachlich gesehen hübsch finde, weil sie irgendwie fantasievoll gebildet sind: Zum Beispiel der "Maskomat" - ein Automat, aus dem man eine Maske kaufen kann. Oder so ein Kurzwort wie "Munaske" für "Mund-Nasen-Maske". So etwas finde ich sprachlich interessant, obwohl ich die Sachen vielleicht verzichtenswert finde.

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Annette Klosa-Kückelhaus, Linguistin am Mannheimer Leibniz- Institut für Deutsche Sprache (IDS). © picture alliance/A. Trabold/IDS Mannheim/dpa Foto: A. Trabold

Sprachforscherin Klosa-Kückelhaus über den Corona-Wortschatz

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Annette Klosa-Kückelhaus ist Wortschatzforscherin am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache und hat bereits 500 neue Wörter rund um die Corona-Pandemie gesammelt.

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NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.07.2020 | 06:40 Uhr

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