Stand: 15.05.2020 18:09 Uhr

Bundesliga-Neustart: "Eine Illusion von Normalität"

Nach gut zwei Monaten Corona-Schlaf startet am Sonnabend die Fußball-Bundesliga vor leeren Rängen. Auf der Bank werden Trainer und Ersatzspieler mit Maske sitzen. Wenn ein Tor fällt, dürfen sich die Spieler lediglich kurz berühren - mit dem Ellenbogen oder dem Fuß. Für viele Menschen ist das einfach nur absurd. Wie sieht das ein Kenner der Szene wie Sportjournalist Ronald Reng?

Herr Reng, kein Körperkontakt, keine Fangesänge, wild gestikulierende Trainer mit Blümchenmaske - für einen Fußballfan wie Sie ist das morgen ein wahrer Glückstag, oder?

Sportjournalist Ronald Reng © imago
Ronald Reng hat unter anderem "Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga" geschrieben, für das er 2013 mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Ronald Reng: Ja, in der Tat. Ich finde es einerseits schon eine Leistung, dass in Deutschland wieder Fußball gespielt werden darf. Denn es zeigt uns, dass wir bis hierhin die Pandemie erfolgreich überstanden haben. Das ist schon ein Grund zur Freude. Ein Stück Normalität kehrt zurück - oder wird uns zumindest vorgegaukelt. Der Sinn des Fußball-Profisports ist ja, dass man für Zuschauer spielt, dass die Zuschauer auch interagieren. Und ein Spiel in einem leeren Stadion ist eigentlich schrecklich. Die Normalität ist also doch nicht da, sondern es wird nur eine Illusion von Normalität geschaffen. Das zeigt uns nur die Traurigkeit des Ganzen.

Da geht ja auch der Reiz des Spiels verloren. Ist das nicht ein Eigentor für den Fußball?

Reng: Ja, das habe ich auch gedacht. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende von Bayern München, sagte ganz stolz, dass da Milliarden Leute in der Welt zuschauen werden und wie toll das für die Bundesliga wäre. Zunächst einmal weiß ich nicht, wie er auf Milliarden Leute kommt, die da zuschauen werden, wenn Paderborn gegen Düsseldorf spielt. Ich frage mich, ob er sich bewusst ist, was die Leute in China, Malaysia und England da sehen. Die sehen ja nicht ein tolles DFB-Pokalfinale, Eintracht Frankfurt gegen Bayern München, wo 80.000 extatisch jubeln. Oder ein Ruhrderby, Dortmund gegen Schalke, wo die Emotionen überschlagen, wo man davon gepackt wird, wenn zehn Spieler jubeln und die 80.000 im Hintergrund mit ihnen; wenn diese Symphonie und Symbiose von Zuschauern und Spielern geschaffen wird. Das sind Bilder, die Leute in China oder Malaysia bewegen können. Aber 22 Spieler, die in einem leeren Stadion spielen - das kommt einem automatisch langsam vor. Das wird auch langsam sein, denn es gibt nur vier Balljungs: Wenn der Ball im Aus ist, dann braucht das auch seine Zeit, bis der Ball zurückgebracht wird. Ich kann mir kaum vorstellen, dass das etwas von der Ästhetik und der Schönheit des waren Fußballs hat.

Aber interessant wird das Spiel auf dem Platz sein: Wird es Spieler geben, die schlechter spielen, weil sie nicht das Gefühl haben, zusammen mit 40.000 ihrer Fans zu spielen? Oder wird es vielleicht auch Spieler geben, die wahnsinnig aufdrehen, weil sie zum ersten Mal im Leben ohne den Druck spielen, dass da 40.000 Leute von ihnen etwas fordern?

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Die Branche rechtfertigt diesen Neustart mit einem wirtschaftlichen Denken. Das Argument, die Bundesliga müsse erhalten bleiben, klingt bei den Millionensalären von Spielern und Trainern wie ein schlechter Witz. Würde der Fußball wirtschaftlich wirklich vor dem Aus stehen, wenn er nicht wieder anrollt?

Reng: Das halte ich für eine heillose Übertreibung. Das können wir auch in ein paar Monaten in anderen Ländern überprüfen. Dort wurde die Liga abgebrochen, und ich bezweifle ganz stark, dass wir da vor einer Welle von insolventen Fußballklubs stehen. Da wird in der Tat der eine oder andere Verein ein, zwei Spieler weniger kaufen können, im Sommer wird es deutlich mehr arbeitslose Fußballprofis geben, weil die Einnahmen kleiner sind. Aber dass der Fußball danach nicht mehr derselbe wäre, das bestreite ich vehement. Das ist eine Rechtfertigung für den völlig legitimen Wunsch, weiterzumachen und so wenig Einnahmen wie möglich zu verlieren. Dass jetzt per se wieder Fußball gespielt wird, finde ich nicht verwerflich, denn mittlerweile habe ich das Gefühl, in Deutschland ist fast alles wieder erlaubt. Es darf sogar demonstriert werden, bis zu 5.000 Leute in Stuttgart. Das ist, virologisch gesehen, deutlich gefährlicher, als wenn 22 Mann im leeren Stadion spielen.

Hat denn dieser Neustart der Bundesliga auch etwas Politisches? Wenn man sieht, dass Politiker wie Armin Lachet, Marcus Söder und Jens Spahn sich grundsätzlich für den Neustart aussprechen, dann schielen sie damit vielleicht auf Wählerstimmen aus der Bevölkerung, oder?

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Reng: Bei Armin Laschet, dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, hat man zurzeit leider sehr häufig den Eindruck, dass er nicht unbedingt rationale Entscheidungen trifft, sondern von seiner angestrebten Kanzlerkandidatur getrieben ist. Der Fußball ist im Gefühl der Politiker etwas, was die Menschen bewegt, und ich habe auch den Eindruck, sie waren ein bisschen davon überrascht, dass jetzt gar nicht Millionen Deutsche schreien: "Ja endlich wieder Fußball-Bundesliga", sondern dass er in Deutschland bei vielen Leuten ein diffuses Gefühl von "Ist das denn gerecht?" auslöst. Andere Sportarten werden ja noch nicht wieder aufgenommen. Und ein leichtes Unbehagen schwingt auch mit: Sind wir wirklich wieder soweit, dass sich Fußballer in engen Zweikämpfen bekämpfen können? Oder müssen wir Angst haben, dass das die Pandemie wieder beschleunigen könnte?

Sie sind gerade mit Ihrer Familie in Südtirol. Werden Sie sich die kommenden Spiele ansehen?

Reng: Ich muss schon aus beruflichen Gründen ein Spiel anschauen. Ich arbeite an einem Langzeit-Buchprojekt, bei dem ich drei Jungs begleite, seit sie 14 sind. Einer davon ist an dem Spiel Hoffenheim gegen Hertha Berlin beteiligt. Ich würde es mir aber auch aus Neugierde anschauen - oder aus Katastrophentourismus. Ich bereite mich wie ein guter Fußballer mental darauf vor, dass das komisch werden wird, und schaue es mir trotzdem mit einer gewissen Neugierde an.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.05.2020 | 19:00 Uhr