Stand: 12.10.2017 22:04 Uhr

"Wir brauchen die schlechte Laune!"

In ihrem Buch "Lob der schlechten Laune" versucht Andrea Gerk dem Wesen der schlechten Laune auf die Spur zu kommen. Im Gespräch verrät sie, weshalb es durchaus produktiv sein kann, schlechtgelaunt durchs Leben zu gehen.

Frau Gerk, Sie haben sich bestimmt Rechenschaft abgelegt, woher ihr Faible für schlechte Laune kommt und was Sie angestiftet hat, ausgerechnet die Vorzüge dieser Regung zu preisen. Persönliche Passagen schmücken das Buch von Beginn an - was aber ist es insgeheim, das tief in Ihnen drin grummelt, meckert, murrt?

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"Schlechtgelaunte Menschen müssen keine schlechten Menschen sein", findet Andrea Gerk.

Andrea Gerk: Ich glaube, ich habe tatsächlich eher so einen Zugang zum Negativen im Leben. Das finde ich im Prinzip immer interessanter, wenn man dahin schaut, wo etwas nicht funktioniert. Die Sachen, die glatt laufen oder genauso schön sind, wie man sie sich vorgestellt hat, sind ja rund und da gibt es keine Ecken und Kanten mehr. Aber da, wo diese Risse, wo Ecken und Kanten sind, da geht es oft interessant weiter, nachdem man da seine schlechte Laune ausgetobt hat.

Offenbar ist die schlechte Laune etwas, das nicht gut in diese Zeit passt. Passt sie Ihnen deshalb so gut in den Kram?

Gerk: Jetzt, wo ich mich so viel damit beschäftigt habe, hatte ich den Eindruck, dass das tatsächlich auch so ein Image-Problem ist. Wir pflegen heutzutage viel mehr unsere Gesundheit, wir ernähren uns gut und haben alles im Griff. Das ist offenbar schon fast so ein Statussymbol, dass man alles unter Kontrolle hat. Und die schlechte Laune ist etwas ganz Archaisches, was sich kaum steuern lässt. Sie überkommt einen buchstäblich und letztlich zeigt sich darin so etwas wie der Eigensinn einer Person. Sie ist auch sehr flüchtig, also vergeht auch wieder. Dieses Spontane, Unberechenbare, Unkontrollierte scheint überhaupt nicht mehr in unsere Zeit zu passen.

Sie ziehen durch die Expertenwelt, quer durch eine Welt renommierter Wissenschaftler - haben Sie das Gefühl, dass Ihnen irgendjemand bündig erklären konnte, was dieses unleugbar vorhandene Phänomen der schlechten Laune ist?

Gerk: Es ist tatsächlich interessant, dass die Antworten, die man von Experten bekommt, genauso vielfältig sind wie die aus dem Bekanntenkreis. Das Interessante an der schlechten Laune ist, dass das ein ganz starker assoziativer Begriff ist: Jeder versteht sofort, was mit schlechter Laune gemeint ist, auch wenn jeder etwas anderes darunter versteht. Die einen sagen: Das ist so etwas, wenn ich morgens nicht aus dem Bett komme. Für den anderen ist das ein konkretes Problem, mit dem man nicht fertig wird. Und genauso haben diese Experten reagiert. Manche sagten, das sei ein habituelles Persönlichkeitsmerkmal, jemand der immer grantig auf alles reagiert. Andere haben gesagt: Nein, das ist ein Affekt, so etwas wie Erröten, etwas Vorsprachliches. Die Dritte hat gesagt: Im Alltagssprachlichen nennt man alles, was man als Emotionsaffekt oder Persönlichkeitsmerkmal bezeichnen könnte, schlechte Laune. Und das fand ich interessant, diese Zwiespältigkeit des Begriffs, der einerseits so stark für alle Leute besetzt ist, und trotzdem so vielschichtig ist.

Dieses Vielschichtige, Zwiespältige, so schwer zu Fassende ist offenbar eine ganz starke Produktiv- und Kreativkraft, auch Kunst. Beispiele aus der Literatur sind in ihrem Buch prominent von A bis Z vertreten. Haben Sie herausbekommen, woran das liegt, dass schlechte Laune so anregend ist, als Habitus sowohl wie auch als Stoff?

Gerk: Das ist etwas, was wir alle in uns haben. Und wenn man es zum Beispiel in der Kunst gespiegelt sieht, dann ist das wahnsinnig unterhaltsam. Oft benehmen sich die Leute wie Kinder, sie lassen all das raus, was wir die ganze Zeit unterdrücken. Und wenn wir das sehen, erkennen wir es wieder - und Wiedererkennung bereitet ja schon seit Aristoteles Vergnügen. Und dann noch in diesem übertriebenen Gestus, wenn wir an Komödien mit Jack Nicholson denken oder an Ekel Alfred oder an Dr. House - das ist immer noch etwas stärker als das, was man im Alltag so erlebt. Das ist wahnsinnig lustig und man hat noch so eine Art narzisstische Belohnung, weil man sich selbst auf die Schulter klopfen kann und sagen kann: Ich benehme mich viel besser als der. Das ist ungeheuer unterhaltsam.

Offenbar gibt es privilegierte Menschengruppen in Sachen schlechter Laune. Österreicher beispielsweise, jedenfalls wenn ich ihrem Buch folge, in Sonderheit die Wiener. Sie schwärmen geradezu von der Eleganz, mit der in Wien die Grantigkeit zelebriert wird. Müssen wir das Konzept des Nationalcharakters wieder auflegen?

Gerk: Ja, wahrscheinlich. Das Lustige in Wien ist, dass es da immer etwas ungeheuer Ironisches hat. Und diese gute schlechte Laune tritt nur dann ein, wenn das Subjekt, was die schlechte Laune hat, sich selbst auch mit in die schlechte Laune einbezieht. Thomas Bernhard grantelt zwar über alle Österreicher herum, aber letzten Endes endet er in den Texten immer bei sich selbst. Das ist wichtig, damit das nicht so ein Genörgel bekommt, sondern es wird nur dann witzig, wenn man sich bemüht, dass es noch in einer gewissen Form stattfindet. Die Österreicher haben großen Spaß dran, ihrer schlechten Laune auch noch möglichst originelle sprachliche Ausdrucksformen zu verleihen. Und sie beziehen sich meistens selbst mit ein - und dann ist schlechte Laune richtig witzig.

Noch eine privilegierte Gruppe könnte eine Hälfte der Menschheit sein: Männer. Der Bruddler, der Morgenmuffel, der Miesepeter, der Grantler, der Griesgram - ist das Zufall, haben die Männer da etwas genossen, was man Frauen nicht zugestanden hat?

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"Lob der schlechten Laune" ist im Kein & Aber Verlag erschienen und kostet 24,00 Euro.

Gerk: Bei Frauen hat es schnell so etwas Zickiges - darauf gibt es ja wieder kein Pendant für Männer. Die sprichwörtliche Grantlerin ist die Xanthippe, die Gattin des Sokrates, die ja so zänkisch und mürrisch war. Sie zeigt ganz gut, was Frauen-Grantlerinnen immer untergeschoben wird: dass sie immer den Männern das Leben schwer machen und, wie die Frau aus dem Märchen "Vom Fischer und seiner Frau", den Hals nicht vollkriegen. Die schlecht gelaunten Frauen sind eher unsympathisch. Wenn man geschlechtertheoretisch argumentieren will, kann man vermuten, dass viele dieser Geschichten von Männern geschrieben wurden. Vielleicht wollten sie den Frauen irgendwas Böses unterstellen - aber das ist jetzt nur so eine ganz weit hergeholte Theorie.

War es eigentlich nötig, so leicht und erheiternd über dieses Thema zu schreiben? Man bekommt permanent die Vorzüge schlechter Laune angepriesen und merkt, wie man beim Lesen immer gelöster wird. Und das verstimmt schon: Man will das Gelobte ja auch mal ausprobieren. Ist das Absicht, oder liegt es doch am Thema?

Gerk: Ich wollte schon so eine Art Selbstverteidigungsschrift für uns Schlechtgelaunte schreiben, weil ich mich ganz am Anfang gefragt habe: Muss man als schlechtgelaunter Mensch auch ein schlechter Mensch sein? Ich habe auch Freunde, bin verheiratet und habe Kinder, ein funktionierendes Sozialleben - und das haben auch viele große Grantler, mit denen ich mich gar nicht vergleichen will, wie Helmut Schmidt oder Schopenhauer. Und das ist ein Ergebnis dieses Buches: Schlechtgelaunte Menschen müssen keine schlechten Menschen sein, sondern sie haben offenbar oft ein Unterhaltungspotential oder eine erhöhte Geistesgegenwart, die das ausgleichen kann.

Das heißt, Sie geben der schlechten Laune auch in dieser selbstoptimierenden Welt eine Chance, eine Zukunft?

Gerk: Auf jeden Fall. Ich finde, je selbstoptimierender diese Gesellschaft ist, umso mehr Störfälle braucht sie, damit da auch mal Sand ins Getriebe kommt und man mal wieder innehält. Genau wie die Langeweile, die auch keiner mehr zelebriert. Wir machen immer und machen - und wenn man immer nur macht, dann kann auch gar nichts mehr entstehen. Die schlechte Laune oder die Langeweile sind Zustände, die wir ganz dringend brauchen.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.10.2017 | 19:00 Uhr

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