Stand: 25.09.2020 16:36 Uhr

50. Todestag: Was können wir von Remarque lernen?

Der Schriftsteller Erich Maria Remarque 1956 auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin. © dpa - Bildarchiv Foto: Bruechmann
Die Ausstellung "Weltweit Worldwide Remarque" dokumentiert ab 25. September 2020 die weltweite aktuelle Präsenz des Werkes von Erich Maria Remarque in unterschiedlichen Medien seit 1998.

Der 1898 in Osnabrück geborene Schriftsteller Erich Maria Remarque starb vor einem halben Jahrhundert im schweizerischen Locarno. An seinem 50. Todestag eröffnet in seiner Geburtsstadt eine Ausstellung zur aktuellen internationalen Rezeption des Autors: "Weltweit Worldwide Remarque" heißt die Schau im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum Osnabrück. Ein Gespräch mit dessen Leiter Thomas Schneider.

Herr Schneider, Remarque hat den Schöpfergeist vieler Künstlerinnen und Künstler angeregt - wie Sie in Ihrer Ausstellung belegen. Was ist so inspirierend an Remarque? Warum bewirkt er auch heute noch so viel in den Menschen?

Thomas Schneider: Weil Remarque in seinen Werken auf die allgemeine menschliche Problematik in Krisensituationen hingewiesen hat. Er hat nicht historisch gearbeitet, sondern er hat sich vorrangig dafür interessiert, was mit den Menschen passiert, was mit ihrer Psyche passiert, wenn sie in Krisensituationen geraten - sei es Krieg, Migration, ökonomische Konflikte oder schwierige ökonomische Lagen. Und dadurch, dass er sich auf diese allgemeinen menschlichen Probleme konzentriert hat, ist er auch heute noch lesbar, denn diese Probleme haben sich leider nicht verändert.

Remarque hat sich selbst als unpolitischen Autor bezeichnet - "Im Westen nichts Neues" wurde aber insbesondere als Antikriegsroman gelesen. War das vielleicht gar nicht so gedacht?

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Schneider: Doch, in jedem Fall war das so gedacht, denn es geht Remarque in seinen Werken - vor allen Dingen auch in "Im Westen nichts Neues" - darum zu fragen, was mit den Menschen passiert, nachdem der Krieg zu Ende ist. Was passiert mit den Soldaten, wenn sie wieder in eine Zivilgesellschaft zurückkehren müssen? Gelingt ihnen das? Welche Probleme bereitet das sowohl den einzelnen Soldaten als auch der Gesellschaft in ihren Bemühungen, diese Personen wieder zu integrieren? Das war zum Zeitpunkt, als "Im Westen nichts Neues" veröffentlicht wurde, zehn Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, ein weiterhin sehr dringendes Problem. Denn die Erfahrung des Ersten Weltkrieges war in den Köpfen der Zeitgenossen außerordentlich präsent und reichte bis hinein in die Frage, welches politische System für diese Nachkriegszeit am geeignetsten sei. Das war, wie wir alle wissen, in der Weimarer Republik höchst umstritten. Remarque vertrat eindeutig die Meinung, dass das demokratische System, also die Weimarer Republik, dafür am geeignetsten sei. Insofern ist er sehr politisch.

Er hat aber gesagt, dass er außerordentlich überrascht war über die politische Wirkung, die das Buch hatte.

Schneider: Das ist sicherlich richtig, denn Remarque war auf jeden Fall über diesen weltweiten Erfolg mit "Im Westen nichts Neues" sehr überrascht und hat Zeit seines Lebens Schwierigkeiten gehabt, damit klarzukommen. Denn mit einem solchen Weltbestseller konnte nun wirklich niemand rechnen. Was er aber sicherlich vorausgesehen hat, waren die innerdeutschen Konflikte, die mit "Im Westen nichts Neues" provoziert wurden. Denn zum damaligen Zeitpunkt, 1928, war die Mehrheitsmeinung der Weimarer Republik keinesfalls gegen den Krieg eingestellt, sondern der Krieg wurde als eine Möglichkeit betrachtet, diese, in den Augen mancher Zeitgenossen schlechte Situation Deutschlands wieder zu beheben und zu einem Zustand zurückzukommen vor Ende des Ersten Weltkrieges. Genau dagegen hat Remarque angeschrieben und musste dann mit entsprechenden Reaktionen rechnen.

Auch wenn wir uns in Deutschland aktuell zum Glück nicht im Kriegszustand befinden - global gesehen ist das Thema ein trauriger Dauerbrenner. Aber auch hier sind wir von Frieden und Eintracht weit entfernt. Können wir an dieser Stelle von Remarque etwas lernen?

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Schneider: In meinen Augen auf jeden Fall. Denn Remarque konzentriert sich auf die Einzelschicksale von Menschen. Einer der zentralen Punkte in Remarques Überzeugung ist der Punkt der Empathie, die Fähigkeit sich in andere Personen hineinzuversetzen. Damit leistet er in der Literatur die Voraussetzungen. Denn Remarque war grundsätzlich der Überzeugung, dass man versuchen muss, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, auch wenn man mit deren Handlungen und Überzeugungen nicht einverstanden ist. Nur so kann es überhaupt zu einem Verständnis kommen. Dieses Verständnis und diese Einfühlung sind die Grundlage für Dialog, und Dialog ist in jedem Fall entschärfend in Hinblick auf jegliche Konflikte.

Insgesamt 500 Exponate aus mehr als 60 Ländern sind in Ihrer Ausstellung zu sehen, darunter Theaterplakate, Filme, Videos, Graphic Novels und Musik. Haben Sie Ausstellungsstücke, die Sie besonders prägnant finden, die Sie besonders überrascht oder berührt haben?

Schneider: Ja, auf jeden Fall. Um noch einmal das Thema der Konflikte aufzugreifen, die auch in Europa aktuell stattfinden: Es gibt ein Video, das über den Donbass-Konflikt berichtet. Auf ukrainischer Seite ist eine Journalistin zu den ukrainischen Soldaten an die Front gegangen, um über sie zu berichten, und gerät dabei in einem Feuerüberfall. Man kann in dem Video auch sehen, dass Menschen dabei zu Schaden kommen. Dieses Video ist auch im ukrainischen Fernsehen gelaufen und wurde danach von einer ukrainischen Bloggerin in ihrem Blog verwendet, ergänzt um Zitate aus "Im Westen nichts Neues". Sie hat also mit dem Posten dieses Videos auf ihrem Blog vehement die Beziehung zwischen dem von Remarque dargestellten sinnlosen Sterben im Ersten Weltkrieg zu dem - in ihren Augen - sinnlosen Sterben an der ukrainischen Front im Donbass-Konflikt hingewiesen. Auf diese Art und Weise kann man an vielen weiteren Exponaten in unserer Ausstellung sehen, wie Remarque adaptiert wird, wie Remarque in die Gegenwart geholt wird und wie seine Überzeugungen auf gegenwärtige Konflikte übertragen werden.

"Im Westen nichts Neues" ist hierzulande mit Abstand sein populärstes Werk. International ist das aber nicht so, oder?

Schneider: Nein, es gibt sehr viele Remarques weltweit. Das hängt auch davon ab, welche Texte von Remarque im Vordergrund der jeweiligen Aufnahme und der Lektüre in den Kulturen stecken. Für Russland beispielsweise ist der Roman "Drei Kameraden" maßgeblich; man kann vielleicht sogar behaupten, dass jeder Russe diesen Roman irgendwann einmal gelesen hat. Er ist so zentral, dass viele andere Anknüpfungspunkte daran entstehen konnten. Dabei schildert der Roman das Schicksal von drei Kriegsheimkehrern zum Ende der Weimarer Republik in Berlin. Aber auch hier macht es Remarque so, dass die Schwierigkeiten, die diese ehemaligen Soldaten haben, übertragbar sind auf Situationen in anderen Ländern. In Korea ist Remarque der Autor von "Arc de Triomphe" - auch darauf beziehen sich viele Leute und viele Medienprodukte, die wir in unserer Ausstellung zeigen.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Der Schriftsteller Erich Maria Remarque 1956 auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin. © dpa - Bildarchiv Foto: Bruechmann

AUDIO: 50. Todestag: Was können wir von Remarque lernen? (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.09.2020 | 18:00 Uhr