Ein Mann und ein Junge schauen auf viele Fernseher © picture-alliance / dpa/dpaweb | Soeren_Stache

9/11: Wie war es, die Ereignisse als Kind zu erleben?

Stand: 08.09.2021 06:00 Uhr

Die Schriftstellerin Shida Bazyar war 13 Jahre alt, als die Flugzeuge in die Twin Towers flogen. Wie war es, den 11. September 2001 als Kind zu erleben?

Shida Bazyar © picture alliance/dpa | Georg Wendt
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von Shida Bazyar

Als Kind fehlt dir alles. Der ganze Kontext. Es fehlt dir alles - wirklich alles. Etwas passiert, etwas, was alle aufrüttelt. Etwas, was dir die KIKA-Moderatorin während des Programms mit wichtiger Miene erklärt. Und dann geht es weiter mit den nächsten Sendungen und was davon hast du verstanden? Zwei Flugzeuge rasen in ein Gebäude, von dem du noch nie gehört hast. Du denkst, bei all dem Elend der Welt wird so etwas doch schon einmal zuvor passiert sein.

Shida Bazyar © picture alliance/dpa | Georg Wendt
Die Schriftstellerin Shida Bazyar wurde 2016 bekannt mit ihrem Debüt "Nachts ist es leise in Teheran". Mit ihrem Roman "Drei Kameradinnen" steht sie 2021 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Du merkst gar nicht, dass du den Namen World Trade Center zwar tatsächlich noch nie gehört hast, dass der Anblick Manhattens aber einer ist, der deine mediale Sozialisation Zeit deines kurzen Lebens begleitet hat. Erst später wirst du die Veränderung wahrnehmen: Die beiden Türme werden fortan fehlen - sie werden fehlen. Du bist gar kein Kind mehr, auch wenn dir der Kontext zu alldem fehlt. Du bist 13 Jahre alt, auch wenn du noch immer KIKA guckst. Was hast du verstanden? Abgesehen davon, dass die Geschehnisse die Erwachsenen in einer derartigen Art und Weise aufwühlen, dass es offensichtlich bei all dem Elend der Welt durchaus noch singuläre Ereignisse zu geben scheint.

Mythen und Feindbilder

Wie viel Quatsch hast du hören müssen? Wie viele Mythen? Wer hat dir was erklärt und wie viele verschiedene, immens problematische Narrative gingen da Hand in Hand, ohne dass du und dein Umfeld es wussten? Du erinnerst dich an den Jungen in deinem Ort, er war einer der wenigen anderen mit einem sogenannten iranischen Hintergrund, der eine riesige Amerika-Flagge über seinen Rücksitz gelegt hatte. Als hätte er verstanden, dass wir ab jetzt immer die ersten sein müssen, die rufen: "Wir waren es nicht!". Und du fragst dich, wann du das erste Mal Verschwörungstheorien hörtest, ohne das Wort zu kennen. Fragst dich, wie groß der Antisemitismus in deinem Umfeld war, ohne dass ihn jemand als solchen erkannt hätte. Und wann genau eigentlich dieser heftige Amerika-Hass einsetzte. Du stellst fest, dass es so wahnsinnig einfach war, eine Meinung zu haben, als es um die Kriege in Afghanistan und Irak ging. Denn dass Amerika die Bösen waren, da waren sich dann alle einig. Und nein, mit alle meine ich nicht die bärtigen Onkel, die du überhaupt nicht hast. Mit alle meine ich die aufgeklärten, linken Alt-68er, die euch unterrichtet und eure Freund*innen erzogen haben. Was davon hast du wann verstanden?

Der 11. September prägt das gesellschaftliche Bild

Ich erinnere mich an meine Schwester, deren Tasche vor dem Club durchsucht wurde. Sie fand das lustig. Die Vorstellung, dass man mit diesen Terroristen in Verbindung gebracht werden würde, die war noch lustig. Ich erinnere mich an die Fotos der Attentäter und den Begriff "Rasterfahndung". Ich erinnere mich an den Onkel einer Freundin, dessen Haus danach beschattet wurde. Du hast dich mit nichts und niemandem identifiziert, was schön ist. Es beschreibt die Unschuld, die man haben muss, in dem Alter und die man haben darf. Du hast nicht verstanden, dass das, was die anderen allmählich taten, was mehr und mehr und mehr und spätestens seit dem Aufkommen des sogenannten Islamischen Staates seinen Höhepunkt erlangt hat, hier in den Kinderschuhen steckte. Man hatte endlich ein Negativbild, das man auf Leute wie uns - den Jungen mit dem Auto, die Schwester vor dem Club, den Onkel der Freundin - legen konnte.

Das Negativbild legte man auf uns und sah es erfüllt, es bestätigte sich von selbst, denn dafür war es da. Den Kontext, den ich als Kind nicht hatte, den habe ich jetzt. Die dramatische Tragweite des Ereignisses ist keine, die man mir erklären muss. Aus einer kritischen, postmigrantischen Perspektive war der 11.September nicht nur das, was er für alle war, nämlich ein grauenhafter Angriff auf Freiheit und Sicherheit. Er war auch die Vorwarnung auf das, was uns, die wir keine islamistischen Terrorist*innen sind, die wir nicht einmal zwangsläufig muslimisch sind, erwarten würde. Die Einladung, uns zu kriminalisieren. Im juristischen wie auch im zwischenmenschlichen Sinne. Heute weiß ich das. Damals wusste ich nichts.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.09.2021 | 18:00 Uhr

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