Stand: 22.02.2019 09:23 Uhr

Daniel Barenboim: "Ab und zu rege ich mich auf"

Ist der Dirigent Daniel Barenboim cholerisch? Demütigt er Musiker, bis sie kündigen? Oder muss ein Orchester klare Ansagen aushalten, um ein hervorragendes Konzert zu spielen? Anfang Februar wurden anonyme Stimmen laut, die sich bitter über Barenboims Umgangston beklagten. Nun hat sich Daniel Barenboim erstmals zu den Vorwürfen geäußert. Maria Ossowski hat ihn zum Gespräch getroffen.

von Maria Ossowski

Bild vergrößern
"Ab und zu rege ich mich auf", gibt Dirigent Daniel Barenboim zu.

Mittlerweile haben sich drei Musiker zum Führungsstil Daniel Barenboims geäußert, die auch mit ihrem vollen Namen genannt werden wollen. Einer von ihnen ist Bassposaunist Martin Reinhardt. Sein Dauergefühl: "Angst zu haben, wenn man zur Arbeit gehen muss; Angst vor seinem Temperament. Manchmal war er sehr launisch, und dann kam es so aus dem Nichts. Plötzliche Stimmungswechsel ... oder er hat sich irgendwie abreagiert an jemandem mit ganz wenig Grund."

Barenboim reagiert ernst und gefasst auf Vorwürfe

Daniel Barenboim wirkt ernst und gefasst, als ich ihn mit den Beispielen konfrontiere. Ob er rauchen dürfe, fragt er, wirklich? Und zündet sich eine Zigarre an. Die zunächst anonymen und jetzt namentlich konkreten Vorwürfe beschäftigen den Dirigenten sichtlich. Ich bin erstaunt, dass er sich detailliert mit den Vorfällen beschäftigt; er reagiert nicht nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung", womit ich gerechnet hatte. Er sei nicht besser als andere Menschen, sagt er, bloß weil er ein Musiker ist: "Jeder kennt sich selbst besser, als er andere Leute kennt. Ich bin in Argentinien geboren, also ein bisschen lateinamerikanisches Blut ist in meinem Körper. Ab und zu rege ich mich auf. Und um ganz ehrlich zu sein, finde ich das nicht falsch."

Weitere Informationen
Link

Orchestermusiker kritisieren Daniel Barenboim

Als musikalisches Genie wird Daniel Barenboim gefeiert, als Dirigent steht er in der Kritik. Bei den Kollegen von BR-KLASSIK sprechen Musiker nun erstmals namentlich offen über ihre Erfahrungen. extern

Barenboim streitet Demütigungen ab

Zwei ehemalige Musiker der Staatskapelle berichten, sie hätten Angst gehabt vor Demütigungen in den Proben. Nein, so Barenboim, dies sei eine Grenze, gedemütigt habe er keinen Menschen. Wie erklärt er dann, dass ein Bassposaunist oder ein Schlagzeuger seine Kritik fürchteten? "Mein Interesse ist doch, dass er sein Bestes liefert. Ich werde ungeduldig, wenn ich glaube, er kann das liefern, und aus irgendeinem Grunde tut er es nicht. Da bin ich manchmal ungeduldig, natürlich, aber ich finde das nicht anormal."

Willi Hilgers: Angst, Bluthochdruck, Depressionen

Der Schlagzeuger Willi Hilgers berichtet von Angst, Bluthochdruck, Depressionen wegen der Zusammenarbeit mit Barenboim. Nach seinem Wechsel in ein anderes Orchester sei es ihm schlagartig besser gegangen. Barenboim erinnert sich an Hilgers: "Er kam 1999, er hatte einen sehr schönen Klang. Was selten ist auf der Pauke. Und er konnte deswegen auch sehr, sehr empfindsame Farben machen. Aber er hatte einen sehr schwachen Rhythmus. Und die Hauptfunktion der Pauke ist eine rhythmische Funktion. Und ich habe versucht, mit ihm zu sprechen und ihm gesagt, das muss stimmen. Wenn er wirklich so gelitten hätte, was ich ihm nicht glaube, wäre er hier nicht 16 Jahre geblieben."

Heiligt der Zweck die Mittel?

Alle Orchestermusiker sind sich in einem einig: Barenboim ist ein genialer Musiker, und das Ergebnis harter Arbeit sind grandiose Konzerte und Opernabende. Müssen sie dann aber die Launen eines Dirigenten ertragen um hinreißender musikalischer Momente Willen? Barenboim: "Das Ergebnis justifiziert nicht alles. Und das Ergebnis kann wie im Falle der Staatskapelle nur so gut sein, weil wir es gemeinsam schaffen. Ich schaffe das nicht allein. Und das ist nicht das Verdienst von einer Person, auch wenn sie genial ist. Es ist das Ergebnis von einer Zusammenarbeit, die bedeutet, eins zu werden."

Barenboim vermutet Kampagne gegen ihn

Keiner der Vorwürfe gegen Barenboim ist justiziabel. Es geht um Zwischenmenschliches, um Stimmungen, um Allianzen, um Macht. Vielleicht, so Barenboim, auch um eine unkäufliche künstlerische Autorität, die manche Leute ärgert. Und er sei kein Lamm, das wisse er durchaus. Daniel Barenboim, dem das Berliner Musikleben viel zu verdanken hat, sieht in diesen Anwürfen eine Kampagne. Jeder wisse, dass der Senat und er in Vertragsverhandlungen stehen. Warum seien seine Kritiker nicht in den vergangenen 27 Jahren gekommen? So sehr verändert habe er sich nicht.

Kritik als Chance

Die Kritik an seinem Führungsstil geht an Barenboim nicht spurlos vorüber: "Ich weiß nicht, ob ich intelligent bin, aber total dumm bin ich nicht. Ein dummer Mensch würde jetzt sagen: Ich bin so, wie ich bin. Macht damit, was ihr wollt, ich bin eben so. Wenn das Orchester oder Sie mich zu dem Punkt bringen, dass ich meine Eigenschaften, meinen Charakter verbessern kann, bin ich nur dankbar." Ein Zeichen der Schwäche ist das nicht. Ich nehme seine Haltung nicht als Rechtfertigung, sondern als Stärke wahr und als Chance, die Probleme mit dem Orchester zu lösen.

Weitere Informationen

"Barenboim ist eines der wenigen Genies"

12.02.2019 19:00 Uhr

In einem Online-Artikel wird der Dirigent Daniel Barenboim als jähzorniger "Poltergeist" betitelt. NDR Kultur hat die Musikjournalistin Eleonore Büning zu dem Artikel befragt. mehr

9 Bilder

Barenboim: Vom Wunderkind zum Weltbürger

15.11.2017 07:20 Uhr

Er war ein (musikalisches) Wunderkind, ist Weltbürger und seit 2011 sogar Ritter: Daniel Barenboim. Bilder aus dem Leben des Dirigenten und Pianisten. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.02.2019 | 07:20 Uhr

Mehr Kultur

65:06
NDR Info
53:52
NDR Info
03:14
NDR 1 Welle Nord