Stand: 09.12.2017 20:31 Uhr

Steffen Siegmund: Der Textarbeiter

von Katja Weise

Ulrich Tukur hat ihn bekommen - ebenso wie Susanne Lothar, Fritzi Haberlandt und Martin Wuttke: den Boy-Gobert-Preis. Seit 1981 zeichnet die Körber Stiftung damit den besten Nachwuchsschauspieler auf Hamburgs Bühnen aus. In diesem Jahr hat die Jury unter Vorsitz von Burghart Klaußner sich für Steffen Siegmund entschieden. Er gehört seit 2013 zum Ensemble des Thalia Theaters und - so die Jury - "zur seltenen Klasse junger Schauspieler, die schon in frühen Jahren in der Lage sind, ihre Rollen mit innerer Kraft und seelischer Größe auszustatten".

Das Gesicht fällt sofort auf: rund und blass, offen für Melancholie und Witz. Schon mit den ersten kleinen Rollen am Thalia Theater hat es sich eingeprägt. Es leuchtet, irgendwie. Heute umso mehr, als die dunklen Haare auch noch unter einer  Mütze verstaut sind. Dazu trägt Steffen Siegmund Trainingsjacke und T-Shirt. Sein Pensum ist sportlich in diesen Tagen: Um 14 Uhr liegen schon zwei Vorstellungen hinter ihm. Denn der 25-Jährige spielt gleich in beiden "Weihnachtsmärchen", in der "Unendlichen Geschichte" und in der "Roten Zora". Dazu kommen Proben für die Wiederaufnahme von "Cyrano de Bergerac": "Anstrengend ist dafür gar kein Ausdruck. Ich hab diesen Monat 40 Vorstellungen, ich bin ganz schön am Leistungslimit", erklärt Steffen Siegmund. Zumal er sich nebenbei auf die Preisverleihung vorbereitet. Und das nimmt Steffen Siegmund sehr genau.

Auch Stücke oder Romane liest er mindestens dreimal, bevor die Proben beginnen. Er ist ein Textarbeiter, einer, der die Figur durchdringen will, Selbstdarstellung ist ihm eher suspekt: "Ich finde die guten Theaterabende sind die, wo ich im Grunde auf die Bühne gehen kann mit einem Text, der nicht mir gehört, nicht meiner ist, und die Rolle entsteht ja schon allein dadurch, dass ich diesen Text spreche. Und dadurch entsteht dann im besten Falle eine ganz tolle Synergie."

Herzensangelegenheit: Als Peer Gynt beim Boy-Gobert-Preis

Bei der Preisverleihung will er etwas aus "Peer Gynt" zeigen. Eine Herzensangelegenheit. Er war gerade frisch auf der Schauspielschule, als er die am Thalia Theater herausgekommene Aufführung mit Jens Harzer sah: "Da habe ich für mich begriffen, was Theater kann und was Theater für mich sein kann und sein soll. Und dann hab ich den Monolog direkt im ersten Studienjahr gearbeitet und noch einmal zum Vorsprechen an den Theatern. Und seitdem begleitet mich dieser Stoff. Und ich hab immer gesagt: Wenn ich die Chance kriege, mir mal aussuchen zu dürfen, was ich mache auf einer großen Bühne, dann mache ich 'Peer Gynt'. Da ist das jetzt natürlich ein super Anlass."

Mit 17 an die Schauspielschule in Leipzig

Steffen Siegmund ist keiner, der die lauten Töne sucht. Obwohl er ein gutes Gespür für die komischen Momente hat. Das sieht man beispielsweise in der "Roten Zora". Gut ausgestopft gewinnt er als Moppelchen Pavle nicht nur die Herzen der Kinder sofort. Lange war er immer der Jüngste: Schon mit siebzehn kam er an die Schauspielschule in Leipzig, beendete deshalb vorzeitig die Schule, obwohl er ein ausgezeichneter Schüler war. Darüber berichtete damals sogar die Zeitung in seiner Heimatstadt Wittenberge. Seine Theaterlaufbahn begann in Parchim, im Kulturhaus: "Meine Musiklehrerin hat mit mir ein langes, langes Gedicht geübt, und das durfte ich dann da vortragen. Die letzte Strophe fiel mir aber nicht ein. Und dann stand ich da eine Weile, bis ich gesagt habe: Ich weiß nicht weiter. Großes Gelächter im Publikum, aber es war erstaunlicherweise kein schlechtes Gefühl, es war nicht schlimm, sondern ganz schön, dass man bei Leuten auch was auslösen kann."

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Steffen Siegmund wurde1992 in Perleburg geboren und ist seit 2013 Teil des Thalia-Ensembles.

Später folgten Auftritte im Jugendclub des Theaters und als Statist. Und dann kam Leipzig. Obwohl die Umstellung groß war, genoss Steffen Siegmund es, in der Großstadt "untertauchen" zu können. Wittenberge war ihm zu überschaubar und: "Diese Gegend, aus der ich da komme, die ist jetzt nicht, ich sag mal, besonders freundlich. Das ist eher eine sehr trostlose, traurige, verlorene Gegend, wenn man es mal ganz radikal ausdrücken will. Und sich da irgendwie dafür zu entscheiden, zu sagen, ich gehe diesen Weg, der mich irgendwie über Wasser hält, in dieser Trostlosigkeit - das war was, was mich so weitergetrieben hat und was scheinbar ja auch ein richtiger, innerer Antrieb war."

Erfolg am Thalia Theater in Hamburg

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Mit Sebastian Zimmler (l-r), Daniel Lommatzsch, Jörg Pohl und Marie Löcker stand Steffen Siegmund (Mitte) 2015 im Stück "Imperium" auf der Bühne des Thalia Theaters.

Mit 21 kam er ans Thalia Theater. Viel hat er hier schon gespielt, vor allem auf der kleinen Bühne, dort hatte in diesem Jahr in der Garage auch sein erster Soloabend Premiere: "Das Ende von Eddy". Sein Ziel: Den Zuschauer mitnehmen in eine andere Welt: "Und in diesem Moment steht dann auch die Zeit still. Und das sind eigentlich in allen Produktionen, die ich so hatte, die schönsten Momente. Wenn es zwischen dem Publikum und den Spielern so flirrt, dass auf der Bühne die Zeit stehen bleibt, es so eine Entschleunigung gibt."

Bisherige Preisträger

Preis für "ernsthaften Komiker" Bastian Reiber

Der Schauspieler Bastian Reiber erhielt den Boy-Gobert-Preis 2015. Der junge Komiker überzeugte die Jury in seinen Rollen am Hamburger Schauspielhaus. mehr

Auszeichnung für Birte Schnöink

Die Schauspielerin Birte Schnöink ist 2014 mit dem Boy-Gobert-Preis ausgezeichnet worden. Seit mehreren Jahren spielt sie am Hamburger Thalia Theater unterschiedliche Frauenrollen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.12.2017 | 19:00 Uhr

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