Außenaufnahme vom deutschen Schauspielhaus in Hamburg © dpa picture alliance Foto: Markus Scholz

Ausverkauft oder nicht? Der Neustart der Hamburger Bühnen

Stand: 15.10.2020 14:27 Uhr

Mitten in der Corona-Pandemie fahren Hamburgs Bühnen "auf Sicht". Doch keiner kann sagen, was in den kommenden Monaten passiert. Noch sind viele optimistisch.

von Peter Helling

"Ausverkauft?" Die Frage kommt ganz oft, will jemand den Erfolg einer Bühne bemessen. Nicht immer trifft sie ins Schwarze, schließlich geht es beim Theater auch und in erster Linie um künstlerischen Erfolg, um unbequeme Inszenierungen etwa. Und in Corona-Zeiten ist die Frage: "Ausverkauft?" um so irreführender, weil in den Sälen nur etwa ein Drittel oder gar ein Viertel der Sitzplätze vergeben wird. Dennoch sind natürlich auch Verkaufszahlen für den Bestand eines Hauses relevant - und so geht die Frage nach dem ökonomischen Überleben auch an einige Hamburger Bühnen.

Die größte deutsche Sprechbühne hat Sorgen

Peter Raddatz, der Kaufmännische Geschäftsführer des Deutschen Schauspielhauses, nennt die Lage kurz und bündig: "furchtbar". Und lacht trotzdem dabei. Statt 1.100 Plätzen kann er gerade nur 330 verkaufen. Und auch die füllen sich nicht automatisch. Die Menschen, sagt er, seien zurückhaltend beim Kartenkauf. "Aus betriebswirtschaftlicher Sicht dürften wir eigentlich nicht spielen, weil die Kosten eines Theaterabends die Einnahmen deutlich übersteigen". Und ja, die 330 Plätze seien in der Regel so gut wie ausverkauft, die Auslastung liege bei 90 Prozent. Raddatz rechne dennoch mit einem Einnahmen-Verlust von bis zu 70 Prozent für die ganze Spielzeit, so wie sich Corona derzeit entwickle - alle anderen Rechnungen seien "Kokolores". Er hofft auf einen Rettungsschirm der Kulturbehörde. Der Blick in die Glaskugel? Raddatz lacht: Das übersteige derzeit seine Vorstellungskraft.

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Besonders die privaten Bühnen müssen kämpfen

Das Schauspielhaus ist eine staatliche Bühne. Aber wie sieht es mit den privaten Häusern aus? Etwa dem größten des Landes, dem Ernst Deutsch Theater? Normalerweise finanziere sich das zu rund 70 Prozent aus Eigeneinnahmen, sagt Intendantin Isabella Vértes-Schütter. Dieser Anteil sei nun wegen Corona auf magere 20 Prozent abgestürzt. Dennoch: "Wir sind ausverkauft", sagt Vértes-Schütter und lacht. Eben die erlaubten 185 Plätze, knapp ein Viertel des sonst Möglichen. Sie sei erleichtert, dass die ersten Premieren der neuen Spielzeit, "Tyll" und "Hildegard Knef", eine so hohe Auslastung haben. Hilfe durch den Bund und die Stadt Hamburg sei aber absehbar unbedingt notwendig. Das ausgeklügelte Hygiene- und Abstandskonzept des Hauses werde, sagt sie, vom Publikum angenommen: "Sicherer als bei Ihnen im Theater kann man sich ja gar nicht fühlen" - diese Reaktion höre sie oft. "Mein Eindruck ist, dass das Publikum die Veranstaltungen als etwas sehr Kostbares wahrnimmt".

Die "Punks der Szene" im Lichthof Theater

Eine andere freie Spielstätte Hamburgs, das Lichthof Theater in Bahrenfeld, vermeldet: Auslastung bei 98,99 Prozent. Nur: Das Haus könne gerade mal 30 Plätze pro Abend verkaufen, sagt Geschäftsführerin Sarah Theilacker mit einem Schmunzeln. Die Einnahmen gingen direkt an die gastierenden Künstler-Gruppen. Immerhin erlässt das Haus, das freien Gruppen Hamburgs eine Bühne bietet, diesen sogar die Miete. Und hole sie, sagt Theilacker, von der Kulturbehörde wieder ein. Natürlich unter gebotener Sparsamkeit. Real gebe es also kein Minus, sagt sie, zumindest bis Ende Dezember. Und das Lichthof Theater hat eine besonders findige Idee: Neben den normalen Preisen von bis zu 18 Euro pro Karte gebe es einen Corona-Soli-Preis von 24 Euro. Der werde sehr gut angenommen. Die Menschen, sagt Theilacker, seien enorm solidarisch mit ihrer Bühne. "Wir sind total überrascht, wie schnell die Leute wiederkamen", sagt sie. "Wir sind und bleiben die Punks der Szene." Aber Punks, die sich eben an Regeln halten. "Wir können nicht rumheulen, wir sind demütig".

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Schachbrett-Sitzverteilung? Derzeit wohl ausgeschlossen

Auch die Hamburgische Staatsoper ist - ausverkauft. Im Sinne dieser Tage. Der Geschäftsführende Direktor Ralf Klöter seufzt hörbar. Zufrieden? Was halt "zufrieden sein" heiße in diesen Tagen, bei einem Viertel der normalen Sitzzahl, jede zweite Reihe raus, zwei oder sogar drei freie Plätze zwischen jedem verkauften Platz. Das sogenannte Schachbrett-Sitzmuster, das könnten sie sich derzeit nicht leisten, sagt er. "Schachbrett" hieße ja: Mindestens der halbe Saal könne besetzt werden. Die aktuellen Corona-Zahlen aber sprechen eine andere Sprache. Dennoch: Sie wollen spielen, unbedingt. Präsenz sei wichtig, sagt Klöter, nach außen, aber auch nach innen: wichtig etwa für das Ballett, fit zu bleiben, im körperlichen Training zu bleiben. Allerdings seien die Reserven des Hauses bis Ende des Jahres aufgebraucht.

Das gehe auch dem Thalia Theater so, sagt Tom Till, der Kaufmännische Geschäftsführer. Das Publikum sei zwar zurückhaltend, dennoch, es kommt, immerhin. Till zeigt sich erleichtert, dass das Haus sogar seinen hohen Abonnentenstamm bedienen könne. Das Glück seines Hauses? "Da wir keine Premiere abgesagt haben, sondern so viel wie möglich zu Beginn der neuen Spielzeit rausgebracht haben, können wir jetzt einen Repertoire-Betrieb anbieten". Mit lauter neuen Stücken, die Corona-spezifisch inszeniert seien. "Das rettet uns den Spielplan, Gott sei Dank". Die Devise heißt: "Mehr vom Neuen".

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Zweckoptimismus zählt

Und das Altonaer Theater, die Hamburger Kammerspiele? Traditionell gut laufende private Häuser. Derzeit sei ein so diskursives Stück wie Ferdinand von Schirachs "Gott" oder das Drama "Die Kinder" in den Kammerspielen sehr gut besucht, die Auslastung liege bei 70 bis 80 Prozent. Der Kaufmännische Leiter beider Häuser, Robert Hille, glaubt, dass diese ernsten Stoffe sehr gut in die Zeit passen. Der Vorverkauf schwanke aber sehr. Gerade das ältere Publikum sei noch etwas scheu beim Kauf der Karten. Dennoch, da wird Robert Hille fast etwas pathetisch: "Deutschland, das ehemalige Land der Dichter und Denker, lässt sich den Erhalt seiner Theaterszene einiges kosten". Aber, ein Riesenproblem werde wohl das Weihnachtsgeschäft. Normalerweise "ernähre" das das Altonaer Theater in der zweiten Hälfte der Saison. Und dieses Geschäft, das stehe gerade auf der Kippe. Noch sei nicht klar, wie und ob die Schulen Vorstellungen buchen. "Ich verstehe das", räumt Hille ein, dennoch: Die Sorgen sind groß.

Problem Weihnachtsgeschäft

Das Fazit: Die Bühnen Hamburgs fahren - das Modewort dieser Zeit - "auf Sicht". Was ab Januar werde, das könne derzeit keiner sagen. Die Häuser reagieren pragmatisch, vorsichtig und einfallsreich auf die Pandemie. Bieten, soweit möglich und mit dem besten technischen Know-how, etwa ausgeklügelten Lüftungssystemen, einen sicheren Aufenthalt. Es herrscht Zweckoptimismus. Hauptsache, im Theater gehen nicht wieder die Lichter aus.

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Sitzplätze in einem Kino sind sind mit Zetteln mit aufgedrucktem angedeuteten Corona-Virus-Symbol abgesperrt. © picture alliance/dpa Foto: Julian Stratenschulte

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 16.10.2020 | 19:00 Uhr