Stand: 20.12.2018 16:55 Uhr

"Wir brauchen auch eine Kultur des Scheiterns"

Viermal hatte der "Spiegel"-Redakteur Claas Relotius den renommierten Deutschen Reporterpreis erhalten. Am Mittwoch veröffentlichte der "Spiegel", dass der Journalist Relotius in seinen Texten gefälscht hat. Davon ist beispielsweise auch das Gespräch mit Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der "Weißen Rose" betroffen. Erneute Recherchen zeigen, dass auch in diesem Text Passagen offenbar erfunden sind. Es ist ein enormer Flurschaden für die deutsche Medienlandschaft. Wir haben mit Benedikt Strunz aus dem Ressort Investigation bei NDR Info gesprochen.

Herr Strunz, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von der Geschichte gehört haben?

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Benedikt Strunz arbeitet für den NDR Info Reporterpool und für das Ressort Investigation im NDR.

Benedikt Strunz: Daran kann ich mich sehr genau erinnern: Ich saß in der NDR-Kantine, habe diese Geschichte gelesen und dachte im ersten Moment: Das ist eine absolute Katastrophe! Einmal natürlich für den "Spiegel" selbst; die Kolleginnen und Kollegen schätze ich insbesondere deshalb, weil sie eben sehr genau, sehr exakt recherchieren. Das Zweite ist aber, dass der Journalismus insgesamt von dieser Geschichte stark betroffen ist. Gerade in Zeiten, in denen uns immer wieder "Lügenpresse" und "Fake News" vorgeworfen werden, liefern solche Geschichten natürlich Munition für diejenigen Leute, die ohnehin auf die Presse und auf den Journalismus schießen wollen.

Irgendwie überprüft ja automatisch jeder Journalist, jede Journalistin nach so einer Enthüllung auch sich selber. Haben Sie da auch Grauzonen bei sich erkannt?

Strunz: Jede gute Geschichte besteht im Grunde aus zwei Ingredienzen. Das eine ist der harte nachrichtliche Kern, in unserem Fall Investigation: Wer hat die Steuerhinterziehung begangen, um wieviel Geld ging es? Das andere, was aber mindestens genauso wichtig ist, ist das Kolorit einer Geschichte, wie wir das nennen: Welchen Pulli trug der Mann an diesem Tag, als er unter Umständen mit einem Geldkoffer über die Grenze ging? Hatte er eine Bargeld-Zählmaschine dabei, welche Uhr trug er? Das sind Sachen, die auch wichtig sind, weil sie die Leser oder die Zuhörer fesseln und bei diesen harten Geschichten so überhaupt für uns erreichbar machen.

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Was aber ganz wichtig ist, ist dass beide Zutaten sich an Fakten orientieren. Natürlich sind mir auch schon in meiner journalistischen Laufbahn Fehler unterlaufen, beispielsweise was eine Ortsmarke angeht oder dass ich einen Namen in einem Online-Artikel falsch geschrieben habe - das sind kleine Katastrophen für uns. Wenn das passiert, ist es sehr unangenehm - es passiert aber. Was ich aber für mich ausschließen kann und für alle anderen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, ist, dass man bewusst Fakten verdreht. So etwas ist hier noch nicht vorgekommen, und das kann ich mir auch beim besten Willen bei niemandem vorstellen.

Wie kann der NDR sicherstellen, dass bewusste Manipulation von Fakten, bewusste Quellen-Fälschung nicht passiert? Welche Überprüfungsmöglichkeiten gibt es da?

Strunz: Wir recherchieren hier in der Investigation in der Regel nie allein, sondern immer im Team. Das kann unter Umständen ein Team sein von mehreren hundert Journalisten, die weltweit an einem großen Thema arbeiten - das ist ein wichtiger Punkt. Der andere Punkt ist: Wir haben sogenannte Faktenchecks noch und nöcher. Bei uns gibt es also kein Vier-Augen-Prinzip, sondern da schauen sehr viele Augen drauf. Und die Geschichte am Schluss - wenn es dann zur Publikation kommt - wird, wenn es sein muss, auch ein fünftes oder ein sechstes Mal von einer Person gezogen, die selbst mit dieser Sache nichts zu tun. Wir haben zudem das Justiziariat, das immer auch noch einmal überprüft.

Ich denke aber, wenn es eine Journalistin oder einen Journalisten gibt, der selbst fälschen will, dann ist es ganz schwierig, das hundertprozentig auszuschließen. Da kommt es auf das eigene Ethos an. Ein anderer Punkt ist auch ganz wichtig: Wir brauchen in den Redaktionen auch eine Kultur des Scheiterns, das muss erlaubt sein. Man kann von niemandem erwarten, dass er im Jahr fünf bis sechs wahnsinnig tolle Geschichten hat - das ist einfach nicht drin und das müssen wir erlauben. Wir müssen da auch Druck rausnehmen und Raum lassen, Geschichten totzurecherchieren. Das passiert immer wieder, das ist ganz normaler Alltag.

Jetzt war der "Spiegel"-Journalist hochdekoriert und hat sich vielleicht sogar auch unter diesem Druck gesehen. Ist es vielleicht eine Schwierigkeit, dass zu sehr auf Auszeichnungen geschielt wird, die ja eine wichtige Währung in unserem Business sind?

Strunz: Sie ist vor allem für uns deshalb wichtig, weil die eigene Reputation Quellen erschließt, die man vorher unter Umständen nicht hatte. Auf der anderen Seite beobachte ich aber auch seit einigen Jahren, dass diese Kultur journalistischer Preise, insbesondere in Deutschland, sich stark überhitzt hat. Teilweise erlebe ich Preisverleihungen als Selbstbeweihräucherung und ich würde mir wünschen, dass die Diskussionen, die wir jetzt führen, auch noch einmal zur Reflektion über diese Preiskultur führt. Denn Journalismus ist anstrengend, Journalistin oder Journalist zu sein, ist unter Umständen in manchen Branchen sehr schlecht vergütet und bedeutet viel Arbeit. Letztlich ist es aber ein großes Privileg, und das sollte in erster Linie genutzt werden, um Menschen Geschichten nahezubringen, die sie bewegen - und die sollen natürlich stimmen.

Das Gespräch führte Petra Rieß.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.12.2018 | 16:20 Uhr