Mehrere Violinen, Stühle und Notenständer in einem Orchestergraben. © picture alliance / dpa Foto: Jens Büttner

"Alle Schwarzen können singen": Rassismus in der Klassikbranche

Stand: 21.03.2021 13:26 Uhr

Manchmal ist es nur ein subtiler Witz, manchmal offene Fremdenfeindlichkeit. Wie sieht es mit Rassismus in der klassischen Musikbranche aus?

von Miriam Stolzenwald

Anna Bineta Diouf hat in Hannover studiert und arbeitet in Annaberg-Buchholz als Opernsängerin. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Senegalese. Rassismus begegne ihr vor allem in subtiler Form, sagt sie. Oft handele es sich dabei um bestimmte Vorstellungen, wie eine schwarze Sängerin zu sein habe: "rassig, erotisch oder ursprünglich," so Diouf.

Subtile Witze, offene Fremdenfeindlichkeit

"Das sollen dann die Sachen sein, die man naturgemäß am besten bedienen kann. Und das ist schon etwas, was einen einschränkt oder was einen auch manchmal ärgert, wenn es so unreflektiert kommt." Was sie ansonsten erlebe, in Bezug auf ihren Beruf, sei, dass generell angenommen werde, sie müsse für ihren Gesang nichts tun, "weil ich ja schwarz bin, und alle Schwarzen singen können."

Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, insbesondere aus dem asiatischen Raum, würden sogar offen angefeindet, sagt Anna Bineta Diouf. Und das, obwohl internationale Ensembles in Opernhäusern üblich sind: "Was ich auch schon öfter gehört habe, ist sowas wie: 'Aasiatische Gesichter wollen wir auf der Bühne nicht sehen'." Laut Diouf handele es sich dabei um ein gesellschaftliches Problem. Um Vorstellungen, wie etwas zu sein oder auszusehen hat, zum Beispiel ein Held, wie Wagners Siegfried.

Viel Toleranz hingegen am Theater

Vongani Bevula arbeitet in der Oper Hannover © NDR
Vongani Bevula, der in der Oper Hannover arbeitet, hat an deutschen Theatern überwiegend positive Erfahrungen gemacht.

An der Oper in Hannover arbeitet der Sänger und Regisseur Vongani Bevula. Seine Heimat ist Südafrika. Dort habe er extrem rassistische Erfahrungen gemacht, sagt er. In Deutschland hingegen sei das anders. Dort gebe es eine wunderbare Toleranz im Theater. Er habe schon in fünf verschiedenen Theatern in Deutschland gearbeitet und diese Erfahrung habe sich immer bestätigt.

Ähnlich wie Opernensembles sind auch viele Orchester international besetzt. Circa ein Drittel der Musikerinnen und Musiker deutscher Berufsorchester sind nicht in Deutschland geboren, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Früher habe es ihnen gegenüber starke Anfeindungen gegeben. Heute gehe es vor allem darum, wie gut jemand spielt: "Beim Thema Rassismus gucken wir natürlich auch sehr genau hin, wie viele People of Color, also Menschen mit anderen Hautfarben, da vertreten sind." Das sei in deutschen Orchestern sehr gering.

Hänge aber nicht damit zusammen, dass die Orchester dies ablehnten, sondern es liege schlicht daran, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber aus den USA oder aus afrikanischen Staaten so gering sei. Darum komme es nicht zu einer Besetzung im Orchester. "Ein Rassismus in dieser Form innerhalb der Orchester," sagt Mertens, "vermag ich nicht zu beobachten."

Schmaler Grat zwischen Rassismus und taktloser Neugier

Was sich rassistisch anfühlt, sei womöglich auch nicht immer so gemeint, vermutet Anna Bineta Diouf. Manchmal würden Menschen einfach ihre Haare anfassen. Das sei dann weniger rassistisch motiviert als vielmehr eine taktlose Neugier.

Insgesamt habe sie das Gefühl - und das sagt auch Gerald Mertens - es gebe eine Sensibilisierung für das Thema, "dass in der Kunstszene sehr viele Menschen unterwegs sind, die sich stark damit beschäftigen und die versuchen, sehr sensibel zu sein." Trotzdem wird der Kampf gegen Rassismus und bestimmte Rollenbilder wohl nicht so schnell zu Ende gehen.

Weitere Informationen
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Wie rassistisch bist du? Das Experiment

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.03.2021 | 07:40 Uhr