Stand: 01.09.2016 18:21 Uhr

Alles Gender - oder was?

von Wilhelm Schmid
Professor Wilhelm Schmid © imago/Jakob Hoff Foto: Jakob Hoff
Professor Wilhelm Schmid ist Experte auf dem Gebiet der Lebenskunstphilosophie.

Das ganze Leben hindurch müssen Menschen mit Bedingungen zurechtkommen, die nicht beliebig zu verändern sind, und können Möglichkeiten erkunden, die sich im Leben auftun. Das betrifft auch die Geschlechtlichkeit, die zunächst vorzufinden ist und überwiegend mit Unterschieden zwischen einem Mann- und Frausein zu tun hat. Heute ist dafür nicht mehr von Geschlechtern die Rede, sondern von Gender. Für die Einen ist das ein Kampfbegriff: Die Unterschiede sind demzufolge eine kulturelle Projektion, eigentlich gibt es sie gar nicht. Für die Anderen ist es ein Verstehensbegriff: Aller Erfahrung nach gibt es eben doch ein paar Unterschiede, es kommt darauf an, sie besser zu kennen, um ihnen Rechnung tragen zu können. Auffällig ist in jedem Fall die Hartnäckigkeit, mit der sich nach wie vor eine Polarität zwischen den Geschlechtern hält. Woher stammt diese Tendenz zur Differenz? Welchen Sinn hat sie, falls sie sich auf Dauer behaupten sollte? Ist sie in irgendeiner Weise dem Leben förderlich?

Wer sich solche Gedanken macht und sie äußert, muss heute darauf gefasst sein, dass ihm heftige Vorbehalte entgegenschlagen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass sich Frauen wie Männer sehr schnell auf einige Besonderheiten reduziert sehen, die ihnen angeblich eigen sein sollen. Sie wollen lieber Individuen sein und nichts mehr davon wissen, dass auch Individuen Gemeinsamkeiten haben. Niemals alle die gleichen, ein Teil ist immer anders, und auch das ist normal, nicht defizitär. Unstrittig ist, dass es lange Jahrhunderte des Missbrauchs geschlechtlicher Unterschiede gegeben hat. Diese Zeit muss, historisch gesehen, nun erst mal von einer Phase des Negierens abgelöst werden. Das Pendel der Geschichte schlägt bevorzugt zur Gegenseite hin aus, bevor es sich irgendwo zwischen den Extremen einpendelt. Also mit der gebotenen Vorsicht, um niemanden zu verärgern: Die folgenden Überlegungen zur Geschlechtlichkeit sind nicht Behauptungen einer letzten Wahrheit, nur Anregungen zu weiteren Gedanken und zur Reflexion eigener Erfahrungen.

Biologische, kulturelle und selbst augebildete Unterschiede

Vielleicht ist eine Drittelung sinnvoll: Zu einem Drittel könnten die Unterschiede, die es nicht geben soll, ein Werk der Biologie sein. Nach aktuellem Wissensstand steuern Gene schon im Mutterleib die Ausschüttung von Hormonen wie Östrogen und Testosteron. Diese wiederum beeinflussen die Ausbildung von Hirnarealen, in denen entweder die Fähigkeiten zur Kommunikation oder zur Aggression gestärkt werden. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum viele (nicht alle) Mädchen mit ihrem Spielzeug sprechen, während viele (nicht alle) Jungen aus allem ein Schwert machen. Bei einem zweiten Drittel könnten die Unterschiede durch die jeweilige Kultur ausgeprägt worden sein, also durch Familie, Peergroup, Gesellschaft, Sprache, Geschichte. Die entsprechende Ausgestaltung unterschiedlicher Verhaltensweisen, beispielsweise auf welche Weise viele (nicht alle) Frauen und Männer vorzugsweise mit Gefühlen umgehen, kann in der Geschichte lange vorhalten, ist jedoch grundsätzlich veränderbar. Zu einem dritten Drittel könnten Individuen selbst Unterschiede ausbilden, sie mit bewusster Lebensführung und der Einübung anderer Verhaltensweisen aber auch modifizieren, insbesondere die unterschiedlichen Arten des Umgangs mit biologischen und kulturellen Bedingungen. Ein verändertes kulturelles Verständnis von Geschlechtern kommt mittel- und langfristig wahrscheinlich auf diese Weise zustande.

Die Frau: einfühlsam und vielzielig

Grundsätzlich ist es Sache des Individuums, sich geschlechtlich zu definieren. Aber es scheint, wie gesagt, Gemeinsamkeiten vieler Individuen zu geben, kulturell oder auch biologisch begründet. Viele Frauen (nicht alle) scheinen mehr als Männer dazu in der Lage zu sein, sich in Andere und in Situationen einzufühlen, aufmerksamer wahrzunehmen, genauer hinzusehen, mit einem Blick für Kleinigkeiten, denen im Lebensvollzug oft große Bedeutung zukommt. Auf die eigentümliche Logik des Lebens, seine Regelmäßigkeiten, aber auch Zufälligkeiten und Widersprüche können viele Frauen, so jedenfalls der subjektive Eindruck, sich besser einstellen. Sie halten sich weniger mit vermeintlich Grundsätzlichem auf, sind weniger auf ein Ziel fixiert, gehen eher "vielzielig", polyteleologisch vor, wenn ihnen nicht ohnehin der Weg schon als Ziel gilt. Bei der Verwirklichung eines Vorhabens sind sie vorsichtiger in der Wahl der Mittel und verzichten im Übrigen gerne auf Getöse.

Über den Philosophen

Wilhelm Schmid, geb. 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. 2012 erhielt er den deutschen Meckatzer-Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie, 2013 den schweizerischen Egnér-Preis für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst.

Über das Bedürfnis nach Sinn im menschlichen Leben reden viele Frauen nicht lange, sondern nehmen es auf lebenspraktische Weise ernst. Welche Bedeutung sie bereits der Ebene der Sinnlichkeit zumessen, ist der Einrichtung und Ausstattung so mancher Wohnung abzulesen. Mehr als Männer verstehen sie sich darauf, "sich das Leben schön zu machen". Welche Rolle sie der Ebene der Gefühle zuerkennen, zeigt sich in der Art, wie sie Beziehungen pflegen und Sinn aus den gefühlten Zusammenhängen mit Anderen beziehen. Für die Ebene der geistigen Sinngebung gehen sie gerne davon aus, dass alles Sinn ergibt, was sich erzählen lässt. Den wichtigsten Unterschied aber markiert die hermeneutische Beweglichkeit vieler Frauen, ihre Fähigkeit, sich etwas Anderes vorzustellen und Dinge immer wieder anders zu deuten. Weniger als Männer setzen sie voraus, dass es eine einzige Wahrheit gibt, sondern ziehen andere Wahrheiten zumindest als Möglichkeit in Betracht. So verfügen sie im Zweifelsfall über Ausweichmöglichkeiten, zuerst im Denken, dann im Handeln. Was eine mögliche Dimension über das gelebte Leben hinaus betrifft, genügt ihnen anstelle der bei Männern verbreiteten dogmatischen Auffassungen ein eher diffuser metaphysischer Sinn, der dieser Dimension die Unbestimmtheit zuerkennt, die ihr wohl naturgemäß eigen ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 04.09.2016 | 19:05 Uhr

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