Stand: 25.10.2019 16:16 Uhr

"Tendenzen, die mich hoffnungsvoll stimmen"

Die "Süddeutsche Zeitung" hat eine Repräsentativumfrage des jüdischen Weltkongresses veröffentlicht, die lange vor dem Attentat von Halle durchgeführt wurde: Danach nimmt der Antisemitismus in Deutschland zu: Derzeit denke jeder vierte Deutsche antisemitisch, 41 Prozent der Deutschen seien der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust. Ein Gespräch mit Sina Arnold vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.

Frau Arnold, haben Sie die Zahlen überrascht - oder ist das am Institut für Antisemitismusforschung so etwas wie Basiswissen?

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Sina Arnold ist von den Zahlen der aktuellen Studie nicht überrascht.

Sina Arnold: Nein, ehrlich gesagt haben uns diese Zahlen nicht überrascht. Sie decken sich vielmehr mit den Studien, die in den letzten Jahren wiederholt in Deutschland durchgeführt wurden. Aus diesen Umfragen wissen wir, dass antisemitische Einstellungen in Deutschland auf unterschiedlichen Ebenen in vielen Teilen der Bevölkerung weit verbreitet sind.

Was heißt denn eigentlich antisemitisch?

Arnold: Die Studie schaut sich unterschiedliche Ebenen an. Sie guckt auf traditionelle Stereotype, also die Vorstellung etwa, dass es eine stärkere Binnensolidarität unter Juden und Jüdinnen gibt. Die Vorstellung, dass Juden loyaler zu Israel als zu Deutschland sind - das denken 41 Prozent der Befragten. Und sie fragt nach Stereotypen von jüdischer Macht, etwa in Medien, im Finanzwesen, in der Wirtschaft - das glaubt ungefähr ein Viertel der Deutschen, wenn es um die internationale Einflussnahme geht. Neben diesen traditionellen Stereotypen erfragt die Studie auch Einstellungen aus dem Bereich des sekundären Antisemitismus, der sich auf Erinnerungs- und Schuldabwehr in Bezug auf den Holocaust bezieht. Da stimmen ungefähr 41 Prozent der Aussagen zu, dass Juden zu viel über das sprechen würden, was im Holocaust passiert ist oder dass sie den Holocaust ausnutzen würden, um bestimmte Ziele zu erreichen. Und schließlich guckt die Studie auch auf den israelbezogenem Antisemitismus.

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Die Zahlen geben auch her, dass 65 Prozent der Deutschen und 76 Prozent der sogenannten Eliten - also Menschen mit höherer Bildung und höherem Einkommen - einen Zusammenhang erkennen wollen zwischen wachsendem Antisemitismus und dem Erstarken rechter Parteien. Gibt es mehr rechte Parteien, weil der Antisemitismus zunimmt, oder schüren rechte Parteien Antisemitismus?

Arnold: Da gibt es sicherlich eine Wechselwirkung, aber man kann sehen, dass die rechtspopulistischen Parteien, für die der Antisemitismus ganz integraler Bestandteil ist, eine starke enttabuisierende Funktion haben. Da muss man sich nur anschauen, welche Geschichtspolitik die AfD hat. Die Rede vom "Denkmal der Schande", die Björn Höcke gegenüber dem Holocaust-Mahnmal geäußert hat; die Vorstellung, dass die Nazis nur ein "Vogelschiss in der deutschen Geschichte" waren, um Gauland zu zitieren. Da gibt es also Aussagen, die vorher in der Politik tabuisiert waren und es jetzt nicht mehr sind. Das trägt sicherlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Klima bei.

Genau ein Viertel der Befragten hält es für möglich, dass sich "so etwas wie der Holocaust in Deutschland heute wiederholen kann". Das ist erschreckend und alarmierend. Wie ernst sind solche Befürchtungen zu nehmen?

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Arnold: Auf Grundlage der Studie kann ich nicht sagen, was die Befragten sich da tatsächlich vorstellen, was wann wie passieren wird. Man kann durchaus davon sprechen, dass es allgemeine Tendenzen des Zerfalls der demokratischen Kultur oder der Öffentlichkeit gibt - nicht nur im Bezug auf das Thema Antisemitismus. Es geht auch um eine gesamtgesellschaftliche Verrohung und Angriffe gegenüber anderen gesellschaftlichen Minderheiten, die in der Studie auch erfragt werden. Da sind auch hohe Ressentiments gegenüber Muslimen, gegenüber Roma und Sinti erfasst. Vielleicht lässt diese Art des Zerfalls erstmal aufhorchen, denn wir wissen, dass der Holocaust nur das Ende von einer langen Entwicklung der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Verrohung war.

Beruhigt es Sie, dass der größte Teil der Bevölkerung bereit ist, sich für Juden zu engagieren, sich gegen Judenhass aufzubäumen?

Arnold: Ja, die Zahlen der Studie sprechen eine relativ deutliche Sprache, dass viele Leute besorgt sind und etwas gegen Antisemitismus machen würden. Mich beruhigen weniger die Zahlen in der Studie, weil es da diesen Effekt gibt, gerade in dieser Art von quantitativen Surveys, dass Leute gerade bei solchen Fragen gerne mal recht opportun antworten. Aber mich beruhigen andere Entwicklungen zum Beispiel zivilgesellschaftliche Bündnisse wie etwa "Unteilbar", die nach dem Anschlag von Halle mobilisiert haben, auf die Straße gegangen sind und deutlich gemacht haben, dass sie gegen rechten Terror vorgehen wollen. Sie schmieden nicht nur Bündnisse zwischen jüdischen Communitys, sondern auch mit migrantischen Communitys, die auch betroffen sind von dieser gesamtgesellschaftlichen Verrohung. Das sind Tendenzen, die mich hoffnungsvoll stimmen - mehr als die Werte in der Studie.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Sina Arnold © Ute Langkafel Foto: Ute Langkafel

"Tendenzen, die mich hoffnungsvoll stimmen"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Laut einer aktuellen Umfrage nimmt der Antisemitismus in Deutschland zu. Sina Arnold vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin sieht aber auch positive Entwicklungen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.10.2019 | 19:00 Uhr

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