Stand: 19.06.2020 15:28 Uhr  - NDR Kultur

Brexit: Eine Insel sucht ihren Kurs

von Jens-Peter Marquardt

Bye, bye, Britannia: Am 31. Januar dieses Jahres hat das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland ernst gemacht und den Brexit vollzogen. Seitdem sind die Briten formal nicht mehr Mitglied der Europäischen Union und haben die politischen Institutionen verlassen. Im Alltag hat sich für die Menschen und die Wirtschaft bisher indes - der Übergangsphase sei Dank - kaum etwas geändert. Doch nun gilt es, die Beziehungen zwischen Insel und Kontinent auf eine neue Grundlage zu stellen. Das muss bis zum Jahresende geschehen - sonst droht erneut ein „no deal“. Nicht zuletzt wegen der Corona-Pandemie, der in Großbritannien so viele Menschen zum Opfer gefallen sind wie in keinem anderen Land Europas, wird das Zeitfenster für ein neues Abkommen immer enger. Wie richtet Großbritannien seinen Kompass für die Brexit-Ära neu aus? Dazu der Essay von Jens-Peter Marquardt, der seit 2013 das ARD-Studio in London leitet.

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Der Korrespondent Jens-Peter Marquardt lebt seit 2013 in Großbritannien.

Großbritannien rast ungebremst in die Doppel-Krise. In keine zweifache Naturkatastrophe, sondern in eine von Menschen gemachte Mega-Krise, ausgelöst vom Versagen der britischen Politik vor zwei unterschiedlichen Herausforderungen. Die Corona-Krise hat kein anderes Land in Europa so stark getroffen wie Großbritannien und damit Krise Nummer Eins ausgelöst. Nirgendwo sonst in Europa sind so viele Menschen an Covid 19 gestorben wie im Vereinigten Königreich. Und gleichzeitig sagen die jüngsten Prognosen voraus, dass keine andere Volkswirtschaft im Kreis der großen Industrienationen in diesem Jahr so stark einbrechen wird wie die britische. Anfang kommenden Jahres wird dann voraussichtlich der harte Brexit hinzukommen und die ohnehin schon am Boden liegende Ökonomie erst recht in den Abgrund stürzen - Krise Nummer Zwei.

Die Vernunft hat die britische Politik verlassen

Rational handelnde Politiker würden an dieser Stelle wohl versuchen, den Absturz zu bremsen. Zum Beispiel durch eine Verlängerung der Übergangszeit und damit dem Verbleib des Landes im Europäischen Binnenmarkt für weitere ein oder zwei Jahre. Um Zeit für einen vernünftigen Deal mit der EU zu gewinnen. Zeit, die es derzeit weder in London noch in Brüssel gibt, weil die Politiker diesseits und jenseits des Ärmelkanals alle Hände voll damit zu tun haben, Krise Nummer Eins zu bewältigen, die Corona-Pandemie.

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Doch die Vernunft hat die britische Politik schon vor einiger Zeit verlassen. Die Ideologie hat in Westminster Einzug gehalten, gepaart jetzt auch noch mit kollektiver Inkompetenz. Als ich vor sieben Jahren nach London kam, hatte ich mit vielem gerechnet, aber nicht mit dieser fatalen Mischung aus Ideologie und Inkompetenz. Ich wusste natürlich, dass die Engländer gelegentlich einen Spleen haben, dass der Anteil von Exzentrikern auf der Insel sicher größer ist als auf dem Kontinent, dass sie ein manchmal recht kauziges Volk sind, gerade deshalb auch liebenswert. Doch unter dem Strich hatte ich die Briten immer für ziemlich kühle Rechner und rationale Köpfe gehalten. Ein Eindruck, den übrigens auch Heinrich Heine teilte, der einst schrieb: Wenn man mit dem dümmsten Engländer über Politik spreche, so werde er doch immer etwas Vernünftiges zu sagen wissen. Heine kannte damals noch nicht Boris Johnson und seine Brexiters, andernfalls hätte er sein Urteil sicher revidiert oder zumindest relativiert.

Margaret Thatcher wollte einen gemeinsamen Binnenmarkt

Als ich 2013 nach London ging, konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass die Briten drei Jahre später für den Brexit stimmen und sieben Jahre später aus der EU austreten würden. Auf der einen Seite hatte Großbritannien immer eine besondere Rolle im Konzert der europäischen Nationen - spät zur Gemeinschaft gestoßen und immer auf politische Unabhängigkeit bedacht. Auf der anderen Seite war es aber Margaret Thatcher gewesen, die die Idee von einem gemeinsamen Binnenmarkt den Kontinentaleuropäern schmackhaft gemacht hatte. Und damit die Zoll- und Handelsschranken in diesem großen europäischen Wirtschaftsraum niederriss. Kaum zu glauben, dass sich die Briten von dieser großartigen Erfindung ihrer langjährigen und noch heute von den Konservativen verehrten Regierungschefin wieder verabschieden würden.

Jens-Peter Marquardt © NDR Foto: Klaus Westermann

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2013 spielte Europa eine untergeordnete Rolle

2013 spielte das Thema Europa übrigens nur eine untergeordnete Rolle im politischen Diskurs Großbritanniens. Nur eine kleine Gruppe von EU-Skeptikern in der konservativen Unterhausfraktion hatte den Beitritt des Landes 40 Jahre danach noch immer nicht akzeptiert. Außerdem schlug ein kleiner, aber lautstarker Nigel Farage die Trommel der EU-Gegner. Er konnte allerdings mit seiner United Kingdom Independence Party nur bei den aus britischer Sicht völlig unbedeutenden Wahlen zum europäischen Parlament Erfolge erzielen, nicht aber bei den Wahlen zum Unterhaus in London.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 21.06.2020 | 19:05 Uhr

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