Rostock und Kopenhagen: Ungleiche Radschwestern

Stand: 10.11.2021 13:52 Uhr

Kopenhagen hat schon vor 15 Jahren seine Verkehrswende eingeleitet. Seitdem investiert die Stadt jährlich ca. 20 Millionen Euro in die Radinfrastruktur. In Rostock sind dagegen von 28 geplanten Kilometern Radschnellwege-Netz gerade einmal ungefähr vier Kilometer fertig.

von Jürn-Jakob Gericke und Martin Möller

Marianne Weinreich von der "Cycling Embassy of Denmark" © Martin Möller Foto: Martin Möller
"Die Menschen in Kopenhagen und in Dänemark fahren Rad, weil die Städte entsprechend gestaltet wurden", sagt Marianne Weinreich von "Cycling Embassy of Denmark".

Eine Fahrradbrücke am Schweriner Dwang für 3,6 Millionen Euro, nur um 1.000 Meter Weg zu sparen. Für den deutschen Bund der Steuerzahler aktuell ein klarer Fall sinnloser Geldverschwendung. Dänen rechnen da anders. Jeder mit dem Rad gefahrene Kilometer spart 70 Cent. Wer zur Arbeit radelt, hat im Durchschnitt 30 Prozent weniger Krankheitstage. Allein in Kopenhagen summiert sich das auf 1,1 Millionen Arbeitstage jährlich. Hinzu kommt: Fahrräder brauchen weniger Platz, die Straßen verschleißen langsamer, weniger Abgase und Staus, was wiederum auch den Autofahrern nutzt. Am Ende zahlt sich jede investierte Krone dreifach aus, argumentiert Marianne Weinreich von der dänischen Fahrradbotschaft. Die sitzt in Kopenhagen und ist eine Vereinigung von staatlichen Institutionen, Vereinen und privaten Unternehmen, die das Rad fahren fördern wollen.   

Teure Radwege, knapper Parkraum

Kopenhagen hat schon vor 15 Jahren seine Verkehrswende eingeleitet. Seitdem investiert die Stadt jährlich ca. 20 Millionen Euro in die Radinfrastruktur und verknappt gleichzeitig den Parkraum um drei Prozent. Das Ergebnis: Mittlerweile fahren 62 Prozent der HauptstadtbewohnerInnen mit dem Rad zur Schule, Ausbildung oder Arbeit. In der Hansestadt Rostock sind sich eigentlich alle schon lange einig: Rostock soll wenigstens ein bisschen wie Kopenhagen werden. Ein leistungsfähiges Radschnellwege-Netz hatte Umweltsenator Holger Matthäus (Bündnis90/Die Grünen) schon 2013 im Nordmagazin angekündigt. Acht Jahre später sind von 28 geplanten Kilometern gerade mal ungefähr 4 Kilometer fertig.

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Erst machen, dann diskutieren

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen mit Johannes Hecht vom Fahrradkurier "Cykelbude". © Martin Möller Foto: Martin Möller
"Wie träge dieses System ist": Rostocks OB Claus Ruhe Madsen und Fahrradkurier Johannes Hecht.

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos), selbst gebürtiger Kopenhagener, ist die Ungeduld in der Stimme anzumerken. "Was mich frustriert, ist festzustellen, wie lange die Verfahren sind. Europaweite Ausschreibungen, Planungen - all das. Der Wille ist da, wir haben deutlich aufgestockt in den Finanzen, wir haben ein Amt für Mobilität geschaffen. Und trotzdem siehst Du, wie langsam das geht, wie träge dieses System ist." Auch deshalb will Madsen Zeichen setzen. Die Lange Straße, innerstädtische Hauptmagistrale Rostocks, wird 2022 zur Fahrradstraße. Es ist ein Experiment für ein Jahr. Madsen ist überzeugt, dass die RostockerInnen die Umwidmung annehmen werden, weil die Stadt seiner Ansicht nach so stressfreier und angenehmer wird. Madsen: "Wenn wir weiter immer nur im Vorfeld diskutieren kriegen wir nie Radwege. Das haben wir die letzten zehn Jahre gelernt."

Kopenhagener Schnellwege

Kopenhagen hingegen hat im vergangenen Jahrzehnt 295 Millionen Euro in die Fahrradinfrastruktur gesteckt. Das Ergebnis sind 248 Kilometer kreuzungsfreie Radschnellwege. Bekanntestes Beispiel ist die "Cykelslange" am Kopenhagener Südhafen. Die geschwungene Radbrücke führt über ein altes Hafenbecken und verbindet zwei Stadtteile. Das 235 Meter lange Bauwerk allein hat fünf Millionen Euro gekostet. Zum Vergleich: Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern gibt für alle Radwege im Nordosten 2020/21 mickrige vier Millionen Euro aus.

Lebensgefährlicher Job

Der Rostocker Johannes Hecht hat sein Auto vor ein paar Jahren ab- und ein Lastenrad angeschafft. Seitdem hat er als Kurier für das Kollektiv "Cykelbude" viel Bewegung an der frischen Luft, muss sich aber auch nicht selten mit übergriffigen Autofahrern herumplagen. Hinzu kommt: Gerade im Herbst sind die wenigen Radwege durch nasses Laub gefährlich glatt. Geräumt wird selten. Als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer fühlt er sich nicht. Das geht offenbar vielen Radfahrenden in Rostock so. Eine aktuelle Umfrage unter rund 3.800 Einheimischen kommt zum Schluss, dass das Sicherheitsgefühl deutlich abgenommen hat. Zwar sahen noch 53 Prozent der Befragten Rostock als fahrradfreundlich an, aber: Bei der vorherigen Befragung vor fünf Jahren sagten das noch 64 Prozent. Eine Sprecherin des Radentscheids Rostock, der für Verbesserungen im Radverkehr kämpft, kann diesen Umfrageergebnissen etwas Gutes abgewinnen. Die Arbeit der Initiative habe dazu geführt, dass die Menschen in Rostock das Thema Radverkehr kritischer und zunehmend realistisch sehen.

Zehn Forderungen an Rostock

Die Forderungen der Initiative Radentscheid Rostock: Zehn Kilometer sichere Radwege an Hauptstraßen pro Jahr einrichten, Rad- und Gehwege zuverlässig beräumen, 50 Bordsteine pro Jahr absenken. Fast 8.400 RostockerInnen hatten für diese Ziele unterschrieben, auch der heutige Oberbürgermeister Madsen, damals noch als Oberbürgermeister-Kandidat. Aus Sicht des Radentscheids ist sein Einsatz hinter den Erwartungen zurückgeblieben, sagt Sprecherin Marie Heidenreich: "Es gibt keine wirklich sichtbaren Verbesserungen auf der Straße. Gerade einfache Maßnahmen wie ein Pop-Up-Fahrradweg wären toll gewesen, dass haben andere Städte auch in Corona-Zeiten geschafft."

Kleinigkeiten machen den Unterschied

Städte fahrradfreundlich umzugestalten ist zum dänischen Exportschlager geworden. Marianne Weinreich von der "Cycling Embassy of Denmark" berät unter anderem Münster und Berlin. "Besondere Radfahr-Gene haben wir nicht. Die Menschen in Kopenhagen und in Dänemark fahren Rad, weil die Städte entsprechend gestaltet wurden. Die Politik hat bewusst investiert. Es wird viel Geld ausgegeben, um das Radfahren sicherer zu machen." Marianne Weinreich glaubt nicht an einen Königsweg. Jede Stadt ist anders, oft sind es kleine Details, die den Unterschied machen. In Kopenhagen gehören dazu: Trittbretter an Ampeln, Mülleimer an Radwegen oder flächendeckend Servicestationen mit Luftpumpen. Wegen der guten Infrastruktur ist das Rad auf vielen Strecken schnellstes Verkehrsmittel geworden.

Die Provinz zieht nach

Mittlerweile legen auch ländliche Regionen nach - wie Rostocks Partnergemeinde die Guldborgsund Kommune. Auf den Inseln Lolland und Falster sollen in den nächsten vier Jahren umgerechnet 27 Millionen Euro in das Radnetz fließen. Geplant sind ein dichtes Wegenetz mit Servicestationen, Radfähren und auch Trassen, auf denen später neben Fahrrädern auch fahrerlose Busse verkehren können. Ein Startpunkt ist der Fährhafen Gedser. Und der ist ja quasi schon Hinterland von Rostock. Die Wirtschaftsförderer der süddänischen Inseln sind die Initiatoren des Lolland/Falster Radplans. Sie sind sich sicher, dass das viele Geld gut angelegt ist.

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