Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, im Porträt. © dpa Foto: Jonas Klüter

Carsten Brosda und die deutsche Corona-Debatte

Stand: 07.10.2020 09:43 Uhr

Der Buchmarkt ist voll mit Corona-Literatur. Der neueste Beitrag zum Thema kommt von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda: "Ausnahme / Zustand. Notwendige Debatten nach Corona".

Herr Brosda, warum war es aus Ihrer Sicht gerade jetzt nötig, "Ausnahme / Zustand" herauszubringen?

Brosda: Wir haben, unmittelbar nachdem Corona so richtig in die gesellschaftliche Realität eingedrungen ist und schockhafte Wellen durch unsere Gesellschaft gezogen hat, eine ganze Menge grundsätzlicher Fragen formuliert, die wir angesichts der Pandemie für notwendig zu diskutieren erachtet haben. Ich habe über den Sommer hinweg das Gefühl bekommen, dass relativ viel davon uns wieder durch die Hände zu rinnen droht. Wie gehen wir damit um, dass uns unsere Verletzlichkeit als Individuen so vor Augen geführt worden ist? Wie gehen wir damit um, dass wir feststellen, dass wir einander solidarisch brauchen, um gemeinsam durch so eine Zeit zu kommen? Wie organisieren wir öffentliche Debatte in Zeiten, in denen wir eigentlich gar keine Zeit dafür haben? Und wie kooperieren wir über Grenzen hinweg? Das sind nur ein paar der Themen, die bleiben. Diese Debatten jetzt schon in den Blick zu nehmen, halte ich für unerlässlich.

Sie schreiben: "Die Debatte über Solidarität unserer Gesellschaft ist in einer offenen Demokratie auch eine Debatte über Liberalität". Können Sie das erläutern?

Carsten Brosda: "Ausnahme / Zustand" © Hoffmann und Campe
Carsten Brosdas Sachbuch "Ausnahme / Zustand" ist bei Hoffmann und Campe erschienen und kostet 11,99 Euro.

Brosda: Mit der Solidarität lernen wir damit umzugehen, wie wir als vielfältige Individuen in einer Gesellschaft trotzdem zu einer gemeinsamen Haltung finden. Das ist nichts, was der Gesellschaft vorgängig ist, sondern etwas, das wir miteinander entwickeln müssen. Das setzt aber voraus, dass wir uns wechselseitig die Freiheit zubilligen, eine eigenständige Position zu haben und uns dann gemeinsam in die Lage versetzen, ein Gespräch darüber zu führen, was uns an dieser Stelle gemeinsam ist. Solidarität ist auch die Voraussetzung dafür, dass wir in Freiheit leben können, weil wir uns auf Regeln verständigen müssen. Entscheidend ist, dass das nicht ein hohles Beschwören von vermeintlich wohlklingenden Werten ist, sondern dass daraus konkret etwas folgt. Dass es nicht reicht, sich auf einen Balkon zu stellen und um 21 Uhr zu klatschen, sondern auch dafür zu sorgen, dass diejenigen, die ich für systemrelevant halte, ausreichend finanziert werden. Und wenn das nächste Mal über Besoldung und Gehälter in Krankenhäusern, in der Altenpflege und anderswo geredet wird, das auch Folgen hat. Da entscheidet sich Solidarität - nicht wohlfeil beim Klatschen, sondern wenn es darum geht, wer über welche Ressourcen verfügt.

Die Corona-Krise hat die Klimafrage weitgehend aus der öffentlichen Debatte verdrängt. Dabei sehen Sie in dem Virus gerade einen weiteren Beleg dafür, wie wichtig der Blick auf die Verletzlichkeit unseres Planeten ist, oder?

Brosda: Ich glaube, daraus kann eine Ressource für die Debatte ums Klima entstehen, weil wir sehr deutlich erleben mussten, dass wir nicht eine Krone der Schöpfung sind, die unangreifbar durch die Gegend stapft, sondern dass wir Teil einer Natur sind und Veränderungen in der Natur unmittelbar Auswirkungen auf unser Leben haben. Das führt hinein in die großen Debatten über die Frage, wie wir eigentlich den Kampf gegen den Klimawandel organisieren. Die Fragen sind ja nicht weg. Wir haben vor kurzem erlebt, dass mit den europaweiten Diskussionen über den Kampf gegen den Klimawandel immer noch Hunderttausende von Menschen bewegt werden können. Wir müssen uns mit allem Nachdruck an die Umgestaltung unserer Volkswirtschaften machen. Ich hoffe inständig, dass wir aus der Corona-Krise heraus ein bisschen mehr Bewusstsein dafür mitnehmen, wie sehr wir als Menschen Teil von Natur sind - und nicht etwas, was der Natur äußerlich ist und die Natur gestalten kann. Alles, was wir tun, hat unmittelbar Auswirkungen auf die Natur. Deswegen tragen wir auch eine Verantwortung, und der müssen wir gerecht werden.

Während angesichts der wieder steigenden Corona-Infektionszahlen viel darüber gesprochen wird, an welcher Stelle bundesweite Reglementierungen angebracht sind und wo punktuell oder lokal differenziert werden muss, öffnen Sie den Radius weiter und fragen nach internationalen, multilateralen Organisationen. Die sind Ihnen in der bisherigen Debatte zu leise gewesen, richtig?

Brosda: Mir war alles zu leise in den ersten Wochen und Monaten, aber ganz besonders Europa und die eine oder andere internationale Organisation. Da stehen wir vor einer globalen Krise und wir machen die Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein zu - das fand ich etwas kontra-intuitiv. Tatsächlich brauchen wir Europa, mindestens wenn wir mit den wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Bekämpfung umgehen wollen. Aber eigentlich brauchen wir Europa auch viel stärker, um gesundheitliche Rahmenbedingungen zu sichern und medizinische Versorgung grenzübergreifend sicherzustellen. Da ist sehr schnell sehr viel auf einmal auf eine nationalstaatliche Ebene heruntergeholt worden, das wir eigentlich in Europa bewegen wollten. Das ist über den Sommer ein bisschen besser geworden,, da haben alle wieder Tritt gefasst.

Wenn wir vor globalen Herausforderungen stehen, dann ist es notwendig, dass Politik in ihren Gestaltungsmöglichkeiten hinterherwächst. Und Europa ist genau ein solches Projekt, auch jenseits des Nationalstaats Politik zu ermöglichen, wenn wir das gemeinsam in Europa wollen. Wir müssen auch die Debatte führen, ob wir bereit sind, nationalstaatliche Souveränität an eine stärkere Europäische Union abzugeben, die auf dem Kontinent gemeinsame Regeln trifft. Wie notwendig das ist, sieht man in den letzten Wochen entlang der Frage, wie wir mit geflüchteten Menschen umgehen. Sie sitzen in Griechenland auf den Inseln fest, und wir schaffen es in Europa nicht, uns gemeinsam auf ihre Verteilung zu einigen. Das ist ein Politikversagen, das jeder Beschreibung spottet. Auch da müssen wir miteinander ran.

Ein weiteres Versäumnis der Politik sehen Sie darin, dass nicht genügend Stimmen zu Wort kommen. Sie stützen die Kritik derjenigen, die beklagen, dass im Kontext von Corona zu einseitig Expertinnen und Experten befragt werden. Welche Stimmen fehlen Ihnen da?

Brosda: Wenn ich Schulen schließe, muss ich auch darüber reden, was es mit Kindern macht, die auf einmal zu Hause unterrichtet werden. Wie verändern sich Familienstrukturen dadurch, dass wir offensichtlich selbstverständlich davon ausgehen, dass Frauen zu Hause bleiben und die Männer weiter arbeiten gehen, wenn die Schule zu ist? Wir brauchen in allen gesellschaftlichen Debatten die Bandbreite unseres gesellschaftlichen Wissens, und das ist mehr, als in solchen unmittelbaren Krisensituationen häufig die Fokussierung auf die eine oder andere Disziplin nahelegt. Wir müssen es schaffen auszuhalten, dass es im öffentlichen Gespräch nicht vom ersten Tag an eine einheitliche Meinung gibt, sondern dass es unterschiedliche, sich auch widersprechende Positionen in der gesellschaftlichen Debatte gibt. Diese Vielfalt macht uns informierter und stärker, wenn wir als Gesellschaft versuchen, daraus Konsequenzen und Ableitungen zu ziehen. Da haben wir manchmal die Neigung, das sehr schnell auf die eine Logik zu verengen und sind dann überrascht, wenn wir merken, dass wir die eine Logik ergänzen und erweitern müssen. Das ist ein Ausweis gesellschaftlicher Reife, solche Erkenntnisprozesse nachvollziehen zu können.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, im Porträt. © dpa Foto: Jonas Klüter

AUDIO: Carsten Brosda und die deutsche Corona-Debatte (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.10.2020 | 18:00 Uhr