Büsten im Helmut-Schmidt-Archiv © NDR Foto: Benedikt Schäper

Auf den Spuren von Helmut Schmidts Nachlass

Stand: 18.03.2021 00:01 Uhr

Im Hamburger Stadtteil Langenhorn wohnte mit Helmut Schmidt einer der wohl berühmtesten deutschen Politiker überhaupt. Der frühere Bundeskanzler besaß dort auch ein Archiv, und nun wird sein Nachlass erforscht.

von Benedikt Scheper

Schwarze klare Linien auf dunkelbraunem Papier. Ein kleiner Brief - Anfang der 1940er-Jahre von großem Gewicht. Helmut Schmidts Großmutter schreibt ihrem Sohn, er sei aus einem One-Night-Stand entstanden. Damit versuchte sie, vor den Nazis die jüdische Herkunft des Vaters zu verschleiern, damit ihr gemeinsamer Sohn heiraten konnte - trotz unvollständigem Arier-Nachweis. Für die Archivarin Karin Ellermann ein herausragendes Dokument und Lohn aufwendiger Recherche in den Nachlässen der Familie Schmidt. "Die Herausforderung ist, den Nachlass von Helmut Schmidt, den er selber zu Lebzeiten zusammengetragen hat, in seiner Überlieferung zu erhalten und darzustellen und gleichzeitig archivarisch zu erschließen, damit die Forschung und die Fragen an diesen Nachlass beantwortet werden können."

500 Regal-Meter werden konserviert und digitalisiert

Archivarin Karin Ellermann kümmert sich um den Nachlass von Helmut Schmidt. © NDR Foto: Benedikt Schäper
Archivarin Karin Ellermann kam aus dem Goethe- und Schiller-Archiv nach Hamburg, um den Nachlass von Helmut Schmidt zu bearbeiten.

Dafür konservieren und digitalisieren Karin Ellermann und ihre Kollegen 500 Regal-Meter mit insgesamt 20.000 Einzeltiteln. Zwischen Akten, Fotos und Korrespondenz findet sich immer wieder spektakuläres Archivgut, wie der Bundeskanzler-Ausweis. Rotes Leder veredelt den Einband. Im Innern: ein Schwarz-Weiß-Foto des frisch gewählten Helmut Schmidt. Der Ausweis gewährt deutschen Regierungschefs besonderen Schutz und Zutrittsrechte. Ein Unikat, sorgsam in säurefreiem Karton verstaut und jederzeit griffbereit für Historiker. Auch die wohl einzige erhaltene Null-Nummer der Wochenzeitung "Die Zeit" lagert in den verschiebbaren Regalen des Magazins. Bei einem solchen Fund gehe einer Archivarin das Herz auf, sagt Ellermann: "Das will man dann auch mit allen teilen."

Helmut Schmidt: "Wissensspeicher" direkt neben dem Wohnhaus

Meik Woyke, Vorsitzender der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, und Archivarin Karin Ellermann im Magazin. © NDR Foto: Benedikt Schäper
Der ehemalige Bundeskanzler besaß das Archiv als "Wissensspeicher".

Neben seinem Langenhorner Wohnhaus kaufte Helmut Schmidt schon zu Lebzeiten das Nachbargebäude für ein Archiv und die Bibliothek. Hinter der Fassade aus rotem Backstein und Glas: Akten und Bücher, die sich bis unters Dach stapeln. "Das war hier sein Wissensspeicher und ich kann mich gut daran erinnern: Als ich als Historiker hier im Archiv saß und forschte, kam häufig der Anruf von drüben. Helmut Schmidt sagte seiner Archivarin, er brauche Material für einen Zeitungsartikel, einen Nachruf, für ein Buch-Manuskript", sagt Meik Woyke, Vorsitzender der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Der Nachlass sei der Spiegel seines weltweiten Netzwerks zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Karin Ellermann kam aus dem Goethe- und Schiller-Archiv nach Hamburg, um den Helmut-Schmidt-Nachlass zu bearbeiten. Ihr sei aufgefallen, dass er in seiner Struktur genauso angelegt sei wie der von Johann Wolfgang von Goethe. "Das heißt, beide Persönlichkeiten haben schon zu Lebzeiten ihre Hinterlassenschaft vorausschauend angelegt, um sie für spätere Generationen aufbewahren und nutzen zu können."

Das Archiv ermöglicht wissenschaftliche Forschung, Ausstellungen und Schüler-Projekte und sichert so Zeitgeschichte für die Nachwelt.

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Helmut Schmidt gestikuliert während einer Rede im Juni 1979. © dpa Foto: Fritz Fischer

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.03.2021 | 07:20 Uhr