Stand: 29.10.2019 16:35 Uhr  - NDR Kultur

50 Jahre Internet: Wie hat es das Schreiben verändert?

von Jan Ehlert

Ein Leben ohne Internet - für die Schriftstellerin Raphaela Edelbauer, Jahrgang 1990, nicht vorstellbar. Sie ist im Internet sozialisiert worden und machte dort ihre ersten Schreibversuche: "Ich war wahnsinnig viel in Internet-Foren unterwegs. Und dort habe ich User getroffen, die unglaublich gut schreiben konnten. Und das war für mein zwölfjähriges Selbst ein wahnsinniger Ansporn, dort Sachen selbst zu veröffentlichen."

Die Schriftstellerin Raphaela Edelbauer  Foto: Victoria Herbig
Die Schriftstellerin Raphaela Edelbauer hat ihre ersten Schreibversuche im Internet gemacht.

Eine weitere Motivation: Regelmäßiges Feedback in Echtzeit. Was aber auch schnell zum Stress werden kann, erinnert sich Edelbauer, deren Debütroman "Das Flüssige Land" in diesem Jahr auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. "Als mein Buch erschienen ist, war das ein ganz großer Druck, jeden Tag Instagram aufzumachen und die Kommentare dazu zu lesen. Ich konnte meinem professionellen Leben überhaupt nicht mehr entkommen, das hatte einen klaustrophobischen Effekt auf mich."

Romane als SMS, per Twitter und auf Facebook

Die Rahmenbedingungen des Schreibens haben sich durch das Internet verändert. Und auch viele neue Formen sind entstanden. 2008 verfasste der Finne Hannu Luntiala den ersten SMS-Roman. Ein Jahr später veröffentlichte Matt Stewart das erste Buch per Twitter. Und 2010 begann mit "Zwirbler" auch der erste Facebook-Roman, geschrieben mit Hilfe der User. Ein Projekt, das bis heute fortgeführt wird. 13.670 Personen gefällt dies.

2016 wagte auch der Schriftsteller Tilman Rammstedt den Schritt ins Netz: Auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite veröffentlichte er täglich ein neues Kapitel seines neuen Romans mit dem klingenden Titel: "Morgen Mehr". Dass er sich so mit seinen gerade fertig geschriebenen Kapiteln der Netzöffentlichkeit aussetzte, kam für Rammstedt selbst überraschend. Und er hatte Angst: "Ich habe jeden Abend, wenn ich das online stellte, gedacht: Das wird furchtbar. Und am nächsten Morgen habe ich mich gar nicht getraut nachzuschauen, wie die Reaktionen waren. Aber es war auch immer mein Wunsch, spielerisch mit Literatur umzugehen."

Künstliche Intelligenz schreibt neues "Unterwegs"

Spielerisch war Literatur schon immer. Die Oulipo-Bewegung oder Dichter wie Ernst Jandl haben das ganz ohne Netz erfolgreich ausprobiert. Aber durch das Internet kommen neue Spielfelder hinzu. Clemens Setz etwa unterhielt sich für seine Geschichte "Bot - Gespräch ohne Autor" in einem digitalen Frage-Antwort-Spiel mit seinem eigenen Tagebuch. Matthias Senkel ließ gleich seinen gesamten Buchpreis-nominierten Roman "Dunkle Zahlen" von einer Künstlichen Intelligenz schreiben - zumindest behauptet das Buch dies. Aber es gibt bereits mehrere Romane auf dem Markt, die tatsächlich nicht von Menschen, sondern von Maschinen geschrieben wurden, etwa "The Road" - frei nach Jack Kerouacs Bestseller "On the road", literarisch aber bleibt es weit dahinter zurück.

Tilman Rammstedt sitzt an einem Laptop und schaut in die Kamera. © dpa Foto: Sebastian Kahnert
Jeden Abend ein frisches Kapitel ins Netz: Der Auor Tilman Rammstedt.

Das Internet hat vieles möglich gemacht - und vieles leichter. Recherchen kann man heute bequem vom heimischen Computer aus erledigen. Und dank Blogs und Anbietern wie Books on Demand können auch Autorinnen und Autoren ein Publikum finden, die keinen Verlag von sich überzeugen konnten.

Gute Literatur in Zeiten fragmentarischer Aufmerksamkeit

Gute Literatur braucht aber trotzdem Arbeit und Fantasie, meint Raphaela Edelbauer. Solche Bücher werden daher auch weiter ihre Leserinnen und Leser finden - und ihre Autorinnen und Autoren. "Schreiben zieht Menschen an, die Einsamkeit, Stille und akribisches Arbeiten als Chance sehen", sagt Edelbauer. "Vielleicht wird das Schreiben qualvoller durch die fragmentarische Aufmerksamkeit, die das Internet hervorruft. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass es eine Bedrohung ist."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 29.10.2019 | 16:20 Uhr